Vor dem Heimatschutzausschuss des Repräsentantenhauses haben die Chefs jener Behörden, die Trumps Massenabschiebungen tragen, heute über drei Stunden lang eine Linie durchgezogen, die keine Lücke lässt: Verteidigung, Durchhalteparolen, Zahlen – und Ausweichen dort, wo Menschen sterben. Todd Lyons, kommissarischer Leiter der Einwanderungs- und Zollbehörde, Rodney Scott als Chef der Zoll- und Grenzschutzbehörde und Joseph Edlow als Direktor der Staatsbürgerschafts- und Einwanderungsbehörde traten an, als stünde nicht das Land, sondern allein ihre Operationen unter Beschuss.

Rodney Scott von der Grenzschutzbehörde, Joseph Edlow von der Staatsbürgerschafts- und Einwanderungsbehörde, Todd Lyons von der Einwanderungs- und Zollbehörde
Der Hintergrund ist brennend. Die Zustimmung in der Bevölkerung sinkt, gleichzeitig schwimmen die Behörden im Geld: Ein Ausgabengesetz aus dem vergangenen Jahr hat die Ausweitung der Maßnahmen im ganzen Land befeuert. Mehr Personal, mehr Kapazitäten, mehr Flüge – und damit mehr Begegnungen, die längst nicht mehr nur Migranten treffen, sondern auch Amerikaner, die hinschauen oder protestieren.
Während der Debatte im Heimatschutzausschuss fragte Goldman unter anderem, warum maskierte ICE-Agenten eingesetzt würden, und argumentierte, dass das Verhalten der Agenten Eindrücke erwecke wie bei einer Geheimpolizei oder einem autoritären Regime.
ICE-Direktor Todd Lyons: „Wir führen gezielte, nachrichtendienstlich gestützte Einsätze durch. Wir laufen nicht herum und fragen Menschen nach ihrer Staatsbürgerschaft.“

Dass diese Anhörung überhaupt in dieser Schärfe stattfindet, hat einen Namen: Minneapolis. In den vergangenen Wochen wurden dort zwei Demonstrierende durch Beamte des Heimatschutzapparats getötet. Bei Alex Pretti eröffneten ein Grenzschutzagent und ein Beamter der Zoll- und Grenzschutzbehörde das Feuer. Renee Good starb durch Schüsse eines Beamten der Einwanderungsbehörde. Genau zu diesen Fällen verweigerte Lyons im Ausschuss die zentrale Geste, die in einer Demokratie selbstverständlich sein müsste: Er lehnte es ab, sich bei den Angehörigen zu entschuldigen oder die Todesfälle inhaltlich zu kommentieren. Der demokratische Abgeordnete Eric Swalwell forderte Lyons zum Rücktritt auf. Lyons lehnte ab.“ Auf die Aufforderung, Verantwortung zu übernehmen, antwortete er mit Distanz: Er würde zwar mit den Familien sprechen, aber die Einordnung überlasse er anderen in der Regierung – während die Regierung zugleich behauptet, die Getöteten seien in „inländischen Terrorismus“ verwickelt gewesen.
„Auf die Rücktrittsforderung von Eric Swalwell antwortete der kommissarische ICE-Direktor Todd Lyons: ‚Nein, Sir, das werde ich nicht tun. Eric Swarell: Warum nicht?“
ICE-Direktor Todd Lyons: „Dieses Kind, das Sie dort zeigen, haben die Männer und Frauen von ICE betreut, als sein Vater sie verlassen hat und vor der Strafverfolgung geflohen ist.‘“
Stattdessen rückte Lyons die Erzählung zurecht, die das Ministerium seit Wochen ausgibt: nicht Fehler, sondern Widerstand sei das Problem. Er sprach von Einschüchterung, davon, dass Familien von ICE-Mitarbeitern sich in ihren Häusern unsicher fühlten, dass auch seine eigene Familie belästigt worden sei. Und er stellte klar, wie er den Kurs versteht: Wer versucht, ICE zu stoppen, werde scheitern. „Wir fangen gerade erst an“, sagte er.
Dann folgte die Zahlenschicht. Lyons erklärte, ICE habe 2025 insgesamt 379.000 Festnahmen durchgeführt und mehr als 475.000 Menschen aus dem Land entfernt. Der Präsident habe Massenabschiebung befohlen, man erfülle diesen Auftrag. Das Geld aus dem Kongress ermögliche mehr Haftplätze und mehr tägliche Abschiebeflüge. Der Staat wird hier nicht als Hüter von Rechten beschrieben, sondern als Maschine, die beschleunigt.
Parallel lief die nächste Kontroverse direkt in die Anhörung hinein: der Fall des fünfjährigen Liam Conejo Ramos. Bilder des Kindes mit Hasenmütze und Spiderman-Rucksack, umringt von Beamten, hatten Empörung ausgelöst. Der republikanische Abgeordnete Brad Knott fragte Lyons, ob das Kind als Köder benutzt worden sei, um einen Elternteil aus dem Haus zu locken – so wie Nachbarn und Schulverantwortliche es behaupten. Lyons bestritt das und erzählte stattdessen die Version des Ministeriums: Der Vater sei geflohen, die Beamten hätten sich um den Jungen gekümmert. Er sei aufgewühlt gewesen, man habe ihn ins Fahrzeug gesetzt, seine Lieblingsmusik gespielt und später zu McDonald’s gebracht. Diese Szene wurde im Ausschuss als Fürsorge verkauft, während die eigentliche Frage im Raum bleibt: Warum stand ein Vorschulkind überhaupt in diesem Zugriff – und wer hält das für normal. Wir hatten diesen Fall mit bearbeitet.
Zurück aus der Haft – wie ein fünfjähriger Junge zum Symbol wurde

Als Liam Conejo Ramos am Sonntag wieder in Minnesota ankam, war es nicht nur die Rückkehr eines Kindes nach Hause. Es war das Ende einer Woche, die gezeigt hat, wie schnell staatliche Härte in offene Grenzüberschreitung kippen kann. Der Fünfjährige war am 20. Januar in einem Vorort von Minneapolis von Beamten der Immigration and Customs Enforcement festgesetzt worden, unmittelbar nachdem er aus dem Kindergarten nach Hause gekommen war. Zusammen mit seinem Vater, Adrian Conejo Arias, wurde er quer durchs Land in ein Abschiebegefängnis im texanischen Dilley gebracht.
Auch rechtlich lag Sprengstoff auf dem Tisch. Lyons muss sich Fragen zu einem Memo gefallen lassen, das er im vergangenen Jahr unterschrieben haben soll und das ICE-Beamten signalisierte, sie könnten zur Festnahme auch ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl gewaltsam in Häuser eindringen. Das wäre ein Bruch mit jahrelanger Praxis und berührt den Kern des Schutzes vor illegalen Durchsuchungen. Gleichzeitig wird bei der Zoll- und Grenzschutzbehörde sichtbar, wie stark sich deren Rolle verändert hat: eine Behörde, die klassisch an der Grenze agiert, greift zunehmend im Inland zu, nimmt fest, schafft ab – als wäre die Grenze inzwischen überall. Wir hatten darüber unsere Recherchen am 1. Februar 2026 veröffentlicht.
Recherchen zeigen auf: Haft ohne Richter – Wie ein internes ICE-Papier die Schwelle zur Festnahme senkt

Still und ohne öffentliche Debatte ist eine neue Leitlinie in Kraft getreten, die den Handlungsspielraum von ICE-Beamten massiv erweitert. Ein internes Memorandum, das nun im Bundesgerichtsverfahren, geleitet von Richterin Kate Menendez, offengelegt wurde, erlaubt es Abschiebungsbeamten, Menschen ohne richterlichen Beschluss festzunehmen – auf einer deutlich weiter gefassten Auslegung dessen, was als „Fluchtgefahr“ gilt. Aufgrund anderer Recherchen lag uns das ursprüngliche Memorandum bereits vor.
Die politische Lage verschärft das Ganze. Demokraten fordern vor einer möglichen Blockade des Heimatschutzministeriums am Freitagabend konkrete Änderungen: bessere Kennzeichnung der Beamten, neue Regeln zum Schusswaffengebrauch, ein Ende von Racial Profiling. Das Weiße Haus legte eine Gegenidee vor, die nicht einmal öffentlich gemacht wurde. Demokratische Spitzen wiesen sie als unvollständig zurück. Mitten in diesem Ringen treten die Behördenchefs auf und sprechen, als sei das nicht Verhandlung, sondern Befehlskette. Selbst Themen, die nach außen wie Normalität aussehen sollen, kippen in diese neue Realität. Die demokratische Abgeordnete Nellie Pou aus New Jersey fragte Lyons, ob ICE während der Spiele der Fußball-WM im Sommer Einsätze pausieren werde, weil Besucher sonst Angst haben könnten, „zu Unrecht eingesperrt oder herausgezogen“ zu werden. Lyons sagte, er verstehe die Sorge und man sei der Sicherheit aller verpflichtet – eine Zusage, die Einsätze auszusetzen, verweigerte er. Die Botschaft ist simpel: Es wird keine Zone geben, in der diese Behörden nicht zugreifen wollen.
Rodney Scott wiederum nutzte seine Bühne, um sich als Garant von Sicherheit zu präsentieren: er lobte Grenzanlagen und Einreisepunkte, sprach von sinkenden Grenzübertritten, steigenden Drogenfunden und nannte das „so sieht eine sichere Grenze aus“. Gleichzeitig sprach er von „beispielloser“ Einmischung und Einschüchterung gegen Bundesbeamte, von koordinierten, gut finanzierten Angriffen. Belege dafür lieferte er nicht, aber der Zweck der Aussage ist klar: Protest wird als gesteuerte Bedrohung gerahmt, nicht als Ausübung von Grundrechten.
Zwischendrin zeigt sich, wie weit die Debatte bereits abgerutscht ist. In einer hitzigen Szene fragte eine Abgeordnete Lyons, ob er religiös sei und wie er am „Tag des Gerichts“ mit „so viel Blut an den Händen“ dastehen werde. Lyons verweigerte die Antwort, der Vorsitzende stoppte die Linie. Auch das ist bezeichnend: Die moralische Dimension wird weggeschoben, die juristische bleibt umkämpft, die operative läuft weiter. Am Ende dieser Anhörung bleibt ein Bild, das mit jeder Minute klarer wurde: Ein Apparat, der mehr Geld und mehr Befugnisse erhalten hat, reagiert auf öffentliche Kritik nicht mit Selbstprüfung, sondern mit Trotz. Zwei Tote in Minneapolis werden nicht als Warnsignal behandelt, sondern als Störgeräusch. Ein fünfjähriges Kind wird zur PR-Geschichte umgebogen. Und die Ansage, man sei „erst am Anfang“, fällt nicht als Ausrutscher, sondern als Programm.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English