Ein ganz normaler Tag im März

VonRainer Hofmann

März 18, 2026

Dieser Krieg schleicht sich nicht mehr nur durch Frontlinien. Er greift nach allem, was Staaten am Laufen hält — Gasfelder, Häfen, Gerichte, Hilfslieferungen, Märkte, ganze Hauptstädte. Was als militärische Eskalation begann, zieht längst andere Kreise. Und je länger er dauert, desto sichtbarer wird, dass das Chaos nicht an den Rändern endet. Es wandert.

An diesem Mittwoch schlug diese Logik erneut an mehreren Stellen zugleich zu. In Iran wurden Anlagen rund um das riesige Offshore-Gasfeld South Pars angegriffen. Die staatlichen Medien meldeten Feuer in Asaluyeh, Provinz Bushehr. Kurz darauf erklärte Irans Khatam-al-Anbiya-Hauptquartier, der Angriff auf Treibstoff-, Energie- und Gasinfrastruktur im sogenannten Aggressorstaat sei ein legitimes Recht, man werde mit Gewalt antworten. Noch schärfer wurde der Ton, als das Staatsfernsehen Drohungen gegen Öl- und Gasanlagen in Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten veröffentlichte — genannt wurden die saudische Samref-Raffinerie, der petrochemische Komplex in Jubail, ein Gasfeld in den Emiraten, mehrere Anlagen in Katar. Katar seinerseits machte Israel direkt für den Angriff auf das gemeinsame Gasfeld verantwortlich. Ein Sprecher des Außenministeriums sprach von einem gefährlichen und verantwortungslosen Schritt und warnte offen vor Folgen für die globale Energiesicherheit.

South Pars, Irans größtes Erdgasfeld der Welt, brennt, nachdem israelisch-amerikanische Angriffe zentrale Verarbeitungsanlagen außer Betrieb gesetzt haben. Die Schäden für Mensch- und Umwelt sind auch hier noch überhaupt nicht absehbar

Der Preis des Krieges

Die wirtschaftliche Sprengkraft ist offenkundig. Die Straße von Hormus bleibt de facto doch blockiert, ein Fünftel des weltweiten Ölverkehrs hängt an diesem Nadelöhr. In Washington wächst der Druck. Donald Trump reagierte mit zwei Maßnahmen, die zeigen, wie eng Krieg und Energiemarkt inzwischen zusammenhängen. Das Weiße Haus setzte für 60 Tage zentrale Vorschriften des Jones Act aus — jener alten Schifffahrtsregel, die Transporte zwischen US-Häfen an amerikanische Schiffe bindet und seit Jahren als Preistreiber gilt. Gleichzeitig lockerte das US-Finanzministerium die Sanktionen gegen Venezuelas staatlichen Ölkonzern PDVSA. US-Unternehmen dürfen wieder Geschäfte mit dem Konzern machen, venezolanisches Öl darf direkt an amerikanische Firmen und auf den Weltmarkt verkauft werden. Washington hatte genau diese Geschäfte jahrelang blockiert. Nun zeigt die Regierung, wie stark sie vom Ölpreis getrieben wird.

Die Märkte reagierten sofort. Die US-Börsen gaben nach, Rohöl zog weiter an. Der S&P 500 fiel, der Dow Jones, die Nasdaq. Die Sorge dahinter ist simpel: Wenn Energie teurer wird, zieht die Inflation an, und damit wächst der Druck auf alles andere. Ein Krieg im Nahen Osten ist nie nur ein regionales Ereignis. Er schlägt in Tankstellen, in Frachtraten, in Strompreise, in Nahrungsmittelkosten.

Verbündete auf Abstand

Gleichzeitig zeigt sich, wie brüchig das westliche Lager bei der militärischen Absicherung des Konflikts geworden ist. Australien erklärte, man habe keine formelle Anfrage aus Washington erhalten, zusätzliche militärische Unterstützung zur Sicherung der Straße von Hormus zu leisten. Der australische Finanzminister Jim Chalmers sagte offen, man ziehe keine Entsendung von Kriegsschiffen in Betracht. Noch deutlicher wurde der deutsche Kanzler Friedrich Merz. Er sprach im Bundestag von offenen Fragen zu diesem Krieg und davon, dass es weiterhin kein überzeugendes Konzept gebe, wie diese Operation erfolgreich enden solle. Washington habe Europa nicht konsultiert und erklärt, europäische Hilfe sei nicht nötig gewesen. Deutschland teile zwar viele amerikanische Ziele, werde aber nicht davor zurückschrecken, ehrlich zu sagen, wo man Dinge anders sehe. Vor allem aber machte Merz klar: Deutschland wird sich an keiner Militärmission in der Straße von Hormus beteiligen, solange der Krieg weiterläuft.

Gerichte, Hinrichtungen, Spliter

Während Verbündete Distanz markieren, wächst die Zahl der Treffer und der Toten. Im Süden Irans wurde nach Angaben der Justiz ein Gerichtsgebäude im Kreis Larestan während der Arbeitszeit getroffen. Mindestens acht Menschen kamen ums Leben — ein Anwalt, sechs Mandanten, ein Mitarbeiter der Justiz. Die genaue Zahl der Verletzten blieb zunächst unklar. Im Iran werden also nicht nur militärische Ziele getroffen, sondern auch zivile und juristische Einrichtungen. Parallel dazu meldete das Land die Hinrichtung von Kourosh Keyvani, dem die Justiz vorwarf, für den Mossad spioniert zu haben. Es ist die erste öffentlich bekannt gewordene Exekution wegen Spionage im laufenden Krieg. Iran gehört seit Jahren zu den Ländern mit den meisten Hinrichtungen weltweit. Nun wird auch der Krieg genutzt, um im Inneren neue Härte zu zeigen.

Auf israelischer Seite wächst der Druck ebenfalls. Israel meldete, dass in den vergangenen Tagen drei Privatflugzeuge durch Splitter iranischer Raketen beschädigt wurden, die abgefangen worden waren. Solche Meldungen zeigen, wie weit sich die Folgen der Angriffe inzwischen in den Alltag hineinfressen. Selbst dort, wo Raketen abgefangen werden, bleibt die Gefahr am Boden real. Entlang der libanesischen Grenze sprengte ein israelisches Bombenräumkommando Blindgänger — nach Angaben der Polizei handelte es sich um Streumunition, über ein großes Gebiet verteilt. In einem Kibbuz nahe der Grenze wurde ein Raketenfragment gefunden. Splitter, Blindgänger, Räumungen: auch das gehört inzwischen zum Alltag dieses Krieges.

Beirut ohne sicheren Ort

In Beirut gingen die Angriffe in der Nacht weiter. Das libanesische Gesundheitsministerium meldete zehn Tote und 27 Verletzte durch israelische Luftangriffe auf zentrale Viertel der Hauptstadt. Seit Beginn der neuen Kämpfe zwischen Israel und Hezbollah am 2. März wurden demnach 912 Menschen getötet, 2.221 verletzt. Dass inzwischen nicht mehr nur die südlichen Vororte, sondern auch das Zentrum Beiruts getroffen wird, verändert die Lage in der Stadt grundlegend. Bewohner sprechen davon, dass es keinen sicheren Ort mehr gebe. Genau dieses Gefühl beschreibt den Zustand vieler Städte in diesem Krieg. Sicherheit ist nicht mehr räumlich verteilt. Sie ist verschwunden.

Israel erklärte zugleich, über Nacht Filialen von al-Qard al-Hasan in Beirut getroffen zu haben — einer mit Hezbollah verbundenen Finanzinstitution, die nach israelischer Darstellung den militärischen Arm der Miliz finanziert. Frankreichs Sondergesandter Jean-Yves Le Drian machte Hezbollah für das Wiederaufflammen der Kämpfe mitverantwortlich, nannte Israels Antwort aber zugleich unverhältnismäßig und kontraproduktiv, weil sie weitere Akteure gegen Israel zusammenschweiße. Auch darin liegt ein Muster dieses Krieges: Jede Seite erklärt den nächsten Schlag als Reaktion, doch jeder Schlag vergrößert das Feld der Gegner.

Die Köpfe, die fallen

In Teheran und darüber hinaus setzt Israel die gezielte Ausschaltung iranischer Führungskader fort. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, man habe Irans Geheimdienstminister Esmail Khatib getötet. Das iranische Staatsfernsehen bestätigte seinen Tod. Khatib war einer der zentralen Köpfe des iranischen Repressions- und Geheimdienstapparats. Die USA hatten ihn 2022 wegen Cyberaktivitäten gegen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten sanktioniert. Das Finanzministerium in Washington warf ihm vor, Netzwerke von Cyberakteuren zu führen, die Spionage und Ransomware-Angriffe im Sinne iranischer Ziele betrieben. Zudem wurde ihm die Verfolgung von Menschenrechtsverteidigern, Journalistinnen, Filmemachern, Frauenrechtlerinnen und Angehörigen religiöser Minderheiten zugeschrieben. Unter seiner Führung, so die US-Sanktionsbegründung, habe das Ministerium Menschen gefoltert, in geheimen Haftzentren misshandelt und auch Familien von Kritikern verfolgt. Das Weiße Haus reagierte mit ungewöhnlicher Offenheit auf seine Tötung. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt nannte Khatib einen bekannten Terroristen und sagte im Fernsehen, es sei gut für die Vereinigten Staaten und das amerikanische Volk, dass dieser Mann nicht mehr am Leben sei.

Ali Larijani, Wladimir Putin

Bereits zuvor hatte Israel den Basidsch-Kommandeur Gholam Reza Soleimani getötet. Ein ranghoher israelischer Geheimdienstvertreter sagte, Soleimani habe sich in einem Zelt in einem Waldstück versteckt. Solche Angriffe sollen die Botschaft senden, dass iranische Führungsfiguren keinen sicheren Ort mehr haben. Der Kreml verurteilte unterdessen die Tötung von Ali Larijani. Moskaus Sprecher Dmitri Peskow erklärte, man verurteile die Tötung der iranischen Führung ausdrücklich. Russland reagiert damit nicht nur auf einen Verbündeten in Bedrängnis, sondern auch auf einen Krieg, der sich immer tiefer in eine Region frisst, in der Moskau eigene Interessen verteidigt.

Sirenen über der Region

Auf militärischer Ebene weitet sich der Druck auf die gesamte Region aus. Die NATO verstärkt die Patriot-Luftabwehr in der Türkei, ein zweites System wird in die Provinz Adana verlegt, wo sich mit Incirlik einer der wichtigsten Luftwaffenstützpunkte des Bündnisses befindet. Saudi-Arabien meldete, zwei Drohnen über Riad abgefangen zu haben, beide auf dem Weg zum Diplomatenviertel, in dem auch die US-Botschaft liegt. Bahrain warnte vor iranischem Beschuss. Die Vereinigten Arabischen Emirate sprachen von 13 ballistischen Raketen und 27 Drohnen gegen das Land. Israel meldete weitere iranische Raketenstarts. Sirenen heulten entlang der Grenze zum Libanon, in Bahrain, in Jerusalem, in Dubai. Der Krieg springt zwischen Staaten, Häfen und Himmeln hin und her.

Selbst Sport und ziviles Leben entkommen dieser Dynamik nicht mehr. In Australien suchten mehrere iranische Fußballerinnen Asyl, zwei blieben dort, die übrige Nationalmannschaft kehrte über die Türkei in den Iran zurück. Iran versucht zugleich, seine WM-Spiele aus den USA nach Mexiko verlegen zu lassen. Präsidentin Claudia Sheinbaum zeigte sich offen für entsprechende Gespräche, doch die FIFA will am Spielplan festhalten. Ein Krieg, der ursprünglich mit Raketen und Luftangriffen beschrieben wurde, greift damit auch in Bereiche über, die sonst als Schutzräume gelten.

Hilfe unter Verdacht

In Gaza löste Israel einen anderen Konflikt aus. UNICEF erklärte, man untersuche Vorwürfe, wonach in einer Hilfslieferung Tabak oder nikotinhaltige Substanzen versteckt worden seien. Israel hatte daraufhin Lieferungen der Organisation aus Ägypten nach Gaza ausgesetzt. UNICEF sprach von einer ernsten Untersuchung und warnte, jede weitere Störung der Hilfsarbeit verschärfe die ohnehin katastrophale Lage in Gaza. Selbst Hygiene-Kits und Kinderhilfe werden in diesem Klima zum Gegenstand von Misstrauen, Kontrolle und Blockade.

Was die Bombe hinterlässt

Auch auf nuklearer Ebene laufen mehrere Wirklichkeiten nebeneinander. Die US-Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard erklärte vor einem Senatsausschuss, die amerikanischen Angriffe hätten Irans Urananreicherungsprogramm vernichtet und unterirdische Anlagen verschüttet. Man beobachte nun, ob die iranische Führung versuche, das Programm wieder aufzubauen, bislang gebe es dafür aber keine Anzeichen. Als Senator Mark Warner sie fragte, ob sie Trump vor der Wahrscheinlichkeit gewarnt habe, dass Iran nach den Angriffen andere Golfstaaten attackieren und die Straße von Hormus bedrohen würde, wich sie aus. Interne Gespräche werde sie nicht offenlegen, sagte sie. Warner zeigte sich sichtlich frustriert und verwies auf Trumps eigene Äußerungen, die nahegelegt hatten, er habe ein solches Szenario nicht erwartet.

Warner: „Der Präsident sagte weiter, er sei überrascht gewesen, dass die Iraner versucht haben, die Straße von Hormus zu übernehmen“.

Gabbard: „Mir sind diese Aussagen nicht bekannt.“

Warner: „Wie ist es mit den Äußerungen des Präsidenten, dass er überrascht war, dass Iran angrenzende Golfstaaten angegriffen hat?“

Gabbard: „Mir sind diese Aussagen nicht bekannt.“

Warner: „Haben Sie den Präsidenten darüber informiert, dass, wenn er einen Krieg aus freier Entscheidung beginnt, die wahrscheinliche Folge wäre, dass Iran angrenzende Golfstaaten angreift und die Straße von Hormus schließt?“

Gabbard: „Dazu werde ich interne Gespräche nicht offenlegen.“

IAEA-Chef Rafael Grossi trat in Washington auf die Bremse. Bushehr sei offenbar nicht schwer beschädigt, die Reaktoren seien nicht getroffen worden, es gebe keine Opfer und keine erhöhte Strahlung. Nach ersten Informationen habe ein Drohnentreffer wohl eher ein kleines Laborgebäude auf dem Gelände getroffen. Noch wichtiger war sein politischer Satz: Solange die Militärkampagne andauere, halte er eine Rückkehr zu Verhandlungen zwischen den USA und Iran für nicht realistisch. Erst ein Waffenstillstand könne diese Tür wieder öffnen.

So stehen die Dinge an diesem Tag nebeneinander, in einer erschreckenden Klarheit. Ein Gasfeld brennt. Golfstaaten werden bedroht. Saudi-Arabien schießt Drohnen über dem Diplomatenviertel ab. Beirut zählt Tote im Zentrum der Stadt. In Iran wird ein Geheimdienstminister getötet, ein mutmaßlicher Spion hingerichtet, ein Gerichtsgebäude bombardiert. Washington versucht mit venezolanischem Öl und gelockerten Schifffahrtsregeln die Folgen eines Krieges zu dämpfen, den es selbst mit führt. Verbündete gehen auf Abstand. Europas wichtigstes Land spricht offen von fehlendem Konzept. Australien sagt, es liege gar keine formelle Bitte vor.

Delaware, wieder

Bild von Dover, Delaware, 7. März 2026

Und während all das geschieht, steht Donald Trump erneut in Delaware bei der Rückführung getöteter US-Soldaten. Sechs Besatzungsmitglieder eines KC-135-Tankflugzeugs, abgestürzt im Westen des Irak bei Operationen gegen Iran, kommen zurück. Seit Beginn von Operation Epic Fury am 28. Februar liegt die amerikanische Zahl der Toten damit bei mindestens 13, rund 200 US-Soldaten wurden verletzt, zehn davon schwer.

Das ist die eigentliche Wahrheit dieses Krieges. Er dehnt sich nicht nur geografisch aus. Er verlängert das Chaos in jede Richtung — in Märkte, in Hauptstädte, in Hilfslieferungen, in Gerichte, in Fußballmannschaften, in Strompreise, in Särge. Und je länger er dauert, desto weniger lässt sich noch behaupten, irgendjemand habe die Kontrolle.

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