Die iranische Führung hat eine klare rote Linie gezogen. Wenn die Inseln vor der Südküste Irans angegriffen werden, so warnte Parlamentspräsident Mohammad Bagher Qalibaf, werde Teheran „jede Zurückhaltung aufgeben“. In seiner Botschaft machte er auch deutlich, wen er verantwortlich machen würde: US-Präsident Donald Trump. Sollte es zu Angriffen kommen, so schrieb Qalibaf, werde Trump „für das Blut amerikanischer Soldaten verantwortlich sein“.
Die Worte fallen in einem Krieg, der sich seit dem 28. Februar immer weiter ausdehnt. Was auf der Landkarte wie kleine Punkte wirkt, entscheidet in Wirklichkeit über Geld, Energie und militärische Kontrolle im Persischen Golf. Die Inseln vor Irans Küste sind kein Randdetail des Konflikts. Sie sind ein empfindlicher Nerv der gesamten Region. Besonders im Fokus steht die Insel Kharg. Nur rund 33 Kilometer vor der iranischen Küste gelegen, ist sie der wichtigste Umschlagplatz für iranisches Öl. Nahezu alle Exportmengen des Landes passieren diese kleine Koralleninsel. Seit Beginn des Krieges wurden laut Auswertungen von TankerTrackers.com rund 13,7 Millionen Barrel Öl von dort verschifft. Satellitenbilder zeigten noch am Mittwoch Tanker beim Beladen an den Terminals der Insel.
Öl bleibt die wichtigste Einnahmequelle des iranischen Staates. Ein großer Teil der Lieferungen geht nach China. Wer Kharg kontrolliert, kontrolliert deshalb den finanziellen Kreislauf des Landes. Die Insel ist voll von riesigen Lagertanks im Süden, daneben Wohnanlagen für Tausende Arbeiter. Zwischen Raffinerien und Depots laufen Gazellen über das Gelände – ein ungewöhnlicher Anblick an einem der empfindlichsten Energiepunkte der Region.
Die Insel Kharg ist die zentrale Lebensader der iranischen Wirtschaft. Ohne diese Insel würde das Land kaum funktionieren können. Dabei spielt es auch keine Rolle, wer in Teheran regiert. Es ist der Hauptknotenpunkt der iranischen Wirtschaft. Wenn der Iran Kharg verliert, verliert das Land die Grundlage für staatliche Einnahmen, militärische Finanzierung und politische Stabilität. Ein direkter Angriff auf Kharg würde die meisten iranischen Ölexporte sofort stoppen. Die Folge wäre nicht nur ein wirtschaftlicher Schock für Iran, sondern auch eine massive militärische Reaktion. Besonders die Straße von Hormus könnte dann zum Schauplatz neuer Angriffe werden. Auch Energieanlagen in der gesamten Region wären gefährdet. Wenn Trump das in Betracht zieht, könnte es ein Fehler mit kaum vorhersehbaren Folgen sein.

Der Krieg hat Kharg bereits erreicht. Donald Trump erklärte in einer nächtlichen Stellungnahme, US-Streitkräfte hätten „alle militärischen Ziele“ auf der Insel zerstört. Er sprach von einem der stärksten Bombardements der jüngeren Geschichte im Nahen Osten. Gleichzeitig erklärte der Präsident, er habe bewusst darauf verzichtet, die Ölinfrastruktur der Insel anzugreifen. Sollte Iran jedoch die Schifffahrt durch die Straße von Hormus behindern, könne diese Entscheidung jederzeit geändert werden.
Die bisherigen US-Angriffe auf Kharg richteten sich offiziell gegen militärische Einrichtungen – nicht gegen die Ölterminals
Kurz zuvor hatte Trump in einem Radiointerview auf eine andere Frage gereizt reagiert. Ein Journalist wollte wissen, ob die USA erwägen, die Insel selbst einzunehmen. Trump wich aus. Ob er es plane oder nicht, sagte er, werde er sicher nicht öffentlich erklären. „Wer stellt so eine Frage – und welcher Idiot würde darauf antworten?“ Kharg ist jedoch nur ein Teil des strategischen Inselbogens vor der iranischen Küste. Weiter westlich liegen Abu Musa sowie die beiden Tunb-Inseln – Greater Tunb und Lesser Tunb. Diese drei winzigen Landstücke gehören seit Jahrzehnten zu den gefährlichsten Streitpunkten im Persischen Golf.
Iranische Truppen besetzten die Inseln im November 1971, kurz nachdem Großbritannien seine Militärpräsenz im Golf beendet hatte. Nur wenige Tage später schlossen sich mehrere Scheichtümer zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammen. Die Emirate betrachten die Inseln bis heute als ihr Territorium. Iran dagegen hält sie militärisch besetzt und hat dort Garnisonen stationiert. Der Streit ist nie beigelegt worden und gehört zu den dauerhaften Spannungen zwischen Iran und den mit den USA verbündeten Golfstaaten. In einem größeren Krieg könnten diese Inseln sofort zu militärischen Vorposten werden – oder zu Zielen.

Noch größer ist Qeshm, die größte Insel im Persischen Golf. Sie liegt nahe der Straße von Hormus und hat etwa 150.000 Einwohner. Ihre Lage macht sie zu einem wichtigen Punkt für Handel, Infrastruktur und militärische Überwachung der Meerenge. Iran behauptet, die USA hätten am 8. März eine Entsalzungsanlage auf Qeshm angegriffen. Washington hat diese Darstellung bislang nicht bestätigt. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi warnte jedoch, Angriffe auf zivile Infrastruktur hätten „gefährliche Folgen“. Die Anlage versorgt etwa 30 Dörfer mit Trinkwasser.
Die Reaktion folgte schnell. Bereits einen Tag später meldete Bahrain Schäden an einer eigenen Entsalzungsanlage. Nach Angaben des Innenministeriums wurde sie durch eine iranische Drohne getroffen. Die Wasserversorgung blieb zwar stabil, doch der Angriff zeigte, wie schnell zivile Infrastruktur im gesamten Golfgebiet zum Ziel werden kann.
Währenddessen wächst die militärische Präsenz rund um Iran weiter. Die Vereinigten Staaten haben rund 2.500 Marines sowie amphibische Kriegsschiffe in Richtung Naher Osten verlegt. Die 31st Marine Expeditionary Unit, normalerweise im Pazifik stationiert, ist auf dem Weg in die Region. Solche Einheiten sind nicht nur für Landungsoperationen ausgebildet. Sie werden auch eingesetzt, um Botschaften zu schützen, Zivilisten zu evakuieren oder schnelle militärische Verstärkungen zu stellen. Siehe unseren Artikel: Raketen, Marines und Millionenprämien: Wie Amerika den Krieg ausbaut – Bilder einer verzweifelten Stadt
Noch sind die Schiffe mehrere Tage von den Gewässern vor Iran entfernt. Ihre Verlegung zeigt jedoch, dass Washington sich auf eine längere Eskalation vorbereitet. Gleichzeitig weitet sich der Krieg über die Region hinaus aus. Saudi-Arabien meldete am Freitag die Abwehr von 65 iranischen Drohnen sowie einer ballistischen Rakete. Viele der Angriffe zielten auf die ölreiche Ostprovinz des Landes. Zwei migrantische Arbeiter wurden dabei getötet. In Katar wurden seit Kriegsbeginn mehr als 5.000 Meldungen über herabfallende Trümmerteile registriert. Splitter von abgefangenen Raketen und Drohnen landeten an über 600 Orten im Land. Auch dort steht eine wichtige amerikanische Militärbasis: Al Udeid.
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Der Ölpreis ist wieder über die Marke von 100 Dollar pro Barrel gestiegen. Brent-Öl lag zuletzt bei über 103 Dollar. US-Rohöl kostete knapp 99 Dollar. Seit Beginn des Monats sind die Preise um mehr als 40 Prozent gestiegen. Die Börsen reagieren nervös. Der S&P-500-Index verlor am Freitag 0,6 Prozent, der Nasdaq fast ein Prozent. Anleger beobachten vor allem die Entwicklung im Persischen Golf. Solange der Krieg anhält, bleibt der Energiemarkt das empfindlichste Glied der globalen Wirtschaft.
All diese Entwicklungen zeigen, warum die kleinen Inseln vor Irans Küste plötzlich im Zentrum der Weltpolitik stehen. Sie sind nicht nur militärische Positionen. Sie sind Umschlagplätze für Energie, Kontrollpunkte für eine der wichtigsten Meerengen der Welt und Symbol eines jahrzehntelangen Machtkampfes im Golf. Wer sie angreift, greift nicht nur ein Stück Land an. Er greift die wirtschaftliche Lebensader eines ganzen Staates an – und riskiert, dass sich der Krieg weit über Iran hinaus ausbreitet.
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