Hanoi rechnet mit einer zweiten US-Invasion – ein internes Militärpapier und die Logik der Angst

VonRainer Hofmann

Februar 4, 2026

Ein internes Dokument des vietnamesischen Verteidigungsministeriums zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten weiterhin sitzt – selbst ein Jahr nach der formalen Aufwertung der Beziehungen auf die höchste diplomatische Stufe. In dem Papier, das bereits im Sommer 2024 abgeschlossen wurde, bereitet sich das Militär auf ein mögliches amerikanisches Vorgehen vor, das ausdrücklich als aggressiv beschrieben wird. Besonders deutlich wird die Sorge vor einer von außen beförderten Destabilisierung des Landes, einer sogenannten Farbenrevolution, wie sie Vietnam in anderen Staaten beobachtet hat. Diese Angst zieht sich durch mehrere interne Analysen und wird nicht als Randmeinung dargestellt, sondern als breite Übereinkunft innerhalb von Partei, Regierung und Militär.

Die Annäherung an Washington, die unter Joe Biden mit der strategischen Partnerschaft gefeiert wurde, wird intern als doppeltes Spiel gelesen. Einerseits profitiert Vietnam wirtschaftlich und diplomatisch, andererseits unterstellt man den USA weiterhin das Ziel, politische und gesellschaftliche Veränderungen zu erzwingen, um das sozialistische System schrittweise zu untergraben. Auffällig ist dabei, dass China in den Papieren zwar als Rivale, nicht aber als existenzielle Bedrohung beschrieben wird. Die größere Gefahr sehen vietnamesische Hardliner ausgerechnet in Washington, auch wegen der langen Erinnerung an den Krieg und wegen jüngerer Erfahrungen, etwa gekürzter Hilfsprogramme zur Beseitigung von Altlasten amerikanischer Kriegsführung. Unter dem neuen Parteichef To Lam hat Vietnam zwar seine Kontakte zu den USA ausgebaut, auch wirtschaftlich, bis hin zu prestigeträchtigen Projekten mit direktem Bezug zu Trumps Familie. Gleichzeitig haben amerikanische Militäraktionen und der Umgang der Trump-Regierung mit der Souveränität anderer Staaten alte Ängste neu belebt.

10. September 2023, Joe Biden in Hanoi beim Staatsbesuch, als die USA und Vietnam ihre Beziehungen offiziell zur „Comprehensive Strategic Partnership“ hochgestuft haben

Während Vietnam öffentlich den fünfzigsten Jahrestag der nationalen Wiedervereinigung feierte, arbeitete die militärische Führung im Hintergrund an einem Szenario, das in westlichen Hauptstädten kaum vorstellbar scheint. Das als „streng geheim“ eingestufter Plan der vietnamesischen Marine mit dem Titel „The 2nd U.S. Invasion Plan“ beschreibt die Vereinigten Staaten nicht als Partner, sondern als aggressive Macht, die Staaten angreift, sobald sie sich ihrem geopolitischen Orbit entziehen. Das Dokument stammt aus dem August 2024, wurde vom Verteidigungsministerium ausgearbeitet, von Vizeadmiral Tran Thanh Nghiem unterzeichnet und durch Konteradmiral Vu Van Nam beglaubigt.

Schon auf den ersten Seiten macht der Plan deutlich, wie Hanoi Washington wahrnimmt. Die USA werden als „belligerent“ beschrieben, als Macht, die militärische Gewalt systematisch einsetzt, um politische Abweichungen zu sanktionieren. Zwar heiße es, aktuell bestehe „nur ein geringes Risiko eines Krieges gegen Vietnam“, doch gerade wegen der „kriegerischen Natur der Vereinigten Staaten“ müsse man wachsam sein, um zu verhindern, dass die USA und ihre Verbündeten „einen Vorwand konstruieren, um einen Angriffskrieg gegen unser Land zu beginnen“. Wörtlich heißt es, Washington könne die „geografischen und natürlichen Gegebenheiten Vietnams, insbesondere die langen Küstenlinien und weiten Seegebiete, mit der überlegenen Stärke seiner Marine ausnutzen, um militärische Operationen gegen unser Land durchzuführen“.

Der Plan lässt keinen Zweifel daran, dass Hanoi die US-Indopazifik-Strategie nicht als Schutzschirm, sondern als Bedrohung begreift. Die militärischen Planer lehnen jede Rolle Vietnams in einer Eindämmungsstrategie gegen China ab. Washingtons Rede von „Freiheit“ und „Demokratie“ wird im Dokument nicht als wertebasierte Außenpolitik verstanden, sondern als taktisches Instrument zur Sicherung amerikanischer Vorherrschaft. Die USA wollten Vietnam als „wichtiges Glied“ in ihrer Strategie nutzen, gleichzeitig aber ihre Vorstellungen von Menschenrechten, Religion und politischer Ordnung durchsetzen, um das sozialistische System schrittweise zu verändern. Gelinge dies nicht, so die Schlussfolgerung, würden diplomatische, wirtschaftliche und schließlich militärische Mittel eingesetzt.

Besonders bemerkenswert ist, wie offen das Dokument Präsident Trump adressiert. Er wird nicht als stabilisierender Faktor gesehen, sondern als Akteur, der militärische Macht ausbaut, ein Wettrüsten anheizt und den Export amerikanischer Rüstungstechnologie forciert. In der Analyse der verschiedenen US-Regierungen wird ein roter Faden gezogen: vom „Pivot to Asia“ unter Obama, über eine aggressivere, marktorientierte Militarisierung unter Trump, bis hin zu einer systematisch ausgebauten Allianzstruktur unter Biden, die NATO-Staaten zunehmend in den asiatisch-pazifischen Raum einbindet.

Der zweite Teil des Plans geht weit über politische Einschätzungen hinaus. Er listet detailliert US-Militärkapazitäten in der Region auf, bis hin zu Bomberrotationen mit B-2- und B-52-Flugzeugen, MQ-4C-Drohnen, Raketenstellungen auf den Philippinen, Flugzeugträgergruppen, Atom-U-Booten, Zerstörern und amphibischen Landungseinheiten. Mehr als sechzig Prozent der US-Seestreitkräfte seien im Pazifik konzentriert. Vietnam beobachte jede Übung, jede Truppenverlegung, jede neue Basis. Noch deutlicher wird der Ernst der Lage in den Szenarien einer möglichen Invasion. Das Dokument beschreibt eine stufenweise Seeblockade, massive Luft- und Raketenangriffe, amphibische Landungen jenseits des Horizonts, den Einsatz von Tomahawk-Marschflugkörpern, JDAM-Präzisionsbomben, Drohnenschwärmen, Cyber- und elektromagnetischer Kriegsführung. In einem Satz, der im westlichen Diskurs kaum Beachtung gefunden hat, heißt es sogar, dass die USA im Falle eines Scheiterns „biochemische oder taktische nukleare Waffen“ einsetzen könnten.

Diese Planungen erklären, warum Hanoi politische Kontrolle und Repression nicht als Ausnahme, sondern als Sicherheitsdoktrin versteht. Weitere interne Dokumente, die Project88 einsehen konnte, beschreiben US-Geheimdienste ausdrücklich als Akteure, die auf einen Sturz der Kommunistischen Partei Vietnams hinarbeiten. Begriffe wie „Color Revolution“ und „Peaceful Evolution“ ziehen sich durch die Sicherheitsstrategie des Staates. Die Angst vor einem von außen befeuerten Umsturz ist keine Randmeinung, sondern Regierungslinie. Im Kontrast dazu wird China im Plan nicht als existentielle Gefahr beschrieben. Trotz territorialer Konflikte im Südchinesischen Meer gilt Peking als Rivale, nicht als Bedrohung für die Macht der Partei. In der internen Bedrohungshierarchie steht Washington an oberster Stelle: als Akteur, der sowohl militärische Aggression als auch Regimewechsel betreibt.

Der „2nd U.S. Invasion Plan“ zerstört damit eine zentrale Annahme westlicher Politik. Vietnam ist kein „Swing State“ zwischen Washington und Peking. Hanoi balanciert nicht, sondern hat sich strategisch entschieden. Öffentlich pflegt man diplomatische Höflichkeit, intern bereitet man sich auf den schlimmsten Fall vor. Die Dokumente zeigen, wie weit die Kluft zwischen öffentlicher Rhetorik und sicherheitspolitischer Realität ist – und wie sehr die US-Strategie selbst dazu beiträgt, autoritäre Abschottung, Militarisierung und Repression in Vietnam zu legitimieren.

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