Ein Schuss mitten im Wohnviertel – Wie die Abschiebepolitik der Trump-Regierung in Minneapolis tödlich aus dem Ruder lief

VonRainer Hofmann

Januar 7, 2026

In einem Wohnviertel von Minneapolis ist am Mittwoch eine Frau durch die Kugel eines Bundesbeamten getötet worden. Nach Angaben des Heimatschutzministeriums wurde sie von einem Agenten der Einwanderungsbehörde erschossen, weil sie versucht haben soll, Einsatzkräfte mit ihrem Auto zu überfahren. Wenig glaubwürdig nach dem ersten Stand. Bestätigt ist: Die Frau saß in ihrem Wagen, in einer Straße mit Einfamilienhäusern, wenige Minuten später war sie tot. Der tödliche Schuss fällt inmitten einer groß angelegten Razzia der Trump-Regierung, die Minneapolis und das benachbarte St. Paul seit Tagen unter Schock setzt.

Die Behörden sprechen von Selbstverteidigung. Eine Sprecherin des Department of Homeland Security erklärte, ein ICE-Agent habe geschossen, als die Frau angeblich auf Beamte zugefahren sei. Was aber feststeht: Die Frau war auf dem Heimweg zu ihrem Haus, eine Straße weiter hinter der Portland Avenue. Der Vorfall markiert eine neue Eskalationsstufe in einer Serie von Abschiebeaktionen, die unter Präsident Trump immer aggressiver durchgeführt werden. Minneapolis und St. Paul stehen seit Dienstag unter massivem Druck. Das Heimatschutzministerium hatte angekündigt, rund 2.000 Bundesbeamte in die Region zu entsenden. Offiziell geht es um Ermittlungen wegen angeblichen Betrugs, insbesondere im Umfeld der somalischen Community. Tatsächlich erleben viele Bewohner eine Stadt im Ausnahmezustand: schwer bewaffnete Kräfte, Razzien am helllichten Tag, aggressive Kontrollen, Straßensperren.

Nach dem tödlichen Schuss sammelten sich noch am selben Abend zahlreiche Menschen am Tatort. Sie schrien ihre Wut den anwesenden lokalen und föderalen Beamten entgegen, pfiffen, hielten Schilder hoch. Unter ihnen war auch Gregory Bovino, ein ranghoher Grenzschutzbeamter, der bereits bei harten Einsätzen in Los Angeles und Chicago eine zentrale Rolle gespielt hatte. Die Bilder ähnelten denen aus anderen Städten: Absperrbänder, schwer bewaffnete Einsatzkräfte, eine Menge, die ruft: „Schande!“ und „ICE raus aus Minnesota!“

Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey fand ungewöhnlich deutliche Worte. Die Bundesbehörden würden Chaos in der Stadt anrichten, erklärte er öffentlich. Minneapolis fordere, dass ICE die Stadt und den Bundesstaat sofort verlasse. Man stehe geschlossen an der Seite der Einwanderer- und Flüchtlingsgemeinschaften. Es war eine offene Kampfansage an Washington. Der Ort des Geschehens verstärkt die Brisanz. Das Viertel liegt südlich der Innenstadt, nahe einiger der ältesten Einwanderermärkte der Region, keine zwei Kilometer von jener Kreuzung entfernt, an der 2020 George Floyd von einem Polizisten getötet wurde. Für viele Menschen hier ist das kein abstrakter Politikstreit, sondern eine direkte Erinnerung daran, wie schnell staatliche Gewalt tödlich werden kann.

„Wir versuchen, unser Leben so normal wie möglich zu führen, trotz der Angst, die wir jeden Tag spüren“, sagte Pfarrer Hierald Osorto, dessen Gemeinde überwiegend aus lateinamerikanischen Familien besteht. Die Unsicherheit sei allgegenwärtig, selbst banale Wege würden plötzlich als Risiko empfunden.

Parallel dazu formiert sich Widerstand. Das Immigration Defense Network, ein Zusammenschluss von Organisationen, die Migranten in Minnesota unterstützen, organisierte bereits am Dienstagabend Schulungen. Rund hundert Freiwillige meldeten sich, um die Einsätze zu beobachten, zu dokumentieren, Präsenz zu zeigen. Eine von ihnen, Mary Moran, sagte offen, sie sei keine Aktivistin, sondern eine ganz normale Person. Gerade deshalb habe sie das Gefühl, jetzt handeln zu müssen. Der tödliche Schuss von Minneapolis steht nicht isoliert. Er ist Teil einer Politik, die Abschiebung nicht mehr als Verwaltungsakt behandelt, sondern als Machtdemonstration. Bewaffnete Einsätze in Wohngebieten, Pfefferspray gegen Familien, nun ein Todesopfer. Die offizielle Sprache spricht von Recht und Ordnung. Die Realität vor Ort erzählt von Angst, Eskalation und einem Staat, der immer häufiger zur Waffe greift.

Was in Minneapolis geschehen ist, lässt sich nicht mit einem Einsatzbericht erledigen. Eine Frau ist tot. Eine Stadt steht unter Spannung. Und eine Regierung treibt ihre Abschiebepolitik weiter voran, trotz der sichtbaren Folgen. Die Frage ist längst nicht mehr, ob diese Strategie rechtlich haltbar ist. Die Frage ist, wie viele Menschen noch sterben müssen, bis jemand den Stoppknopf drückt. Recherchen dazu laufen und:

Fortsetzung folgt …

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Lea
Lea
1 Tag zuvor

Unfassbar!

Ela Gatto
Ela Gatto
22 Stunden zuvor

Leider war es nicht eine Frage ob, sondern wann.

Die Eskalation und Brutalität steigern sich ständig.
ICE etc wird von Trump geschützt, MAGA unterstützt das harte Vorgehen, Einigen geht es nicht weit genug. 😟

Die involvierten Beamten werden in der Regel, außer einem Wischiwaschi „Du Du“ keine Konsequenzen zu spüren bekommen.

Und genau das ist das große Problem.
Damit gehen sie das nächste Mal noch brutaler vor.
Jedes Mal, wenn eine brutale Razzia erfolgt und es keine Konsequenzen für sie hat, fühlen sich diese Schergen unbesieg- und unantasbarer.

Hoffentlich schafft es die Bevölkerung friedlich zu bleiben.

Trump will Aufruhr.
Damit er die Nationalgarde oder Armee einsetzen kann.
Und am besten die Midterms aussetzen.

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