Recherchen zeigen auf: US-Handelsminister Howard Lutnick log: Sechs Jahre Geschäfte mit Epstein

VonRainer Hofmann

Februar 24, 2026

Howard Lutnick, US-Handelsminister unter Trump, hat ein großes Problem. Und das wird mit jedem aufgetauchten Dokument aus den Epstein-Akten größer. Lutnick hatte stets behauptet, er und seine Frau hätten jeden Kontakt zu Jeffrey Epstein nach 2005 abgebrochen. Damals waren sie Nachbarn seines Anwesens in New York geworden, Epstein hatte ihnen eine Führung durch sein Haus gegeben, und Lutnick sagte später, er habe danach geschworen, „nie wieder mit diesem widerlichen Menschen in einem Raum zu sein.“ Klingt nach einem sauberen Schnitt. Ist es aber nicht.

Die Akten zeigen zunächst: Lutnick und seine Familie besuchten Epstein 2012 auf seiner Privatinsel. Im selben Jahr unterschrieben beide einen Investitionsvertrag für ein digitales Werbeunternehmen namens AdFin Solutions. Der Vertrag wurde fünf Tage nach dem Inselbesuch aufgesetzt. Epstein spendete 2017 fünfzigtausend Dollar für ein Wohltätigkeitsessen zu Lutnicks Ehren. 2018 koordinierten die beiden, wie sie eine Museumsrenovierung in ihrer Nachbarschaft aufhalten könnten. Das allein wäre schon genug, um die offizielle Version als unhaltbar zu entlarven.

Doch jetzt kommen nach Recherchen weitere Dokumente ans Licht. Die Spur führte über Indien nach England zu einem früheren leitenden Direktor bei BGC Financial, einem Cantor-Fitzgerald-Ableger, der nach eigenen Angaben Vergeltungsmaßnahmen erlitten hat, nachdem er Verstöße bei der Firma gemeldet hatte. Die Commodity Futures Trading Commission verhängte 2019 eine Strafe von drei Millionen Dollar gegen BGC wegen Verstößen bei Aufsicht, Meldepflicht und Buchführung. Was diese Dokumente zeigen, ist eindeutig: Lutnick war nicht einfach ein kleiner Minderheitsinvestor in AdFin, wie sein Umfeld behauptete. Er war über mindestens sechs Jahre finanziell mit Epstein in diesem Unternehmen verbunden, übernahm zunehmend die Kontrolle darüber und saß schließlich im Vorstand.

Eine archivierte Version der AdFin-Website aus dem Juli 2015 führt Howard Lutnick als eines von fünf „Vorstandsmitgliedern und Investoren“ des Unternehmens. Jeffrey Epstein erscheint in dieser öffentlichen Auflistung nicht, obwohl er seine Anteile an der Firma weiterhin hielt.

Ende 2013 lieh Cantor Fitzgerald, wo Lutnick als CEO fungierte, AdFin zwei Millionen Dollar. Epstein war einer von drei Nicht-Cantor-Aktionären, die diesem Darlehen zustimmen mussten — und er tat es. Anfang 2014 schrieb der Mitgründer David Mitchell an Epstein, dass Cantor nun einen Vorstandssitz gewinnen würde, Epstein aber weiterhin als einflussreicher Investor im Unternehmen blieb.

Im Januar 2014 informierte der Projektentwickler und Mitinvestor David Mitchell Jeffrey Epstein per E-Mail über weitere Details zur Finanzierung durch Cantor. Durch das Darlehen sei Cantor in der Lage, einen Sitz im Vorstand von AdFin zu erhalten, schrieb Mitchell. Zugleich wies er darauf hin, dass er gemeinsam mit Epstein und einem Unternehmensgründer als Gruppe bestimmte Entscheidungen der Firma blockieren könne. Während Cantor seinen Einfluss ausbaute, blieb Epstein damit weiterhin ein gewichtiger Investor im Hintergrund.

Im Februar 2016 informierte Mitchell die Investoren schriftlich, dass Cantor weitere 1.750.000 Dollar investieren und den Vorstand kontrollieren würde. Lutnick trat dem Vorstand bei. Der Brief hielt ausdrücklich fest, dass Cantor „die Entscheidungsgewalt auf Vorstands- und Aktionärsebene effektiv kontrollieren“ werde.

Das Dokument zeigt zwei Unterschriftenseiten zu einem „Series A Preferred Stock Purchase Agreement“. Auf der linken Seite unterzeichnete Howard W. Lutnick als Präsident für CVFHI, LLC. Auf der rechten Seite unterschrieb Jeffrey Epstein als Präsident der Southern Trust Company, Inc. Beide Signaturen beziehen sich auf eine Vereinbarung im Zusammenhang mit einer Vorzugsaktien-Investition in AdFin Solutions, Inc.

Epsteins Anteile wurden dadurch verwässert, von 8,8 auf 5,6 Prozent — er blieb aber der drittgrößte Investor in AdFin. Im Februar 2018 wollte Epstein aussteigen. Sein Buchhalter Richard Kahn teilte dem Unternehmenschef mit, Epstein sei bereit, seine Anteile zum Einstiegspreis von 875.000 Dollar zu verkaufen, und bat darum, dies den bestehenden Investoren mitzuteilen — also auch Lutnick und Cantor. Sechs Wochen später schrieb der AdFin-CEO zurück, man habe versucht, eine Antwort von „Howard und Jonathan“ zu bekommen, aber es gebe kein Interesse am Kauf.

Ein E-Mail-Austausch vom 28. Mai 2018 zeigt, dass eine Person mit dem Kürzel „HWL“ – Lutnicks zweiter Vorname lautet William – mit Jeffrey Epstein über das Unternehmen AdFin kommunizierte. Daraus geht hervor, dass Lutnick offenbar über Epsteins Beteiligung informiert war und die geschäftlichen Kontakte länger fortbestanden als bislang öffentlich dargestellt. In der Korrespondenz erkundigte sich Epstein nach den Zukunftsaussichten von AdFin. In einer als „vertraulich“ und als Eigentum von Cantor Fitzgerald LP gekennzeichneten Antwort schrieb „HWL“, das Unternehmen erwirtschafte nun endlich Einnahmen, die kommenden zwölf Monate müssten zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit führen.

Am 20. Mai 2018 schrieb Lutnick dann direkt an Epstein — wegen der geplanten Erweiterung der Frick Collection, die ihre Parkaussicht beeinträchtigen würde. Eine Woche später bat er Epstein, einen Anwalt zu schicken, um den Bau zu verzögern. Epstein antwortete durch einen Vermittler: „WIRD GEMACHT.“

Die vorliegende E-Mail vom 28. Mai 2018 dokumentiert einen Austausch mit Bezug auf Howard Lutnick. In der Nachricht wird mitgeteilt, dass „Jeffrey“ mit „WIRD GEMACHT!“ geantwortet habe. Zuvor hatte Lutnick in einer E-Mail vom 27. Mai angekündigt, einen Anwalt einzuschalten, um ein Bauprojekt zu stoppen, das unmittelbar gegenüber entstehen und unter anderem durch einen Buszugang, eine Laderampe und ein dreistöckiges Gebäude Aussicht und Lichteinfall beeinträchtigen würde. Er drängte darauf, einen Brief zu verfassen und rechtliche Schritte einzuleiten, um die Entscheidung zumindest zu verzögern. Die E-Mail endet mit dem Hinweis „Sent from my iPhone“ sowie der Kennzeichnung als weitergeleitete Nachricht.

Am selben Tag fragte Epstein in einer E-Mail direkt an das Konto mit dem Kürzel „HWL“, wie er die Aussichten für AdFin einschätze. Die Antwort war optimistisch: Das Unternehmen erwirtschafte endlich Einnahmen, die nächsten zwölf Monate würden entscheidend sein.

Das vorliegende Dokument zeigt einen E-Mail-Austausch vom 28. Mai 2018 zwischen Jeffrey Epstein und einem Kontakt mit dem Kürzel „HWL“. In der Korrespondenz wird zunächst über Bau- und Renovierungspläne gesprochen, darunter eine mögliche Fertigstellung in etwa vier Jahren sowie noch nicht ausgewählte Architekten. Epstein fragt, wie lange es dauere, bis „Sherry“ bereit sei und er sein Gästehaus erwerben könne. In einer weiteren Passage bewertet „HWL“ die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens optimistisch und schreibt, man erwirtschafte nun endlich Einnahmen, die kommenden zwölf Monate müssten zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit führen. Die E-Mails wurden jeweils von einem iPhone versendet und dokumentieren eine direkte, persönliche Kommunikation zwischen den Beteiligten.

Es gibt also eine direkte, schriftliche Unterhaltung zwischen Lutnick und Epstein über das gemeinsame Unternehmen — zu einem Zeitpunkt, zu dem Epstein seit Jahren als verurteilter Sexualstraftäter registriert war. AdFin schloss im Oktober 2019 seine Pforten, drei Monate nach Epsteins Verhaftung wegen Sexualverbrechen und zwei Monate nach seinem Tod im Gefängnis. Das Handelsministerium hat auf eine Anfrage zur Stellungnahme nicht geantwortet. Cantor Fitzgerald ebenfalls nicht. Der Rücktritt von Handelsminister Howard Lutnick wäre für uns nur die logische Konsequenz aus den gesamten Rechercheergebnissen. Alles andere wäre untragbar.

Quellen und ausgewertetes Material (für die Jahre davor, zum besseren Verständnis)
DOJ-PDFs (Epstein DataSet 9)
Behörden & Dokumente
Unternehmensarchiv (Webarchiv)
Medienberichte
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Muras R.
Muras R.
1 Stunde zuvor

Es ist doch wohl zu befürchten, dass gar nichts passieren wird und Lutnick damit durchkommt.

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