Fünf Meilen ins Nichts – Der Tod von Nurul Amin Shah Alam nach einer Aussetzung durch die Border Patrol

VonRainer Hofmann

Februar 27, 2026

Nurul Amin Shah Alam lebt nicht mehr. Der 56-jährige Rohingya-Flüchtling aus Burma, nahezu blind und ohne Englischkenntnisse, wurde am Dienstagabend gegen 20.30 Uhr im ersten Block der Perry Street in Buffalo von Beamten des B-District leblos aufgefunden. Stadtsprecher Ian Ott erklärte, der Erie County Medical Examiner habe ihn identifiziert und die Familie benachrichtigt. Die Mordkommission prüft den zeitlichen Ablauf der Ereignisse seit seiner Entlassung aus dem Gewahrsam. Als Todesursache wurde ein gesundheitlicher Hintergrund festgestellt; Unterkühlung und Fremdverschulden wurden ausgeschlossen. Darüber kann man streiten, wer die Winter in Buffalo kennt. Unabhängig davon bleibt die Frage, weshalb ein fast blinder Mann nachts mehrere Meilen von seiner Wohnung entfernt allein unterwegs war.

Seine Geschichte beginnt nicht an jenem Dienstagabend am 24. Februar 2026, sondern ein Jahr zuvor. Seit Februar 2025 saß Shah Alam im Erie County Holding Center. Festgenommen wurde er am 15. Februar des Vorjahres. Er war in seinem Viertel spazieren gegangen, eine Gardinenstange diente ihm als Gehstock. In einem Auge vollständig erblindet, im anderen nur auf kurze Distanz sehend, verlor er die Orientierung und stand schließlich auf der Veranda eines Hauses, als eine Frau ihren Hund hinausließ. Sie alarmierte die Polizei. Weil Shah Alam auf Aufforderung die Stange nicht fallen ließ, setzten Beamte einen Taser ein und schlugen ihn nieder, wie sein Anwalt Benjamin Macaluso schilderte. Die Polizisten trugen leichte Verletzungen davon. Gegen Shah Alam wurden unter anderem Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Waffenbesitz erhoben.

Die Familie entschied sich zunächst gegen eine Kautionszahlung, aus Sorge, er könne unmittelbar in Einwanderungshaft geraten. Erst eine juristisch ausgehandelte Lösung eröffnete einen Ausweg. Macaluso erzielte mit der Staatsanwaltschaft des Erie County eine Vereinbarung: Shah Alam bekannte sich des Hausfriedensbruchs und des Waffenbesitzes schuldig – gemeint war weiterhin die Gardinenstange als Gehstock. Damit war das Verfahren auf County-Ebene beendet; die aufenthaltsrechtliche Frage blieb davon jedoch unberührt. Macaluso hatte nach eigenen Angaben damit gerechnet, dass nach Abschluss des County-Verfahrens keine unmittelbare Übernahme durch Bundesbehörden erfolgen würde – eine Annahme, die sich angesichts des bestehenden Immigration Detainers als Fehleinschätzung erwies. Ziel war eine Freilassung gegen Kaution, ohne Abschiebehaft außerhalb des Bundesstaates. Am Donnerstagnachmittag, dem 19. Februar, wurde er nach Zahlung der Kaution entlassen. Wegen eines zuvor hinterlegten Immigration Detainers informierte das Büro des Erie County Sheriffs die U.S. Border Patrol. Um 16.39 Uhr übernahmen Beamte Shah Alam im Holding Center, so Macaluso.

Die letzte Aufnahme, die Nurul Amin Shah Alam zeigt, wie er sich von der Filiale der Kaffeekette Tim Hortons entfernt

Was danach geschah, ist dokumentiert und zugleich erschütternd. Nach Angaben von Macaluso setzten Border-Patrol-Beamte Shah Alam kurz nach 20 Uhr bei einer Filiale der Kaffeekette Tim Hortons an der Niagara Street im Stadtteil Black Rock ab. Seine Familie lebt im Broadway-Fillmore-Viertel auf der East Side – rund fünf Meilen entfernt. Ein Sprecher der Border Patrol erklärte am Mittwochabend, man habe Shah Alam nach seiner Übernahme eine Gefälligkeitsfahrt angeboten, die er angenommen habe, „zu einem Café“. Das Tim Hortons an der Niagara Street sei als „warmer, sicherer Ort in der Nähe seiner letzten bekannten Adresse“ ausgewählt worden, statt ihn direkt von der Station aus zu entlassen. Er habe „keine Anzeichen von Stress, Mobilitätsproblemen oder Behinderungen gezeigt, die besondere Unterstützung erfordert hätten“.

Imran Fazel, ein Unterstützer der Rohingya-Gemeinschaft, sprach von Verzweiflung und Wut. Niemand habe erwartet, dass so etwas in den Vereinigten Staaten geschehe. Es erschüttere das Gefühl von Sicherheit.

Weder sein Anwalt noch seine Familie wurden über diese Freilassung informiert. Macaluso ging davon aus, sein Mandant werde in das ICE-Gefängnis in Batavia gebracht und von dort entlassen. Stattdessen begann eine Suche, die sich von Freitag bis Sonntag hinzog. Am Sonntag meldete Macaluso ihn bei der Polizei von Buffalo als vermisst. Am Montag wurde der Fall kurzzeitig geschlossen, weil irrtümlich angenommen wurde, Shah Alam befinde sich in ICE-Gewahrsam in Batavia. Später wurde die Suche wieder aufgenommen. Am Dienstagabend fand man ihn tot.

Fünfzehn Monate nach seiner Ankunft in Buffalo im Dezember 2024 endet das Leben von Nurul Amin Shah Alam auf einer Straße, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem er Schutz gesucht hatte. Seine Ehefrau und zwei Söhne bleiben zurück. Die Ermittlungen dauern an. Doch fest steht: Ein nahezu blinder Mann, der die Sprache des Landes nicht sprach, wurde nachts ohne Benachrichtigung seiner Angehörigen abgesetzt – und kehrte nicht mehr nach Hause zurück.

Wir übergeben Entlassungen nicht an Behörden. Vor Kautionszahlung informieren wir die Person – sie teilt der Anstalt mit, dass sie direkt am Tor abgeholt wird. Wir klären die Modalitäten der Entlassung auch von unserer Seite im Voraus. Bei Gerichtsverhandlungen funktioniert das anders. Dann sind wir präsent, klären Treffpunkt und Datum. Das funktioniert. Auf US-Behörden zu vertrauen, oder deren Zusagen: guter Gedanke, aber weit weg von der Realität.

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Ela Gatto
4 Stunden zuvor

Ich hatte das schon bei Alt National Park gelesen und war erschüttert.

Wie menschenverachtend diese ICE und Border Patrol Typen sind.

Wie kann man Jemanden irgendwo einfach auf die Strasse setzen?
Wie kann Jemand, der die Sorache Englisch nicht spricht überhaupt dieser sogenannten „Gefälligkeitsfahrt“ zustimmen?
An einen ihm unbekannten Ort.

Buffalo war kalt die Tage. Sehr kalt.
Kann man da eine unabhängige Obduktion veranlassen?
Ich bin mir sicher, dass er letztlich erfroren ist.

Was mir zu schaffen macht:
Angeblich war da direkt ein Cafe. Eine belebte Strasse.
Warum hat Niemand bemerkt, dass ein hilfloser Mann in der Kälte steht/umher irrt.
Wie viele Menschen sind wohl einfach an ihm vorbei gegangen?

Nun ist er tot.
Nicht direkt im ICE gewahrsam, aber als durekte Folge.
Und wie schon bei Good und Pretty wird Niemand zur Verantwortung gezogen werden.

Und MAGA wird die Mähr vom Angriff mit einer Waffe auf eine US-Bürgerin verbreiten.
Aufgrund dieser Vorstrafe werden sie sagen „genau diese illegalen Kriminellen wollen wir raus haben“

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