Kein Zugang, keine Antworten, keine Pressekonferenz – und ein Krieg, der niemanden auf die Straße treibt

VonRainer Hofmann

März 20, 2026

Teheran – Rosa DeLauro ist nicht bekannt dafür, leise zu werden, wenn sie wütend ist. Die Demokratin aus Connecticut, seit Jahrzehnten im Haushaltsausschuss, saß dem Botschafter Mike Waltz gegenüber und sagte das, was eigentlich nicht gesagt werden sollte, weil es zu deutlich klingt, zu bloßstellend, zu präzise: Wir bekommen keine Auskunft. Keine Zahlen. Keine Erklärung, wofür das Geld gebraucht wird und wohin es fließt.

Rosa DeLauro

Das Pentagon will 200 Milliarden Dollar vom Kongress.

Fast ein Viertel des gesamten Jahresbudgets des Verteidigungsministeriums. In einer einzigen Anfrage. Für einen Krieg, der offiziell kaum einer ist, der nicht erklärt wurde, nicht begründet wurde, nicht debattiert wurde – und der trotzdem läuft, täglich, mit wachsenden Kosten und schrumpfenden Antworten. Bisher hat der Kongress dafür keine einzige Seite mit Details bekommen.

Marco Rubio gibt seit Monaten keine reguläre Pressekonferenz im Außenministerium. Nicht eine. Der Außenminister der Vereinigten Staaten, zuständig für einen Krieg, der mehrere Regionen gleichzeitig erfasst hat, spricht nicht öffentlich. Er spricht nicht vor dem Kongress, nicht vor Journalisten, nicht vor dem Land. Er spricht, wenn er es für richtig hält, mit ausgewählten Medien, regierungsnahen Stimmen, Sendern und Publikationen, die keine unangenehmen Fragen stellen oder deren Fragen zumindest vorhersehbar sind. Das ist kein Zufall.

Das Pentagon arbeitet genauso. Der Medienzugang ist begrenzt, kontrolliert, kuratiert. Wer reinkommt, wurde ausgewählt. Wer kritisch berichtet, kommt nicht rein. Wer nicht reinkommt, berichtet auf Basis von Pressestatements, die so formuliert sind, dass sie Fragen beantworten, die niemand gestellt hat. Die großen unabhängigen Häuser, die seit Jahrzehnten aus Konfliktgebieten berichten, stehen draußen. Rechte, regierungsnahe Medien stehen drinnen. Rubio selbst hat das System nicht erfunden. Aber er bedient es mit einer Konsequenz, die auffällt. Für einen Mann, der einmal als außenpolitische Stimme der Republikaner galt, ist er bemerkenswert still geworden – außer dort, wo Stille ihm nützt und Reden ihm schadet.

Die Straße von Hormus steht fast still. Amerikanische Kampfjets und Angriffshubschrauber kreisen über dem Persischen Golf, während unten kaum noch Schiffe fahren. Eine der wichtigsten Handelsstrecken der Welt, durch die ein erheblicher Teil des globalen Öl- und Gastransports läuft, ist beinahe blockiert. Iran setzt Minen, Raketen und Drohnen ein. Das reicht. Der Schiffsverkehr bricht ein, der Ölpreis liegt über 108 Dollar pro Barrel, der S&P 500 steuert auf die vierte Verlustwoche in Folge zu.

In Kuwait brennt die Raffinerie Mina al-Ahmadi zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen. Sirenen heulen in Jerusalem und im Norden Israels. Israel greift Teheran an. Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate melden abgefangene Drohnen und Raketen. In Bahrain setzt herabfallender Schrott ein Lagerhaus in Brand. Der Krieg ist nicht mehr regional. Er hat aufgehört, irgendwo zu sein. Er ist überall.

Krieg, der niemanden auf die Straße treibt

Der Krieg ist da, die Bilder auch. Brennende Anlagen, zerstörte Infrastruktur, steigende Ölpreise. Und trotzdem bleibt die Straße weitgehend ruhig. In Berlin, Frankfurt, New York – es gibt Proteste, ja. Aber sie sind sehr klein, verstreut, ohne Druck. Kein Vergleich zu 2003, kein Moment, der die Politik zwingt, stehen zu bleiben. In den USA ist die Lage gespalten. Einige gehen gegen den Krieg auf die Straße, andere rechtfertigen ihn oder feiern ihn sogar. Teile der iranischen Diaspora unterstützen Angriffe auf das Regime. Die Front verläuft nicht nur zwischen Staaten, sondern mitten durch Gesellschaften. Das nimmt jeder Bewegung die Wucht. Im Nahen Osten ist es lauter, aber auch gefährlicher. Proteste kippen dort schnell, werden politisch instrumentalisiert oder eskalieren. Im Iran selbst richtet sich der Zorn längst gegen mehr als den Krieg. Wirtschaft, Repression, Macht – alles liegt offen. Der Konflikt wirkt wie ein Verstärker, nicht wie der Auslöser.

Man muß mittlerweile sehr trickreich sein, Bilder und Informationen aus dem Iran in die Welt zu bekommen.

Und die Umwelt? Sie brennt mit, aber sie mobilisiert nicht. Ölterminals stehen in Flammen, Lieferketten geraten ins Wanken, Risiken wachsen. Doch eine sichtbare Bewegung dagegen gibt es nicht. Diese Bilder existieren nur, weil investigative Journalisten dorthin gehen, wo es lebensgefährlich ist. Sie riskieren alles, damit der Krieg sichtbar bleibt – während der Rest der Welt zuschaut.

Der Arbeitsplatz: Teheran, 16. März 2026Solange noch jemand vor Ort berichtet, existiert die Wahrheit als Möglichkeit. Wenn auch das verstummt – nicht durch Verbot, sondern durch Gleichgültigkeit – dann ist nicht der Krieg das eigentliche Problem. Dann ist es das Schweigen danach, das keiner mehr bemerkt.

Doch: Kein globaler Aufschrei, kein Druck von der Straße. Was bleibt, ist ein seltsames Bild: Ein Krieg mit globalen Folgen – und eine Öffentlichkeit, die zuschaut. Laut im Netz, leise im echten Leben.

Und in Washington erklärt ihn niemand.

Donald Trump sagt: Es wird bald vorbei sein. Eine Begründung liefert er nicht. Finanzminister Scott Bessent kündigt an, die USA könnten Sanktionen gegen iranisches Öl aufheben, um den Markt zu beruhigen – ein Schritt, der jahrelanger amerikanischer Politik widerspricht, still angekündigt, ohne Debatte. Trump greift gleichzeitig NATO-Verbündete an, weil sie keine Kriegsschiffe schicken. Er schreibt: Feiglinge, und wir werden uns erinnern. Dann sagt er, er habe Benjamin Netanjahu gebeten, Angriffe auf iranische Energieanlagen zu stoppen. Eskalation und Bremsung. Drohung und Beruhigung. Alles gleichzeitig, alles offiziell, nichts erklärt.

„Ohne die USA ist die NATO ein Papiertiger! Sie wollten sich nicht am Kampf beteiligen, um ein nuklear bewaffnetes Iran zu stoppen. Jetzt, wo dieser Kampf militärisch GEWONNEN ist, mit sehr wenig Gefahr für sie, beschweren sie sich über die hohen Ölpreise, die sie zahlen müssen, wollen aber nicht helfen, die Straße von Hormus zu öffnen – ein einfaches militärisches Manöver, das der einzige Grund für die hohen Ölpreise ist. Für sie so leicht zu tun, mit so geringem Risiko. FEIGLINGE, und wir werden uns daran ERINNERN! Präsident DONALD J. TRUMP“

Das ist keine Kommunikationsstrategie. Das ist die Abwesenheit einer.

Die Zahlen, die diesen Krieg beschreiben, sind nicht am Rand. Iran meldet mindestens 1.348 getötete Zivilisten, eine Menschenrechtsorganisation aus Washington nennt 1.369. Im Libanon sind über 1.000 Menschen gestorben. In Israel wurden mindestens 14 Menschen durch iranische Angriffe getötet. 13 amerikanische Soldaten sind gefallen. Allein in der ersten Kriegswoche beliefen sich die Kosten auf über 11 Milliarden Dollar. 200 Milliarden insgesamt, möglicherweise. Und der Kongress hat dafür keine Aufschlüsselung bekommen. Keine Spezifikation. Kein Dokument. Nichts.

Pete Hegseth und Marco Rubio sollen nicht unter Eid erklären, warum die USA in diesen Konflikt eingetreten sind. Republikanische Abgeordnete blocken öffentliche Anhörungen. Senator Ron Johnson nennt als Grund: Man wolle dem Gegner keine Spaltung zeigen. Senator Bill Hagerty nennt öffentliche Befragungen sehr ungesund. Man muss kurz bei diesen Formulierungen bleiben. Öffentliche Kontrolle als Schwäche. Parlamentarische Aufsicht als Risiko. Der Gedanke, dass ein gewähltes Gremium nachfragt, wofür Steuergelder ausgegeben werden und warum Menschen sterben, wird hier nicht als Pflicht behandelt, sondern als Problem. Und wer diesen Gedanken zu Ende denkt, landet unweigerlich bei einer Frage, die unbequem ist: Wenn Kontrolle als Schwäche gilt, was gilt dann als Stärke?

Marco Rubio, Pete Hegseth

Vereinzelt melden sich Stimmen aus den eigenen Reihen. Susan Collins hält Anhörungen für sinnvoll. Lisa Murkowski fragt, warum kaum über den Krieg gesprochen wird. Brian Fitzpatrick will Regierungsvertreter öffentlich befragen. Es sind Ausnahmen, keine Bewegung. Die Geheimdienste stellen die offizielle Begründung für den Kriegseintritt mehr als nur infrage. Eine unmittelbare Bedrohung, die militärisches Handeln rechtfertigen würde, ist bisher nicht überzeugend belegt worden. Trotzdem läuft der Krieg. Trotzdem steigen die Kosten. Trotzdem schweigt der Kongress mehrheitlich.

Irgendwo zwischen dem brennenden Kuwait und den 200 Milliarden Dollar ohne Aufschlüsselung liegt die Frage, die niemand offiziell stellen will: Was ist das Ziel? Nicht das erklärte. Das tatsächliche. Das, auf das man hinarbeitet, wenn die Raketen fallen und die Schiffe nicht mehr fahren und die Zahlen wachsen. Dieses Ziel ist nicht mehr klar auszumachen. Vielleicht war es das nie. Vielleicht ist genau das der Zustand, in dem dieser Krieg geführt wird – ohne erkennbares Ende, ohne öffentliche Rechenschaft, ohne jemanden, der sagt, wann es genug ist. Rosa DeLauro hat gefragt. Sie hat keine Antwort bekommen.

Das sagt mehr als jede Zahl.

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Ela Gatto
Ela Gatto
2 Stunden zuvor

Leider wird es keine Antworten auf diese Fragen geben.
Schlicht, weil man es nicht beantworten kann. Es gibt einfach keine Erklärungen.

Die Republikaner und Demokraten verlieren sich in einem Spiel aus Macht und Schuldzuweisungen.
Die Republikaner noch zusätzlich im Bestreben Trump zu schützen. Um jeden Preis.

Den Preis zahlen aber Andere.
Nicht Trumps Entourage, nicht der Kongress, nicht der Senat.
Nicht die Milliardäre und Millinäre die auf Trumps Schleimspur surfen.

Nein es ist der Gros der Bevölkerung.
Steigende Preise wohin das Auge reicht.
Tote US-amerikanische Soldaten.

Hunderte Tote, tausende Verletzte im Nahen Osten.

Die Weltwirtschaft in einer der größten Krisen.

Warum es weltweit keine Proteste gibt?
Ich weiß es nicht.

Vielleicht weil die Medien es „schön reden“?
Vielleicht weil die Menschen „müde“ geworden sind?
Vielleicht weil sich Gleichgültigkeit breit macht?
Vielleicht weil aus diesen Demonstrationen kaum Konsequenzen folgen?
Vielleicht weil Demonstrationen oftmals vom rechten und auch linken Extremismus für eigene Zwecke gekapert werden und dann bedauerlicherweise mit Gewalt enden.
Vielleicht weil auch die Politik zum großen Teil inaktiv bleibt.
Vielleicht weil die Menschen in ihrem kleinen Umfeld schon zu kämpfen haben?
Oder es ist eine Mischung aus Allem.

Ich erinnere mich an den Kuwait Krieg.
Es gab unmittelbare spontane Großdemonstrationen „ohne Frieden gehen wir nicht nach Haus“

In den USA gab es die letzte Groß-Demonstration gegen den Vietnamkrieg.

Es gab keine Demonstrationen als Russland 2014 die Krim annektierte… vor der Haustür Europas.
Es gab auch keine Demonstrationen als Putin die Ukraine vor 4 Jahren überfiel.

Das alles macht mich sehr nachdenklich und traurig.

Bitte passt auf Euch auf.

Wolfgang Sikula
Wolfgang Sikula
1 Stunde zuvor

Ich kann es euch gar nicht oft genug sagen… HUT AB vor eurem Mut und eurer genialen Arbeit!

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