In Erinnerung und als Warnung – Die Stimmen und der Tod – was Polizisten am 6. Januar wirklich erlebten

VonRainer Hofmann

Januar 6, 2026

Der Blick auf den 6. Januar 2021 verändert sich grundlegend, wenn man ihn nicht aus der Distanz politischer Schlagzeilen betrachtet, sondern aus der Perspektive jener, die im Inneren der Gewalt feststeckten. Während Anhänger von Donald Trump versuchten, das Herz der amerikanischen Demokratie zu überrennen, kämpften Polizisten auch um ihr Leben, als Inneren des Gebäudes die Bestätigung des Wahlsiegs von Joe Biden gewaltsam unterbrochen wurde. Wir haben bewusst darauf verzichtet, die bekannten Gesichter des Kapitolsturms in diesem Artikel zu zeigen. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Haltung. Aus Respekt vor den Polizisten, die an diesem Tag um ihr Leben kämpften, ums Leben kamen, und vor den Opfern der Gewalt. Vor allem aber, weil jene, die das Kapitol angriffen, keine weitere Aufmerksamkeit verdienen. Ihre Taten sind dokumentiert, ihre Bilder allgegenwärtig. Was zählt, sind nicht ihre Gesichter, sondern die Stimmen derer, die standhielten, verletzt wurden und einen Preis zahlten, den man nicht relativieren kann.

Gegen 16 Uhr hatte sich der Kampf auf den schmalen Lower-West-Terrace-Tunnel verlagert, einen etwa drei Meter breiten Durchgang unterhalb der späteren Inaugurationsbühne. Hunderte Randalierer drängten von außen nach, während eine dünne Linie aus erschöpften Beamten versuchte, den letzten Zugang zu halten. Sergeant Aquilino Gonell beschrieb die Szene als einen verzweifelten Versuch, einen endgültigen Durchbruch zu verhindern. Beamte standen Schulter an Schulter, vier oder fünf nebeneinander, und stemmten ihre Körper gegen den Druck einer Menge, die im Takt rief und schob. Der Kampf wurde zunehmend körperlich, Worte verschwanden, Fäuste, Schilde, Metallstangen und Pfefferspray übernahmen. Einige Polizisten hatten ihre Schutzschilde bereits verloren und riefen nach Ersatz, während sie weiterstanden, verletzt, blutend und kaum noch bei Kräften.

Detective Phuson Nguyen

Mehrere Aussagen zeichnen ein Bild fast vollständiger Enge. Detective Phuson Nguyen berichtete, wie Demonstranten im Rhythmus zählten und drückten, bis das Schieben in offenes Schlagen überging. Officer Daniel Hodges schilderte, wie er gegen einen Metallrahmen gedrückt wurde, die Arme eingeklemmt, ohne Bewegungsfreiheit, während ein Angreifer mit einem gestohlenen Schild immer wieder auf ihn einschlug. Andere Beamte erzählten, wie sie in Abständen von wenigen Minuten mit neuen Gruppen konfrontiert wurden, während die eigenen Kräfte schwanden. Officer Jesse Leasure erinnerte sich an einen Moment, in dem ihm jemand eine Mistgabel reichte, aus Angst, sie könne gegen die Polizei eingesetzt werden. Gleichzeitig versuchten einzelne Angreifer, die Beamten anzusprechen, erklärten, man wolle ihnen nichts tun, während im selben Moment Schläge und Tritte folgten.

Die Gewalt eskalierte weiter, als einzelne Polizisten aus der Linie gerissen wurden. Officer Michael Fanone wurde in die Menge gezogen, hörte jemanden schreien, man habe einen erwischt, verlor Abzeichen, Funkgerät und Munition. Er berichtete, wie Angreifer versuchten, ihm die Waffe zu entreißen, wie Rufe laut wurden, man solle ihn mit seiner eigenen Pistole töten. Mehrfach wurde er mit einem Taser getroffen. Inmitten dieses Angriffs dachte er an seine vier Töchter und daran, dass er möglicherweise nicht lebend herauskommen würde. Auch Detective Nguyen wurde gezielt attackiert, seine Gasmaske abgerissen, sein Gesicht direkt besprüht, die Maske anschließend zurückgeschleudert, sodass sich das Gas darin staute. Er stürzte, rang nach Luft und geriet in Panik, während andere Beamte kaum helfen konnten, weil auch sie unter Angriff standen.

Immer wieder beschreiben die Aussagen Momente, in denen das Bewusstsein schwand. Beamte sprachen von Sauerstoffmangel, von brennenden Lungen, von dem Gefühl, gleich zusammenzubrechen oder nach draußen gezerrt zu werden. Sergeant Gonell erinnerte sich an den Gedanken, hier zu sterben, zertrampelt an diesem Eingang. Hodges schilderte, wie ein Angreifer seine Gasmaske packte, seinen Kopf gegen eine Tür schlug, die Maske schließlich abriss und ihn ungeschützt Gas und Spray aussetzte. Ein anderer Mann steckte sich sein Handy in den Mund, um beide Hände frei zu haben. Leasure berichtete von Rauch, von Kollegen, die kurz vor dem Kollaps standen, von dem Moment, als jemand fragte, ob jemand eine Pause brauche, und klar wurde, dass es dafür keinen Raum mehr gab.

In dieser Lage trafen einzelne Rufe einen Nerv. Als Fanone laut sagte, er habe Kinder, griffen einige aus der Menge ein und schirmten ihn ab, lange genug, bis Kollegen ihn zurückziehen konnten. Andere Beamte schrien um Hilfe, weil sie wussten, dass ein weiteres Nachgeben den eigenen Tod bedeuten könnte. Mehrfach gelang es Kollegen, Verletzte aus der Linie zu ziehen, während andere weiterstanden und neue Angreifer abwehrten. Es war ein zermürbender, stundenlanger Kampf, der nicht durch Strategie, sondern durch reinen Durchhaltewillen bestimmt war.

Abseits des Tunnels wurde der Capitol-Police-Beamte Brian Sicknick am Westbereich direkt mit Chemikalien besprüht. Schon am Vorabend hatte er seinem Bruder geschrieben, dass am nächsten Tag die Hölle losbrechen könnte. Am Nachmittag meldete er sich erneut, erschöpft und verletzt, beschrieb, dass er mindestens zweimal mit Pfefferspray getroffen worden sei. Stunden später, gegen 20.21 Uhr, schrieb er noch, er rieche nach Schweiß, Marihuana, Pfefferspray und Tränengas. Kurz darauf brach er im Dienstbereich zusammen, begann zu lallen und verlor das Bewusstsein. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und an lebenserhaltende Geräte angeschlossen. Trotz aller Bemühungen seiner Kollegen starb er am selben Abend. Sein Körper wurde noch einen Tag lang stabil gehalten, damit seine Familie Abschied nehmen konnte.

Die Ereignisse vom 6. Januar 2021 waren nicht nur ein politisches Ereignis war, sondern ein physischer Zusammenbruch von Ordnung an einem Ort, der eigentlich Schutz bieten sollte. Die Stimmen der Polizisten zeigen keine Heldenerzählung, sondern eine Abfolge von Entscheidungen unter extremem Druck, von Angst, Erschöpfung und dem Versuch, andere zu schützen, während alles um sie herum außer Kontrolle geriet. Was an diesem Nachmittag im Tunnel geschah, war kein symbolischer Protest, sondern rohe Gewalt, deren Folgen sich nicht relativieren lassen. Der Tod von Brian Sicknick steht am Ende dieser Kette – nicht als Notiz, sondern als Erinnerung daran, dass dieser Tag reale Opfer hatte, lange nachdem die Parolen verstummt waren. Nur einer verstummt bis heute nicht: Donald Trump – Das er aber am Ende dieses Artikels steht, würde mehr noch einer Belohnung gleichen. Daher möchten wir mit den Worten von Aquilino Gonell enden (12. April 2025), Einwanderer und ehemaliger Sergeant der Capitol Police in Washington, D.C., die ich unkommentiert lasse, denn alles ist gesagt.

Aquilino Gonell

„Für meinen Einsatz als Sergeant der Capitol Police wurde ich von wütenden Randalierern mit verschiedenen Waffen am ganzen Körper geschlagen und verletzt, bis ich in meinem eigenen Blut lag. Meine Hand, mein Fuß und meine Schulter wurden verwundet. Ich dachte, ich würde sterben und nie wieder nach Hause kommen, um meine Frau und meinen kleinen Sohn zu sehen.

In den letzten vier Jahren war es für mich verheerend zu hören, wie Donald Trump immer wieder sein Versprechen wiederholt, die Aufständischen gleich am ersten Tag seiner Rückkehr ins Amt zu begnadigen. ‚Es wird mir eine große Ehre sein, die friedlichen Demonstranten zu begnadigen, oder wie ich sie oft nenne: die Geiseln‘, sagte er letztes Jahr in einer Rede. Aber alle, die damals dort waren – und alle, die es im Fernsehen gesehen haben – wissen, dass die Menschen, die das Kapitol stürmten, keine friedlichen Demonstranten waren. Eine Begnadigung wäre ein ungeheurer Fehler. Sie könnte bedeuten, dass rund 800 verurteilte Straftäter wieder auf freien Fuß kommen.

Das könnte auch mich in Gefahr bringen, denn ich habe weiterhin vor Gericht ausgesagt und Opfererklärungen in Dutzenden von Verfahren gegen die Randalierer abgegeben, die mich und meine Kollegen angegriffen haben.

Ich war an jenem Tag einer der Glücklichen; neun Menschen starben infolge der Ausschreitungen. Zwei Demonstranten erlitten tödliche medizinische Notfälle, einer überdosierte während des Aufruhrs, und eine Frau wurde von einem Polizisten erschossen, als sie versuchte, mit Gewalt in das Repräsentantenhaus einzudringen. Mein Kollege, der 42-jährige Officer Brian Sicknick, erlitt nach dem Einsatz von Chemikalien durch Angreifer zwei Schlaganfälle. Er überlebte nicht.

Vier Polizisten aus Washington, D.C., die bei den Unruhen verletzt wurden, nahmen sich später das Leben.

Mein Freund Harry Dunn, der als erster Beamter die brutale Rebellion öffentlich verurteilte, sagte unter Eid aus, wie wir mit bloßen Händen gegen improvisierte Waffen wie Fahnenstangen, Fahrradständer und Wurfgeschosse kämpfen mussten – während wir bluteten, nichts sahen und vom Bärenspray husteten. Harry, der mit rassistischen Beleidigungen konfrontiert wurde, hat seine Uniform inzwischen an den Nagel gehängt. Mein Kollege Michael Fanone wurde geschlagen, verbrannt und mit Elektroschocks misshandelt. Er erlitt einen Herzinfarkt, eine Gehirnerschütterung und ein Schädel-Hirn-Trauma und musste die Polizei von Washington verlassen. Während seiner Genesung war er Ziel ständiger Belästigungen durch Trump-Anhänger und hatte Schwierigkeiten, eine neue Anstellung zu finden. Steven Sund, der damalige Chef der Capitol Police, wurde zum Sündenbock gemacht und unter Druck zum Rücktritt gedrängt.

Ich selbst benötigte mehrere Operationen, Jahre der Reha und eine Therapie wegen wiederkehrender posttraumatischer Belastungsstörungen, die bereits während meiner Zeit beim Militär diagnostiziert wurden. Ich wurde verleumdet und als „Verräter“ bezeichnet, während Mr. Trump und einige seiner republikanischen Verbündeten den Aufstand als einen „Tag der Liebe“ oder einen „friedlichen Protest“ von „Kriegern“, „Patrioten“, „politischen Gefangenen“ und „misshandelten Geiseln“ bezeichneten.

Ich habe die Capitol Police verlassen, aber jener Tag verfolgt mich bis heute. Und nun droht Mr. Trumps Versprechen, all das rückgängig zu machen, wofür wir alles riskiert haben.

Ich wollte nie Whistleblower oder Unruhestifter sein. Ich wuchs arm in der Dominikanischen Republik auf, kam mit zwölf Jahren legal in die USA und war der Erste in meiner Familie, der die High School und das College abschloss. Ich lebte in Brooklyn, nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort, an dem Mr. Trump in Queens aufwuchs – doch die metaphorische Distanz zwischen uns war unermesslich. Mein Vater war Taxifahrer und konnte mir 100 Dollar für das Studium geben. Trumps Vater war Immobilienunternehmer und hinterließ ihm mindestens 413 Millionen Dollar. Während Mr. Trump den Vietnamkrieg mit einer angeblichen Knochensporn-Diagnose umging und nie Militärdienst leistete, schloss ich mein Studium mit Hilfe des GI-Bill ab, nachdem ich in Nahost gedient hatte. Was ich am 6. Januar im Kapitol erlebte, war schlimmer als alles, was ich im Krieg in Irak gesehen habe.

Was mir half, war das Zeugnisgeben. In den vier Jahren seit dem Aufstand wurden 1.561 Angeklagte wegen Verbrechen im Zusammenhang mit dem 6. Januar auf Bundesebene angeklagt, viele davon wegen schwerer Delikte – vom unerlaubten Betreten eines Sperrgebiets mit Waffen bis zur verschwörerischen Auflehnung. Rund 590 Personen wurden wegen Angriffen auf Bundesbeamte angeklagt, 169 wegen schwerer Körperverletzung, darunter Angriffe mit tödlichen oder gefährlichen Waffen: Schwerter, Äxte, Messer, Elektroschocker, Baseballschläger, Hockeyschläger und verstärkte Schlagringe. Über 300 Angeklagte bekannten sich zu einem Verbrechen schuldig, mehr als 200 wurden im Prozess für schuldig befunden.

Diese Täter nun freizulassen, wäre eine Entweihung der Gerechtigkeit. Wenn Mr. Trump wirklich dieses geteilte Land heilen will, wird er ihre Verurteilungen bestehen lassen.

Ich mache nicht alle Trump-Anhänger verantwortlich – manche meiner eigenen Verwandten unterstützen ihn. Aber ich verabscheue, was der MAGA-Extremismus mir und meinem Team angetan hat. Ich verabscheue das systematische Weißwaschen der Gewalt und das kollektive Vergessen, das unter rechten Politikern grassiert, die nicht bereit sind, Mr. Trump zur Rechenschaft zu ziehen. Ich ertrage es nicht, wenn sich Republikaner weiterhin als die „Law and Order“-Partei bezeichnen.

Mr. Trump kehrte mit 78 Jahren ins Amt zurück. Ich hingegen musste mit 42 meine Karriere aufgeben – verletzt bei der Verteidigung der Demokratie. Manchmal frage ich mich, warum ich mein Leben riskierte, um gewählte Vertreter vor einem Mob zu schützen, den Mr. Trump selbst inspiriert hatte – nur um nun zuzusehen, wie er stärker denn je zurückkehrt. Es ist schwer, mitanzusehen, wie ein reicher weißer Mann für seinen Verrat belohnt wird, während ich für meine Pflicht den Preis zahle. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen nicht das Richtige tun: weil es schwer ist. Und weil es weh tut.

Als Mr. Trump kürzlich verkündete, dass Mitglieder des Ausschusses vom 6. Januar ins Gefängnis gehören, antwortete Abgeordneter Jamie Raskin: „In Amerika kommen Menschen nur ins Gefängnis, wenn sie von einer einstimmigen Jury ihrer Mitbürger rechtskräftig eines Verbrechens für schuldig befunden wurden. Wir sperren niemanden ein, weil er seine Arbeit gemacht und seinen Amtseid verteidigt hat.“

Es machte mir Hoffnung, als Mr. Raskin daran erinnerte, dass Mr. Trump wegen seiner Rolle bei der Anstiftung zum Aufstand gegen die Verfassung offiziell angeklagt wurde. Ich bewundere Republikaner wie Liz Cheney und Adam Kinzinger, die Fairness über Parteiloyalität stellten – trotz Zensur und Drohungen wegen ihrer Arbeit im Ausschuss.

Wenigstens darf ich meinen Sohn sagen hören, dass ich sein Held bin – während wir uns an jene erinnern, die alles riskiert haben, um unsere Demokratie zu schützen. Und weiter die Wahrheit über den 6. Januar erzählen.

Bravo, Sir! Vielen Dank für Ihren Dienst und Ihr kompromissloses Eintreten für den Rechtsstaat. Dinge, die Donald Trump nie verstehen wird.“

Aquilino Gonell

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