Die Brüder von Renee Good im Kapitol: „Wir dachten, ihr Tod würde etwas ändern – hat er nicht“

VonRainer Hofmann

Februar 4, 2026

Luke und Brent Ganger standen am Dienstag im Kapitol in Washington vor Abgeordneten und sagten Sätze, die man nicht als „Statement“ abhaken kann. Es waren Angehörige, die erklären mussten, warum ihre Schwester Renee Good tot ist – und warum ihr Tod bis heute keinen Kurswechsel ausgelöst hat. Renee Good wurde im Januar in Minneapolis von einem Bundesbeamten erschossen. Sie war 37 Jahre alt, US-Bürgerin, Mutter. Einen Monat später sagt ihre Familie: Wir haben gehofft, dass dieses Land wenigstens an diesem Punkt innehält. Es ist nicht passiert.

Luke und Brent Ganger

Luke Ganger sprach davon, dass der Schmerz über Renées Verlust in einer gewaltsamen und unnötigen Weise noch schwerer zu tragen sei, weil er sich mit Fassungslosigkeit und einer wachsenden Verzweiflung mische. Die Familie habe sich in den letzten Wochen damit getröstet, dass Renées Tod vielleicht Veränderungen auslösen könnte. Genau diese Hoffnung sei zerbrochen. Er sagte, solche Begegnungen mit Bundesbeamten veränderten ganze Gemeinschaften und viele Leben für immer, auch das seiner Familie. Es sei nicht „ein schlechter Tag“, nicht „eine raue Woche“, nicht eine Reihe einzelner Zwischenfälle. Für ihn ist es ein Muster.

Brent Ganger las aus der Trauerrede, die er wenige Tage zuvor für seine Schwester geschrieben hatte. Er beschrieb Renee als „unbeirrbar hoffnungsvoll“. Er wurde dabei sichtbar emotional, kämpfte mit der Stimme. Er wollte nicht nur erzählen, was passiert ist, sondern wer sie war: eine Mutter, die sich in ihre Kinder hineinlebte, die ihre Familie zusammenhielt, die ein Herz hatte, das nicht aufhörte, trotz allem. Er griff zu einem Bild aus der Trauerrede und verglich sie mit einem Löwenzahn: Man reißt ihn aus, man tritt ihn nieder, und er kommt wieder. Stärker, heller. Dieses Bild war kein Schmuck. Es war der Versuch, etwas Menschliches gegen eine Gewalt zu setzen, die längst als „normaler Einsatz“ verkauft wird.

Das Forum in Washington war nicht nur auf Minnesota zugeschnitten, auch wenn Minnesota im Raum stand wie ein offenes Messer. Die Veranstaltung sollte zeigen, wie Bundesbeamte im Zuge der aktuellen Abschiebepolitik Gewalt anwenden – in Städten, die demokratisch geführt werden, quer durchs Land. Und doch war Minnesota der Brennpunkt. Denn dort sind die Einsätze seit mehr als zwei Monaten eskaliert: Tausende Festnahmen, wiederholte Zusammenstöße mit Protestierenden, eine Atmosphäre, in der Menschen das Gefühl haben, die Kontrolle sei weg. Und es blieb nicht bei Renee Good. Alex Pretti, ebenfalls 37 Jahre alt, ebenfalls US-Bürger, Pflegekraft auf einer Intensivstation, wurde nur wenige Wochen nach Renee Good in Minneapolis von Bundesbeamten erschossen. Zwei Tote, zwei Familien, zwei Namen, die sich in die Stadt eingebrannt haben.

„Wenn du ein Bild der Zukunft willst, stell dir eine Waffe vor, die auf ein menschliches Gesicht zielt – immer weiter. Amerika 2026, genauer Amerika am 3. Februar 2026″ – (Kaizen Blog)

Im Kapitol forderten demokratische Abgeordnete Einschränkungen für die Bundesbehörden, aber man merkte auch die Spaltung: Ein Teil verlangt klare Regeln, mehr Kontrolle, sichtbare Identität der Beamten. Andere gehen weiter und fordern politische Konsequenzen bis hin zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen die Heimatschutzministerin. Wieder andere sprechen davon, ICE ganz abzuschaffen. Einigkeit gab es bei zwei Punkten: Beamte sollen ihre Gesichter nicht verstecken dürfen, und sie sollen nicht ohne richterliche Anordnung in Situationen gehen, die Bürgerrechte berühren. Außerdem soll es verbindliche Regeln geben, wann Gewalt eingesetzt werden darf, und unabhängige Untersuchungen nach Schusswaffeneinsätzen wie in Minneapolis.

Elizabeth Zuna Caisaguano ist 10 Jahre alt, Viertklässlerin in Columbia Heights, Teil ihrer Schulgemeinschaft seit dem Kindergarten. Am 6. Januar, in der ersten Woche nach den Winterferien, verließ sie morgens mit ihrer Mutter Rosa das Haus, auf dem Weg zur Schule. Dort kam sie nie an. Beamte der Einwanderungsbehörde hielten sie an, nahmen beide mit. Elizabeth rief noch ihren Vater Luis an. Man habe ihr gesagt, sie werde zur Schule gebracht. Er fuhr sofort los, wartete vor dem Gebäude, sprach mit der Verwaltung, mit Lehrkräften, mit der Schulleitung. Elizabeth kam nicht. Am Ende dieses Tages erfuhr er, dass seine Tochter und seine Frau bereits in das South Texas Family Residential Center (Dilley, Texas) verlegt worden waren. Dort befinden sie sich immer noch. Hier zum Artikel

Minnesotas Gouverneur beschrieb die Operation am selben Tag als chaotisch und verunsichernd. Er kritisierte auch die Inhaftierung von Kindern und schrieb an die Heimatschutzministerin, dass viele Schüler Angst hätten, überhaupt noch zur Schule zu gehen. Er fordert eine Rückkehr zu Regeln, wie sie in der Zeit vor der jetzigen Eskalation galten: keine Einsätze an Schulen, keine Jagd auf Familien an Orten, die eigentlich Schutz bieten sollten. Wenn Eltern ihre Kinder morgens nicht mehr loslassen, weil sie fürchten, dass ein Uniformierter irgendwo wartet, ist das keine politische Debatte mehr, sondern Alltag.

Die Brüder von Renee Good wurden nach ihren Statements entschuldigt. Sie mussten keine Fragen beantworten, sie wurden nicht verhört, sie sollten nicht „diskutieren“. Es war eine klare Ansage: Wir sind hier, um Hilfe zu erbitten. Luke Ganger sagte das ausdrücklich. Und er sprach über etwas, das viele wegdrücken, weil es so schwer zu ertragen ist: wie man einem vierjährigen Kind erklären soll, was diese Agenten in der Stadt tun, wenn man an surrealen Szenen vorbeifährt, an Masken, Waffen, Festnahmen. Er sagte offen, dass er es bis heute nicht weiß.

Republikanische Abgeordnete waren im Raum nicht anwesend. Die Lücke war sichtbar. Senator Richard Blumenthal dankte den Brüdern und sprach von einem Appell an das Gewissen des Landes. Ein anderer Abgeordneter sagte, der Kongress müsse eingreifen, wenn Grundrechte verletzt werden. Auch ein Anwalt der Familie sprach, ebenso mehrere US-Bürger, die von gewaltsamen Begegnungen mit Bundesbeamten berichteten. Nicht als Schlagzeile, sondern als Erfahrung.

Renee Good

Renee Good wurde in diesem Raum nicht nur als Opfer erwähnt, sondern als Person. Das war der eigentliche Punkt. Und gleichzeitig bleibt der Satz der Brüder hängen: Wir dachten, ihr Tod würde etwas ändern. Und er hat es nicht. Wenn eine Stadt zwei US-Bürger verliert, erschossen von Bundesbeamten, und die Taktik bleibt dieselbe, dann ist die Frage nicht mehr, ob etwas schief läuft. Dann ist die Frage, wie viele Tote es noch braucht, bis überhaupt hingehört wird.

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