Das Pentagon hat sich längst verabschiedet von dem, was man früher Säkularismus nannte. Pete Hegseth, Kriegsminister unter Trump, hat das Schauspiel beendet. Nicht die Säkularität, versteht sich – die war längst zerlegt. Aber die Illusion, dass es sie noch gibt. Seit Samstag berichten Soldaten von Kommandos, die ihnen erklären, der Krieg gegen den Iran sei Gottes Plan. Trump, so hieß es da in Briefings, wurde von Jesus gesalbt, um das Zeichen für Armageddon zu setzen. Die Rückkehr Christi. Die Armee als Werkzeug der Offenbarung.

„Da fehlen einem nur noch die Worte“

Über 110 Beschwerden sind eingegangen. Nicht von Frauengruppen oder Aktivisten. Von Soldaten. Von Unteroffizieren, die mitteilen mussten, dass ein Kommandant vor ihnen saß, grinste und vom Ende der Welt redete. Hegseth sponsert monatliche Gebetstreffen im Pentagon. Der Mann leitet diese selbst, predigt für Jesus Christus wie für die Truppenmoral. Er organisiert wöchentliche Bibelstunden im Weißen Haus, geleitet von Ralph Drollinger, einem Prediger, der lehrt, dass Gott Israel segnet und dessen Feinde verflucht – und das, obwohl Israel Jesus getötet hat, fügt er hinzu, als wäre das ein aktuelles Ereignis und nicht die Grundlüge des Antisemitismus. Das ist die Bühne, auf der Hegseth auftritt. Die Armee als Kirchenschiff.

Die Beschwerde, die die Military Religious Freedom Foundation öffentlich machte, stammte von einem Unteroffizier, der für 15 Soldaten spricht. Ein Kommandant hatte ihnen gesagt, diesen Krieg nicht zu fürchten. Es sei alles Teil von Gottes Plan. Dann zitierte er aus der Offenbarung. Armageddon. Das zweite Kommen. Er sagte es mit breitem Grinsen. Das Grinsen ist wichtig. Es zeigt nicht Überzeugung – es zeigt Triumph. Die Überzeugung, dass man jetzt endlich sagen darf, was vorher nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Dieser Kommandant war nicht allein. Die Foundation erhielt Meldungen aus mehr als 40 Einheiten, verteilt auf mindestens 30 Militärbasen. Alle Waffengattungen betroffen. Alle mit der gleichen Botschaft: Das hier ist biblisch legitimiert und politisch explosiv, nicht weil es religiös ist. Sondern weil es das Ende der Kontrolle zeigt.

„Die verflochtene Beziehung zwischen evangelikalem christlichen Zionismus und weißem christlichen Nationalismus nimmt mehr als nur bedenkliche Formen an“

Nach 9/11 musste Bush das Wort „Kreuzzug“ fallenlassen, als er vom Krieg gegen den Terror sprach. Der französische Außenminister Hubert Védrine warnte, al-Qaida habe eine Falle gestellt: Wenn Amerika sich selbst als christliches Heer gegen den Islam darstellt, dann gewinnt der Terrorismus die Erzählung, die er braucht. Bush verstand. Bush ließ es sein. Trump und Hegseth verstehen das auch. Ihnen ist es nur egal.

Das ist der Punkt. Nicht, dass es Evangelikale in der Armee gibt – die gibt es überall. Nicht, dass religiöse Offiziere ihre Gläubigkeit zeigen – das ist Privatsache. Der Punkt ist: Hier wird Militärbefehl als Gottes Befehl ausgegeben. Hier werden Soldaten zur religiösen Unterwerfung verpflichtet, während sie einen Eid auf die Verfassung schwören, der genau das verbietet. Der Unteroffizier schrieb an die Foundation: Das zerstört die Moral. Das zerstört den Zusammenhalt der Einheit. Das verletzt den Eid, den wir auf die Verfassung geschworen haben. Mikey Weinstein, Gründer der Foundation, Luftwaffenoffizier und Reagan-Mann, sagte etwas Wichtiges: Die Kommandanten sind nicht nur gläubig. Sie sind wie belebt. Sie freuen sich, wie blutig das wird, weil Blut nötig ist für die Erfüllung der Prophezeiung. Das ist nicht Glaube. Das ist Wahnsinn, der sich zur Pflicht erklärt hat.

Pete Hegseth – Kriegsminister, Ex-Fox-Moderator, christlicher Hardliner-Nationalist und Verfechter des theopolitischen Extremismus

Hegseth hat diese Bewegung nicht erschaffen. Aber er hat sie legalisiert. Der Mann sitzt jeden Morgen da, schaut auf sein Pentagon-Budget und weiß: Ich kann jetzt sagen, was mein Vorgänger nur heimlich dachte. Ich kann Prediger einladen. Ich kann beten. Ich kann es Staatsgeschäft nennen. Das ist politisch deshalb so gefährlich, weil es nicht umkehrbar ist. Wenn ein System erst einmal zulässt, dass religiöse Indoktrination militärisch Befehl wird, dann ist das nicht eine Marotte der Trump-Regierung. Das ist Systemwandel. Das ist die Frage: Für wen kämpft Amerika? Für die Verfassung oder für Gottes Reich?

Die Soldaten, die Beschwerden einreichten, sind keine Atheisten. Einige sind christlich gläubig. Aber sie haben verstanden, was Hegseth und Trump nicht verstehen wollen: dass der Staat neutral sein muss, weil die Armee eben nicht neutral sein kann. Sie kann nicht glauben – sie kann nur befehlen. Und wenn der Befehl im Namen Christi kommt, dann ist die Hierarchie nicht mehr militärisch. Sie ist theologisch. Das ist erträglich für niemanden, der das amerikanische Militär als säkulare Institution verstanden hat. Und es ist tödlich für jeden Soldaten, der nicht an Hegseths Gott glaubt. Die Frage, die sich stellt, ist nicht: Wird es Widerstand geben? Die Frage ist: Wird es Konsequenzen geben? Die Trump-Regierung ist offen verachtungsvoll gegenüber militärischen Normen. Weinstein selbst weist darauf hin, dass Hegseth gerade versucht, Senator Mark Kelly wegen Beratung gegen illegale Befehle strafrechtlich zu verfolgen – während religiöse Kommandanten ungestraft Armageddon predigen dürfen. Das ist kein Fehler. Das ist Absicht.

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Kat ja Immerda
Kat ja Immerda
1 Stunde zuvor

Um Himmels Willen. Ich lasse jedem seine religiösen Ansichten. Aber wenn es fanatisch wird, wo sind diese sog. Christen denn besser?

Jörg G
Jörg G
29 Minuten zuvor

Bisher galten die islamistischen Gotteskrieger überall als Terroristen. Nun haben wir christliche (evangelikale) Gotteskrieger. Die völkerrechtlich fragwürdig souveräne Staaten überfallen und die Welt anzünden.
Quo vadis USA?

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