Hintergrundrecherche: Das gebrochene Versprechen von Mariupol und das Dokument der Wut

VonRainer Hofmann

Februar 7, 2026

Mehrere Schüsse in einem Wohnblock im Nordwesten Moskaus. Generalleutnant Wladimir Alexejew, 64 Jahre alt, erster stellvertretender Chef des russischen Militärgeheimdienstes GRU, wird schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Der Angreifer entkommt. Ermittler sichern Spuren auf der Wolokolamsker Chaussee, werten Überwachungskameras aus und befragen Anwohner. Offiziell läuft ein Verfahren wegen versuchten Mordes. Aus dem Kreml heißt es, Präsident Wladimir Putin werde laufend informiert, man hoffe, der General überlebe. Die Moskauer Staatsanwaltschaft teilte mit, Alexejew sei in einem Wohnhaus im Nordwesten der Hauptstadt von einem unbekannten Täter mehrfach angeschossen worden. Der Angreifer sei geflüchtet. „Ermittlungsmaßnahmen und operative Fahndungen werden durchgeführt, um die an der Tat beteiligte Person oder Personen zu identifizieren“, erklärte die Sprecherin des Ermittlungskomitees, Swetlana Petrenko.

Der Attentäter soll auf Alexejew gewartet und mehrfach auf ihn geschossen haben, bevor er floh. In Moskau wurde eine Fahndung eingeleitet

Alexejew ist nicht irgendein Offizier. Er gilt als Nummer zwei im GRU und spielte in den vergangenen Jahren eine zentrale Rolle. Seine Laufbahn begann bei den sowjetischen Luftlandetruppen, später wechselte er in den militärischen Nachrichtendienst. Spätestens seit 2011 sitzt er in der Führungsebene. In Russland wurde er für seine Rolle beim Militäreinsatz in Syrien mit dem Titel „Held Russlands“ ausgezeichnet. International steht sein Name seit Jahren auf Sanktionslisten. Nach dem Nervengiftanschlag von Salisbury 2018 geriet die GRU ins Visier europäischer Regierungen, auch Alexejew wurde von der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich sanktioniert. Die USA führten ihn im Zusammenhang mit russischen Einfluss- und Cyberoperationen.

2022 nahm er an den Verhandlungen während der Belagerung von Mariupol teil, als die letzten Verteidiger das Stahlwerk Asowstal verließen. Damals versprach er die Einhaltung der Genfer Konvention und humane Haftbedingungen für gefangene ukrainische Soldaten. Seine Unterschrift steht unter dem Dokument, das in Mariupol unterzeichnet wurde. Im Gegenzug übergab die Ukraine drei russische Kriegsgefangene, medizinisch versorgt, mit Nahrung und Wasser ausgestattet. Es war ein seltener Moment, in dem selbst in einem erbitterten Krieg Regeln gelten sollten.

Das Blatt ist Teil der Vereinbarung aus Mariupol. Oben stehen die Namen der betroffenen Soldaten – unter anderem Schajworonok W.A., Serbow R.W., Ananjew J.B., Tkatschenko P.P., Dubow S.O., Dejneko W.M., Smirnow E.O., Maximow O.O. und Leutnant Gaiduk D. Handschriftlich ergänzt wurden Kowalenko S.N. und Krawtschuk D.O., jeweils mit Einheitsangaben. Darunter wird es entscheidend. Dort steht, dass der Unterzeichner sich verpflichtet, die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen einzuhalten und ihre Einhaltung unter allen Umständen sicherzustellen. Keine Relativierung, kein Interpretationsspielraum. Es geht ausdrücklich um die Einhaltung sämtlicher Artikel und Normen.

Unterzeichnet ist das Dokument von Denys Schlega als Kommandeur der 12. Brigade der Nationalgarde und Leiter des Verteidigungsstabs von Mariupol – und darunter findet sich die Unterschrift „Alexejew W.S.“. Es ist also keine lose Zusage, sondern eine schriftlich fixierte Garantie zur Behandlung von Kriegsgefangenen nach internationalem Recht – mit Namen, Rang und Datum.

Doch Berichte über Misshandlungen, verweigerte medizinische Hilfe und gezielte Unterernährung gefangener Asow-Kämpfer ließen dieses Versprechen zerfallen. Der ukrainische Militärnachrichtendienst HUR führt Alexejew als Mitverantwortlichen für die Vorbereitung von Zielkoordinaten bei Angriffen auf zivile Infrastruktur sowie für die Organisation des sogenannten Referendums in der Region Cherson. Diese Vorwürfe stammen aus Kiew, von russischer Seite werden sie bestritten oder nicht kommentiert.

Mariupol

Während in Mariupol damals noch über die Einhaltung der Genfer Konvention gesprochen wurde, lagen in der Stadt bereits die Toten auf den Straßen. Es gab keine öffentlichen Beerdigungen, keine Versammlungen, keine Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Der Beschuss war zu intensiv. Einsatzkräfte sammelten die Leichen ein, luden sie auf Lastwagen und begruben sie in schmalen Gräben am Stadtrand, in gefrorener Erde. Die Massengräben vom März 2022 wurden zu einem sichtbaren Zeichen der Belagerung.

Bilder zeigen Hinweise auf Massengräber außerhalb von Mariupol

Der in der Oblast Winnyzja geborene Offizier tauchte auch 2023 im Zusammenhang mit dem Aufstand der Wagner-Gruppe auf. Er soll Kontakt zu Jewgeni Prigoschin aufgenommen haben, als dessen Einheiten in Richtung Moskau marschierten. Sein Vorgesetzter Igor Kostjukow führt inzwischen die russische Delegation bei Gesprächen mit ukrainischen und US-Vertretern. Eine weitere Verhandlungsrunde endete zuletzt ohne Durchbruch.

In Moskau wird der Anschlag umgehend politisch eingeordnet. Außenminister Sergej Lawrow spricht von einem „terroristischen Akt“, der darauf abziele, „den Verhandlungsprozess zu stören“. Offiziell wird ermittelt, der Täter ist flüchtig. Das Attentat reiht sich ein in eine Serie von Angriffen auf ranghohe russische Militärs. 2024 wurde General Igor Kirillow bei einer Explosion in Moskau getötet, Ende 2025 starb General Fanil Sarwarow durch einen Sprengsatz unter einem Fahrzeug. Mehrere dieser Fälle werden in Moskau ukrainischen Diensten zugeschrieben, auch wenn Kiew nicht jeden einzelnen Vorgang offiziell kommentiert.

Der Krieg steuert auf sein fünftes Jahr zu. Mit ihm wächst die Zahl der offenen Rechnungen. In der Ukraine ist man überzeugt, dass niemand, der an Angriffen auf Städte, an der Zerstörung ziviler Infrastruktur oder an Misshandlungen von Gefangenen beteiligt war, dauerhaft Sicherheit finden wird. „Kein Kriegsverbrecher wird sich irgendwo auf diesem Planeten sicher fühlen. Vergeltung wird jeden erreichen“, heißt es aus Kiew.

Über allem steht das Versprechen von Mariupol – gegeben unter Unterschrift, gebrochen in der Realität. Ob Wladimir Alexejew den Anschlag überlebt oder nicht, sein Name bleibt mit diesen Ereignissen verbunden.

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Ela Gatto
Ela Gatto
3 Stunden zuvor

Das Russland unterschriebene Verträge bricht ist belegt.

Warum sollte also das Wort/die Unterschrift eines GRU Generals da die Ausnahme bilden?

Wer ihn letztlich an(oder schon er) schossen hat?
Russland wird einen Täter aus der Ukraine präsentieren.
Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

An echter Aufklärung ist man höchstens intern interessiert.
Es sei denn, er wurde „unbequem“ und wurde vom GRU selber attackiert.
Wäre bicht das erste Mal

Aber das gebrochene Versprechen von Mariupol steht stellvertretend für all die gebrochenen Versprechen, Zusagen und Verträge durch Russland.
Das reicht zurück bis zu der Vereinbarung auf absolute Souveränität der Ukraine, für due Übergabe der Atomwaffen.

Hätte die Ukraine sie mal behalten.
Russland hätte sie nicht angegriffen.

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