Der Präsident, der seinen eigenen Krieg erklärt – Kraftwerke, Drohungen, eine Marmorstatue – und niemand hört zu

VonRainer Hofmann

März 22, 2026

Donald Trump sitzt vor seinem Bildschirm, ein Krieg läuft, die Straße von Hormus ist gesperrt, die Benzinpreise steigen – und er schreibt: „Jetzt, mit dem Tod Irans, ist der größte Feind Amerikas die radikale Linke, die hochgradig inkompetente Demokratische Partei.“ Man liest den Satz zweimal. Nicht weil er schwer zu verstehen wäre, sondern weil man prüfen will, ob man ihn richtig gelesen hat.

Draußen brennt der Nahe Osten. Drinnen zeigt der Präsident der Vereinigten Staaten auf die Opposition im eigenen Land und nennt sie den größten Feind Amerikas. Nicht das Regime in Teheran. Nicht die geschlossene Meeresstraße. Nicht der Ölpreis, der die einfachen Leute jeden Morgen an der Tankstelle trifft. Die Demokratische Partei.

Was genau der „Tod Irans“ bedeutet, erklärt Trump nicht. Die Formulierung ist zu groß für eine militärische Einschätzung und zu ungenau für eine politische. Sie klingt nach Abschluss, nach Sieg, nach dem Ende von etwas – und lässt den Leser im Dunkeln, was genau gemeint ist. Das ist kein Versehen. Unklare Bilder füllt jeder selbst aus. Jeder sieht darin, was er sehen will.

Scott Bessent: „Das ist die EINZIGE Sprache, die die Iraner VERSTEHEN!“ (Es trifft zu 100% die Zivilbevölkerung – Anmerkung der Redaktion)

Unterdessen läuft die Wirklichkeit ihren eigenen Gang. Scott Bessent, Trumps Finanzminister, sitzt bei NBC und erklärt, dass die Amerikaner die kurzfristigen Schmerzen – gemeint sind die Benzinpreise – verstehen würden. Fünfzig Tage erhöhte Preise, sagt er, könnten fünfzig Jahre Frieden im Nahen Osten bedeuten. Ob es wirklich fünfzig Tage sein werden, will der Moderator wissen. Bessent sagt, er wisse es nicht. Ob dreißig, ob fünfzig, ob hundert – er könne das nicht sagen. Scott Bessent versucht, die Debatte zu beruhigen. Er sagt, Geld sei genug da, zusätzliche Mittel seien nur ergänzend gedacht. Gleichzeitig stehen 200 Milliarden Dollar im Raum. Die Summe passt nicht zu dem, was er sagt. Es ist eine Antwort, die keine ist. Aber sie kommt in einem Ton, der Zuversicht imitiert, und das reicht manchmal.

Gleichzeitig meldet sich Mohammad Bagher Ghalibaf, der Parlamentspräsident des Iran, zu Wort. Trump hatte damit gedroht, iranische Kraftwerke anzugreifen, sollte die Straße von Hormus nicht innerhalb von 48 Stunden vollständig geöffnet werden. Ghalibaf antwortet: Wer iranische Infrastruktur angreife, müsse damit rechnen, dass Energieanlagen und Öleinrichtungen in der gesamten Region zu legitimen Zielen werden – unwiderruflich zerstört, wie er schreibt. Keine Drohung als Drohung verkleidet. Eine Ankündigung.

Teheran selbst bestreitet derweil, die Straße von Hormus vollständig gesperrt zu haben. Ali Mousavi, Irans Vertreter bei der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation, sagt, die Straße sei offen – für alle außer Irans Feinden. Es ist eine Unterscheidung, die sich wie Semantik liest und es nicht ist. Sie bedeutet, dass der Durchgang kontrolliert wird, selektiv, nach Feindbildern, die Teheran selbst definiert.

Faktencheck 22. März 2026
Kaum zutreffend

Iran bestreitet, die Straße von Hormus vollständig gesperrt zu haben. Gleichzeitig erklärt Irans Vertreter Ali Mousavi, dass die Passage nicht für alle gilt.

Das beschreibt die Lage: Die Route ist nicht komplett dicht, aber auch nicht frei. Wer passieren darf, entscheidet Teheran. Eine feste Liste gibt es nicht.

Für europäische Schiffe gilt: Durchfahrt ist möglich, aber nicht garantiert. Entscheidend ist, ob ein Schiff als „neutral“ gilt oder politisch zugeordnet wird.

Hinzu kommt das eigentliche Problem: Versicherungen. Viele Reedereien fahren ohne Absicherung nicht in die Meerenge. Sobald das Risiko steigt, bleiben Schiffe stehen.

Genau deshalb staut sich der Verkehr. Die Passage ist formal offen, funktioniert aber nur eingeschränkt. Tausende Schiffe warten, obwohl sie theoretisch fahren könnten.

Die Straße von Hormus ist damit aktuell keine freie Handelsroute, sondern eine politisch und wirtschaftlich blockierte Passage.

Mike Waltz sagt bei Fox News, Trump meine es ernst. Er werde mit einem der größten iranischen Kraftwerke beginnen. Welches, sagt er nicht. Wie viele Menschen danach im Dunkeln sitzen, sagt er auch nicht. Er sagt nur, der Präsident sei nicht zum Spaß hier. Waltz sagt, die Revolutionsgarden kontrollierten die iranische Infrastruktur und nutzten sie für den Krieg. Das mag stimmen. Es ist auch wahr, dass dieselbe Infrastruktur Krankenhäuser versorgt, Wasser pumpt, Wohnungen heizt. Diese Wahrheit sagt er nicht.

Dann war das noch …

Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Sonntag mit Trump telefoniert — Themen waren der Krieg im Nahen Osten und die Lage in der Ukraine. Beide vereinbarten, in engem Kontakt zu bleiben. Was das auch immer zu bedeuten hat. Merz fällt in dieser Lage nicht auf. Und genau das ist vielleicht sein größter Vorteil.

Das ist der Stand der Dinge an diesem Sonntag.

Juristen erklären derweil, was das Völkerrecht dazu sagt: Kraftwerke, die der Zivilbevölkerung dienen, dürfen nur dann angegriffen werden, wenn der militärische Vorteil das zivile Leid überwiegt. Es ist ein Satz, der in Lehrbüchern steht und in der Praxis von denen ausgelegt wird, die gerade die Bomben haben.

Zur gleichen Zeit meldet die WHO, der Krieg habe eine der gefährlichesten Stufe erreicht. Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der Organisation, spricht von Angriffen auf die Nuklearanlage in Natanz und von Einschlägen nahe Dimona, wo Israel ein nukleares Forschungszentrum betreibt. Er sagt, Angriffe auf nukleare Standorte bedrohten die öffentliche Gesundheit und die Umwelt. Er ruft zur maximalen militärischen Zurückhaltung auf.

Niemand hört zu.

Mark Rutte, NATO-Generalsekretär, tritt ebenfalls bei Fox News auf — es ist offenbar der Sender, bei dem an diesem Sonntag Weltpolitik gemacht wird — und erklärt, der Riss zwischen Trump und der Allianz sei gar keiner. Mehr als zwanzig Länder seien dabei, Trumps Vision umzusetzen. Er habe diese Woche mehrfach mit dem Präsidenten gesprochen. Das US-Militär handle richtig, denn Irans Nuklear- und Raketenprogramm sei eine existenzielle Bedrohung für die Welt.

Das Wort existenziell fällt, und es fällt leicht. Zu leicht für das, was es bedeutet.

Man sitzt vor diesen Informationen und versucht, sie zusammenzuhalten. Ein Präsident, der Kraftwerke als Ziele ankündigt, ohne zu sagen welche. Ein Sicherheitsberater, der das bei einem Unterhaltungssender bestätigt. Ein WHO-Chef, der von nuklearer Gefahr spricht, während die Diplomatie schweigt. Ein NATO-Chef, der Harmonie beschwört und dabei übersieht, dass Harmonie in einem laufenden Krieg kein Zustand ist, sondern eine Behauptung.

Was in diesen Stunden auffällt, ist nicht die Eskalation selbst. Eskalationen haben ihre eigene Logik, und wer sie beobachtet, lernt irgendwann, sie zu lesen. Was auffällt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der über Kraftwerke, Zivilbevölkerungen und nukleare Standorte gesprochen wird — als wären es Positionen auf einem Spielfeld, nicht Orte, an denen Menschen leben.

Rutte sagt, mehr als zwanzig Länder stünden zusammen. Er sagt nicht, wie viele von ihnen gefragt wurden und wie viele einfach mitgezogen sind, weil die Alternative schlechter aussah.

Ghebreyesus sagt, man solle Zurückhaltung üben. Er sagt es, weil es sein Job ist, es zu sagen. Und weil niemand sonst es sagt.

Irgendwo zwischen diesen drei Männern und ihren Sätzen liegt das, was gerade wirklich passiert. Ein Krieg, der größer wird. Eine Rhetorik, die das kleiner redet. Und eine Öffentlichkeit, die zwischen Breaking News und Talkshow-Auftritten versucht zu verstehen, ob das, was sie sieht, noch kontrolliert ist oder schon längst nicht mehr.

Die Antwort darauf gibt keiner der drei.

„Der Größte“

Während das alles passiert, teilt Donald Trump auf Truth Social ein KI-generiertes Bild von WomenForTrump: eine Marmorstatue von sich selbst, eingehüllt in eine amerikanische Flagge. Darunter steht: „Größter Präsident der modernen amerikanischen Geschichte. Für immer erinnert als der G.O.A.T.“ Man kann das für Selbstdarstellung halten. Man kann es für Ablenkung halten. Man kann es für Dummheit halten. Vielleicht ist es alles. Vielleicht ist es keines davon, sondern einfach der mentale Zustand eines Mannes, der in einem Moment globaler Anspannung vor allem sicherstellen will, dass über ihn gesprochen wird – und zwar so, wie er es will.

Was bleibt, ist ein Bild, das sich aufdrängt: Ein Präsident, der mit einem laufenden Krieg im Rücken nicht auf den Krieg zeigt, sondern nach innen. Der den Moment nutzt, nicht um zu erklären, sondern um zu verteilen – Schuld, Feindschaft, Aufmerksamkeit. Die Benzinpreise steigen. Die Meerenge bleibt umstritten. Und der größte Feind Amerikas, so will es der Präsident, sitzt in Washington. In der anderen Partei.

Wer das glaubt, braucht keine Außenpolitik mehr zu verstehen. Er braucht nur zu wissen, wen er ablehnt. Das ist die einfachere Geschichte. Und die einfachere Geschichte gewinnt meistens.

Immer weiter.

Niemand weiß, wie es weitergeht. Über 20.000 Seeleute warten auf die Weiterfahrt

Alle haben in den letzten Wochen über diesen Ort gesprochen. Die Straße von Hormus. Männer in Anzügen, Männer in Klerikerroben, vor Kameras, in klimatisierten Räumen oder Bunkern. Keiner von ihnen war dort. Wir glauben, die ganze Wahrheit wird dort nicht zu finden sein, aber einen Teil der Geschichte schon.

In den nächsten Tagen kann es eventuell zu leichten Verzögerungen in der Berichterstattung kommen. Das liegt daran, dass wir gerade schneller die Standorte wechseln und nicht immer eine stabile Verbindung haben. Wir bitten dafür um Verständnis. Und wenn am Ende nichts bleibt als Bilder von Wasser, Felsen und Schiffen – dann ist das die Wahrheit dieses Ortes. Manchmal sieht ein Ort, über den die Welt streitet, genau so aus. Und dieses Bild sagt mehr als vieles, was diese Woche bei Fox News gesagt wurde.

Fortsetzung folgt …

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Anja
Anja
3 Stunden zuvor

Sein Größenwahnsinn kennt keine Grenzen. Mit seinem wahren Selbstbewusstsein wird es nicht weit her sein. Und größenwahnsinnige Menschen sind extrem gefährlich und ziehen ihre Länder in den Abgrund, das lehrt uns die Geschichte.

Renate E
Renate E
2 Stunden zuvor

Ich verstehe die Amis nicht mehr was sie da zum Präsidenten gemacht haben, warum schicken sie den nicht in den Ruhestand oder sonst wohin wo er der Welt keinen Schaden zufügen kann. Die erste Amtszeit hat doch gezeigt, dass ihm sehr viel fehlt was in dieser Position von Nöten ist. Der Russe alleine reicht wohl nicht um die Welt in einen Trümmerhaufen zu verwandeln.

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