Ein Familienbesuch geplant, ein ganzes Leben zerstört: Der Fall Any Lucia Lopez Belloza – Die Abschiebung, die nie hätte stattfinden dürfen

VonRainer Hofmann

November 29, 2025

Sie wollte ihre Eltern überraschen, ein paar freie Tage zu Hause verbringen, erzählen, wie sich das erste Semester an einer angesehenen Hochschule anfühlt. Stattdessen endete Any Lucia Lopez Bellozas Reise in Handschellen, auf einer Militärbasis, in einem texanischen Abschiebezentrum – und schließlich in Honduras, einem Land, das sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte. Und all das, obwohl ein Bundesrichter ausdrücklich angeordnet hatte, dass sie weder Massachusetts noch die USA verlassen darf. Der Ablauf wirkt wie eine Geschichte, die nicht passieren dürfte, und doch ist sie bittere Realität. Am Morgen des 20. November stand die 19-Jährige am Bostoner Flughafen, Ticket nach Texas in der Hand, Gepäck aufgegeben, Sicherheitskontrolle längst passiert. Ein Beamter erklärte ihr plötzlich, es gebe ein Problem mit der Bordkarte. Wenige Minuten später stand sie zwischen bewaffneten ICE-Mitarbeitern, ohne Handy, ohne Ausweg, völlig überrascht von dem, was ihr da mitgeteilt wurde: Es gebe eine Abschiebungsanordnung aus dem Jahr 2015.

Nur, es gibt überhaupt keinen Beleg dafür. Der einzige Eintrag, der existiert, besagt, dass das damalige Verfahren 2017 geschlossen wurde. Der angebliche Bescheid, auf den sich ICE nun beruft, taucht nirgends auf. Trotzdem behandelte die Behörde die Studentin so, als habe sie jahrelang bewusst gegen Auflagen verstoßen. Innerhalb von 48 Stunden wurde sie durch mehrere Einrichtungen geschleust – vom Boston Processing Center auf eine Militärbasis, von dort in ein texanisches Detention Center und schließlich in den Flieger Richtung Honduras, gefesselt an Händen und Füßen.

Währenddessen hatte ein Richter längst eine Notfallanordnung erlassen: 72 Stunden lang durfte die junge Frau weder den Bundesstaat noch das Land verlassen. Diese Anordnung war eindeutig. ICE ignorierte sie trotzdem. Die Behörde schweigt dazu. Für die Familie in Austin war der erste Anruf ihrer Tochter nach Tagen ein Schockmoment. Der Vater hielt es zunächst für einen Betrugsversuch – erst als er das Schluchzen seiner Tochter hörte, begriff er, dass etwas Unfassbares geschehen war. Die Familie wusste nichts von einer alten Verfügung. Hätte es sie gegeben, sagt der Vater, hätten sie ihre Tochter niemals allein auf die Reise geschickt. Nun sitzt das Mädchen bei ihren Großeltern in Honduras. Das Studium an der Babson College, mühsam erkämpft und voller Hoffnung gestartet, steht vor dem Aus. „Ich verliere alles“, sagte sie – und es klingt nicht wie ein Satz, den man daher sagt, sondern wie eine nüchterne Bilanz.

Any Lucia Lopez Bellozas

Der Fall wäre schon für sich ein Skandal, aber er reiht sich in eine immer länger werdende Liste von Verfahren ein, bei denen Eile über Recht, politische Härte über Sorgfalt gestellt wurde. Man konnte ihr mittlerweile den Anwalt Todd Pomerleau an die Seite stellen, der auch im Fall von Bruna Ferreira tätig ist – jener Mutter des Neffen der Regierungssprecherin Karoline Leavitt, deren angebliche „Körperverletzung“ bis heute in keinem öffentlichen Register auftaucht. Weil es sie einfach nicht gibt. Dort war es Michael Leavitt, der Bruder der Regierungssprecherin und Ex-Verlobter von Ferreira, dem plötzlich „doch wieder eingefallen“ ist, dass man damals sehr wohl zusammengelebt hatte – etwas, das angesichts gemeinsamer Familienfotos nicht zu übersehen war. Aber, man arbeitet längst am Limit – und es wird Tag für Tag noch schlimmer, die Fälle türmen sich. Aktuell haben wir weit über 600 Fälle auf unseren Schreibtischen, und für jeden abgearbeiteten kommen zwei neue dazu.

Michael Leavitt, Michael Leavitt Junior und Bruna Ferreira – Siehe auch unseren Artikel: „Die Mutter von Karoline Leavitts Neffen in ICE-Haft“ – unter dem Link: https://kaizen-blog.org/die-mutter-von-karoline-leavitts-neffen-in-ice-haft/

Am Ende bleibt ein anderes, viel nüchterneres Bild: Behörden, die auf Warnungen nicht reagieren, ein Gerichtsbeschluss, der ignoriert wird, und Familien, die innerhalb von Stunden aus ihrem Alltag gerissen werden. Für die Betroffenen geht es nicht um Schlagzeilen oder politische Härte, sondern um verlorene Chancen, zerrissene Pläne und die Erfahrung, dass ein einziges Formular oder eine falsche Entscheidung genügt, um ein ganzes Leben aus der Bahn zu werfen. Any Lucia Lopez Belloza wollte nach Hause fliegen, um ihrer Familie eine Freude zu machen. Stattdessen zeigt ihr Fall, wie ein System funktioniert, das längst nicht mehr Kontrolle ausübt, sondern ungebremst Schaden anrichtet. Und das ist das eigentlich Verstörende an dieser Geschichte: dass sie sich jederzeit wiederholen kann.

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