In den Tagen nach dem Tod von Jeffrey Epstein läuft im Metropolitan Correctional Center in Manhattan etwas, das selbst erfahrene Beamte nicht einordnen können. Während offiziell eine interne Aufarbeitung beginnt, werden im Hintergrund große Mengen an Dokumenten zerstört. Säcke voller geschredderter Unterlagen werden an das hintere Tor des Gefängnisses gebracht und in Container geworfen. Ein Insasse, der diese Säcke transportieren muss, beschreibt die Menge als ungewöhnlich. „Sie schreddern alles“, sagt er einem Wärter. Einer der Männer fordert ihn auf, auch eine bestimmte Kiste zu holen.
Am 16. August 2019 um 18:28 Uhr rief ein Justizvollzugsbeamter die FBI-Hotline an, um über geschredderte Dokumente zu berichten.

Ein Beamter aus dem Metropolitan Correctional Center in New York meldet, dass ungewöhnlich große Mengen geschredderter Unterlagen aus dem Gefängnis gebracht und in Container geworfen wurden. Die Vernichtung erfolgt genau zu dem Zeitpunkt, als ein internes Team den Tod von Jeffrey Epstein untersuchen soll. Mehrere Insassen werden eingesetzt, um die Säcke mit zerkleinerten Dokumenten zum Hinterausgang zu tragen und zu entsorgen. Es handelt sich nicht um einzelne Beutel, sondern um eine auffällige Menge, die selbst erfahrene Mitarbeiter als ungewöhnlich einstufen.
Ein Insasse berichtet, dass das interne Untersuchungsteam selbst große Mengen an Unterlagen vernichtet. Die Situation wirkt widersprüchlich, weil genau diese Gruppe eigentlich klären soll, was im Gefängnis passiert ist.
Es bleibt nicht bei dieser Beobachtung. Ein Justizvollzugsbeamter meldet sich am 16. August um 18:28 Uhr beim FBI und berichtet, dass er eine solche Menge an vernichteten Unterlagen noch nie gesehen habe. Ein weiterer Beamter hält in einem internen Vermerk fest, dass dieses Vorgehen unangebracht erscheine und untersucht werden müsse. Noch besteht die Möglichkeit, den Müll zu sichern. Ein Ermittler schreibt, man solle den Container so schnell wie möglich überprüfen. Doch als jemand reagiert, ist es zu spät. Der Abfall wird am selben Morgen abgeholt.
Parallel dazu taucht ein weiteres Problem auf. Unterlagen, die Ermittler angefordert haben, sind verschwunden. Es handelt sich um sogenannte Zählprotokolle des Gefängnisses für die Zeit vor dem 10. August 2019. Diese Dokumente gelten als zentral, weil sie belegen, wann Gefangene kontrolliert wurden. Genau diese Aufzeichnungen sind nicht mehr auffindbar.
Die Ereignisse bleiben nicht auf einen einzelnen Vorgang beschränkt. Mehrere Untersuchungen werden eingeleitet. Eine befasst sich mit dem Tod Epsteins selbst. Die offizielle Feststellung lautet Suizid durch Erhängen, getroffen von der damaligen leitenden Gerichtsmedizinerin Barbara Sampson. Der forensische Pathologe Michael Baden widerspricht. Er sieht in den Verletzungen am Hals und den Einblutungen Hinweise, die eher zu einer Strangulation passen als zu einem Suizid.
Neben dieser Untersuchung laufen zwei weitere Verfahren. Eines richtet sich gegen mögliche Behinderung der Justiz durch die Vernichtung von Dokumenten. Das andere befasst sich mit einem Fall, in dem ein Justizvollzugsbeamter eine Besucherin unter Druck gesetzt haben soll, Sex gegen Straffreiheit zu haben. Beide Verfahren stehen in Verbindung mit dem Umfeld von Epsteins Tod, ohne dass klar wird, warum sie zusammengeführt wurden.
Auffällig ist auch, wie sich die Zuständigkeit verschiebt. Anfangs liegt der Fall beim FBI als strafrechtliche Untersuchung. Später übernimmt das Office of the Inspector General die Ermittlungen. Diese Behörde kann selbst keine Anklagen erheben, sondern muss Ergebnisse weiterleiten. Warum dieser Wechsel erfolgt, bleibt offen.
Von Beginn an ist die Richtung vorgegeben. Noch am Tag, an dem Epstein tot aufgefunden wird, spricht der damalige Justizminister William Barr von einem offensichtlichen Suizid. Wenige Tage später bestätigt Sampson diese Einschätzung. Damit wird der Fall nicht als möglicher Tatort behandelt. Die Zelle wird nicht umfassend kriminaltechnisch untersucht. Wichtige Spuren werden nicht gesichert. Selbst das Material, mit dem Epstein sich erhängt haben soll, wird nie eindeutig identifiziert.
Siehe auch unsere Artikel: Veröffentlichungen neuer Epstein-Akten bestätigt unsere Recherche – Der Tod in Zelle 9 – Anatomie eines Unfalls, der nie einer war?
Epsteins Tod – Der Pathologe, der dem offiziellen Befund widerspricht
Dabei gibt es bereits vorher Hinweise, die Fragen aufwerfen. Am 23. Juli, nur wenige Wochen vor seinem Tod, wird Epstein bewusstlos in seiner Zelle gefunden. Er erklärt zunächst, sein Zellennachbar Nick Tartaglione habe ihn angegriffen und bedroht. Später sagt er, er könne sich nicht erinnern. Die Behörden werten den Vorfall als Suizidversuch.
Auch die Aussagen von Insassen und Beamten nach Epsteins Tod bleiben unklar. Der Insasse, der die geschredderten Dokumente entsorgt, wird befragt. Das Gespräch dauert 15 Minuten. Die Fragen lassen sich mit Ja oder Nein beantworten. Er gibt an, nichts zu wissen. Er sagt, er wolle keinen Ärger und einfach seine Arbeit machen.

In der Befragung wird ein Justizvollzugsbeamter, Michael Thomas, mehrfach gefragt, ob er oder andere Unterlagen aus Epsteins Akte entfernt oder vernichtet haben.
Er antwortet durchgehend:
- Er wisse nichts davon
- Er habe selbst nichts entfernt
- Er wisse auch nicht, wo die Akte aufbewahrt wird
Der Beamte bestreitet jede Beteiligung oder Kenntnis über verschwundene oder zerstörte Dokumente.
Der Beamte, der den Vorfall gemeldet hat, schildert detaillierter, was er gesehen und gehört hat. Er beschreibt einen Mann mit südlichem Akzent, der offenbar nicht zum regulären Personal gehört. Er vermutet, dass es sich um Mitglieder des internen Untersuchungsteams handelt. Dennoch wird der Fall wenig später eingestellt. Es gebe keine Beweise, heißt es. Ein anonymer Brief eines weiteren Beamten deutet darauf hin, dass innerhalb der Behörde Misstrauen besteht. Der Verfasser schreibt, er habe kein Vertrauen, dass die zuständige Stelle die Vorgänge unabhängig prüfe. Hinweise darauf, dass die Vernichtung der Unterlagen weiter verfolgt wurde, finden sich nicht.
Auch finanzielle Auffälligkeiten bleiben ohne erkennbare Konsequenzen. Bankunterlagen einer der diensthabenden Beamtinnen, Tova Noel, zeigen mehrere hohe Bareinzahlungen, die von ihrer Bank als verdächtig eingestuft werden. Ein Teil dieser Einzahlungen fällt in die Zeit, in der Epstein im Gefängnis sitzt. Eine klare Einordnung dieser Vorgänge durch die Ermittler bleibt aus.

Ein FBI-Dokument hält fest, dass die Bank JP Morgan Chase einen Verdachtsbericht über ungewöhnliche Geldbewegungen eingereicht hat. Im Mittelpunkt steht Tova Noel, eine der Justizvollzugsbeamtinnen im Gefängnis, in dem Jeffrey Epstein untergebracht war.
Laut Bericht wurden mehrere Bareinzahlungen auf ihr Konto registriert, insgesamt zwölf Transaktionen innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Die Bank stuft diese Einzahlungen als auffällig ein und meldet sie den Behörden.
Der Vorgang wird offiziell im Zusammenhang mit der Untersuchung von Epsteins Tod geführt.
Am Ende stehen viele einzelne Punkte, die nicht zusammengeführt werden. Dokumente verschwinden. Spuren werden nicht gesichert. Hinweise werden aufgenommen, aber nicht weiterverfolgt. Verfahren werden eröffnet und wieder geschlossen.
Was bleibt, ist kein klarer Ablauf, sondern eine Reihe von Lücken. Und die Erkenntnis, dass ein Fall von außergewöhnlicher Bedeutung nie vollständig untersucht wurde.
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