Der Krieg ohne Grenzen, der immer mehr Länder erfasst – „Ich muss zurückgehen und mir den Krieg ansehen“

VonRainer Hofmann

März 5, 2026

Die Front dieses Krieges ist längst nicht mehr auf eine Region begrenzt. Raketenalarme ertönen in Jerusalem, Explosionen werden in Teheran gemeldet, Drohnen schlagen auf Militärbasen im Mittelmeer ein, und diplomatische Telefonleitungen glühen zwischen Europa, China und dem Nahen Osten. Während die Vereinigten Staaten und Israel ihre Luftangriffe gegen Iran fortsetzen, reagiert Teheran mit Angriffen auf amerikanische Stützpunkte, Schiffe und Verbündete in der gesamten Region. Die Folge ist ein Konflikt, der sich immer weiter ausdehnt und mittlerweile mehrere Kontinente berührt.

Trump: „Ich muss zurückgehen und mir den Krieg ansehen. Ich habe gerade sehr viele Dinge gleichzeitig am Laufen.“

Die Welt schaut zu, als würde sie einem langsamen Brand zusehen und diskutiert derweil die Farbe der Feuerwehrautos. Trump ist keine politische Anomalie mehr – er ist ein Systemfehler, der sich selbst zur Norm erklärt hat. Kriege, Menschenrechtsverstösse, zerstörte Klimaabkommen, Schäden in der Weltwirtschaft, gedemütigte Verbündete: jede Fehlhandlung wird nicht bestraft, sondern belohnt, weil die Institutionen gelernt haben zu kapitulieren statt zu korrigieren. Weltpolitiker, die sich verbiegen wie Gras im Wind, legitimieren täglich aufs Neue, was eigentlich undenkbar sein sollte. Die kommenden Generationen werden nicht fragen, warum niemand etwas gesagt hat – sie werden fragen, warum so viele zugeschaut haben, als wäre es Unterhaltung. Geschichte urteilt nicht über die Bösen allein – sie urteilt vor allem über die Schweigenden.

In Jerusalem heulten am Donnerstagmorgen erneut die Sirenen. Das israelische Militär meldete Raketenstarts aus Iran. Bewohner wurden per Warnsystem aufgefordert, Schutzräume aufzusuchen. Erste Berichte über Opfer gab es zunächst nicht. Gleichzeitig meldeten Einwohner Explosionen in Teheran, sowohl im Westen der Stadt als auch in Richtung Karadsch. Die Angriffe sind Teil einer breiten Luftkampagne, die laut iranischem Roten Halbmond bereits 174 Städte getroffen hat. Die Organisation spricht von 1.332 Angriffen auf 636 Orte im Land. Wohngebiete wurden getroffen, ebenso medizinische Einrichtungen und Rettungsstationen.

Der Krieg reicht inzwischen weit über Iran und Israel hinaus. In der Golfregion meldeten mehrere Staaten Angriffe auf militärische Einrichtungen, Energieanlagen und zivile Infrastruktur. Iranische Raketen trafen nach Angaben regionaler Behörden amerikanische Einrichtungen, darunter eine CIA-Station in Saudi-Arabien. In Kuwait wurden sechs amerikanische Soldaten getötet, als ein improvisiertes Operationszentrum in einem zivilen Hafen von Raketen getroffen wurde. Gleichzeitig berichten Satellitenbilder, dass Milliarden Dollar an amerikanischer Aufklärungstechnik zerstört oder beschädigt worden sein könnten.

Auch auf See eskaliert die Lage. Irans Revolutionsgarden erklärten, sie hätten einen amerikanischen Öltanker im nördlichen Persischen Golf angegriffen. Der Vorfall könnte mit einem Angriff auf ein Schiff vor der Küste Kuwaits zusammenhängen, über den ein britisches militärisches Überwachungszentrum zuvor berichtet hatte. Zuvor hatte ein amerikanisches U-Boot eine iranische Fregatte, die IRIS Dena, im Indischen Ozean versenkt. Irans Außenminister Abbas Araghchi reagierte mit einer scharfen Warnung. Amerika werde das Vorgehen „bitter bereuen“, erklärte er. Das Schiff habe sich rund 2.000 Meilen von der iranischen Küste entfernt in internationalen Gewässern befunden.

Der Krieg zieht inzwischen sogar andere Konfliktregionen in seinen Sog. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, sein Land sei bereit, Staaten im Nahen Osten und am Golf mit Fachleuten für Drohnenkrieg zu unterstützen. In einer Stellungnahme nach einem Treffen zur Lage in der Region sagte Selenskyj, man prüfe Möglichkeiten, Leben zu schützen, eine weitere Ausweitung des Krieges zu verhindern und gleichzeitig die Stabilität der globalen Märkte zu sichern. Die Ukraine verfügt nach mehr als zwei Jahren Krieg gegen Russland über umfangreiche Erfahrung im Einsatz und in der Abwehr von Drohnen. Dieses Wissen könnte nun auch in einem völlig anderen Konfliktgebiet eingesetzt werden.

Marco Rubio, Pete Hegseth

Der Konflikt hat auch neue politische Bruchlinien in Washington freigelegt. Verteidigungsminister Pete Hegseth kritisierte öffentlich die amerikanischen Medien. Wenn einige Drohnen durchkämen oder amerikanische Soldaten sterben, werde das sofort zur Schlagzeile gemacht.

Sgt. 1st Class Nicole M. Amor, 39 (Minnesota)., Capt. Cody A. Khork, 35 (Florida), Sgt. 1st Class Noah L. Tietjens, 42 (Nebraska), Sgt. Declan J. Coady, 20 (Iowa), Maj. Jeffrey R. O’Brien, 45 (Iowa) Chief Warrant Officer 3 Robert M. Marzan, 54 (Kalifornien)

Die Presse wolle den Präsidenten schlecht aussehen lassen, sagte er. Man solle einmal versuchen, auch die Realität zu berichten. Gleichzeitig berichten ehemalige amerikanische Regierungsvertreter, dass Hegseth und Außenminister Marco Rubio heftig über den weiteren Kurs streiten. Hegseth befürwortet offenbar den Einsatz amerikanischer Bodentruppen in Iran, während Rubio davor warnt, die Vereinigten Staaten in einen langen Krieg hineinzuziehen.

Donald Trump selbst äußerte sich in für ihn nicht ungewöhnlich optimistischen Worten über den Verlauf des Krieges. Man mache militärisch sehr gute Fortschritte. Jemand habe ihn gefragt, wie er die Lage auf einer Skala von zehn einschätze. Seine Antwort: etwa fünfzehn.

Währenddessen versucht Iran, seine Darstellung des Krieges international zu verbreiten. Esmail Baghaei, Sprecher des iranischen Außenministeriums (Er wird auch oft als Vizeaußenminister bezeichnet, jedoch ist diese Behauptung nicht richtig), wies die Begründung der amerikanischen Regierung zurück, man habe Iran angegriffen, um einem bevorstehenden Angriff zuvorzukommen. Diese Darstellung sei eine große Lüge. Iran habe niemals vorgehabt, die Vereinigten Staaten anzugreifen. Baghaei stellte eine Gegenfrage: Ob Iran in den Golf von Mexiko gefahren sei, um Los Angeles anzugreifen – oder ob amerikanische Streitkräfte 6.500 Meilen entfernt an den iranischen Küsten operierten.

Baghaei warnte zudem vor einer neuen Front im Inneren Irans. Er verwies auf Berichte, wonach Donald Trump Gespräche mit kurdischen Führern in der Region geführt habe und amerikanische Dienste kurdische Kräfte unterstützen könnten, die später auch bei Bodenoperationen eingesetzt werden. Die amerikanische Politik gegenüber den Kurden wirkt widersprüchlich. In Syrien wurden sie erst vor kurzer Zeit fallengelassen, um den Kontakt zur neuen Führung in Damaskus zu sichern. Nun rücken kurdische Gruppen im Iran wieder ins Blickfeld – diesmal als mögliche Bodentruppen im Konflikt mit Teheran. Gleichzeitig griffen die Vereinigten Staaten und Israel nach seinen Angaben gezielt iranische Sicherheitskräfte an, darunter Polizei und Basij-Einheiten. Für Baghaei ergibt sich daraus ein klares Muster. Washington und Tel Aviv versuchten, so seine Darstellung, innerhalb Irans Unruhe zu erzeugen und einen Regimewechsel vorzubereiten.

Auch die diplomatische Ebene ist von gegenseitigen Vorwürfen geprägt. Baghaei erklärte, Iran habe noch wenige Tage vor Beginn des Krieges mit den Vereinigten Staaten verhandelt. Eine weitere Gesprächsrunde sei für den 2. März geplant gewesen. Zwei Tage zuvor hätten Amerika und Israel Iran angegriffen. Diplomatie sei verraten worden, sagte er. In der Region selbst wächst die Gefahr weiterer Eskalationen. Aserbaidschan beschuldigte Iran am Donnerstag, einen Drohnenangriff auf seine Exklave Nachitschewan durchgeführt zu haben. Eine Drohne sei nahe dem Flughafen abgestürzt, eine weitere in der Nähe einer Schule. Zwei Zivilisten wurden verletzt. Die Regierung in Baku bestellte den iranischen Botschafter ein und erklärte, man behalte sich Vergeltungsmaßnahmen vor.

Auch Europa versucht, Einfluss zu nehmen. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot sprach mit seinem iranischen Amtskollegen und verurteilte Angriffe auf Nachbarstaaten. Paris betonte seine Unterstützung für eine Deeskalation und eine Rückkehr zu diplomatischen Gesprächen unter Einhaltung des Völkerrechts. China kündigte an, seinen Sondergesandten Zhai Jun in die Region zu schicken. Außenminister Wang Yi habe bereits mit Kollegen aus Russland, Iran, Oman, Frankreich, Israel, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gesprochen. Peking fordert ein sofortiges Ende militärischer Operationen und eine Rückkehr zu Verhandlungen.

Gleichzeitig versuchen zahlreiche Staaten, ihre Bürger aus der Region zu bringen. Spanien hat mehr als 170 Menschen aus dem Nahen Osten ausgeflogen. Australien entsendet Krisenteams und militärische Unterstützung, um gestrandete Staatsbürger zu evakuieren. Südkorea meldete, dass weiterhin Tausende seiner Bürger im Nahen Osten festsitzen, nachdem der Luftverkehr massiv eingeschränkt wurde.

Parallel dazu radikalisiert sich die religiöse Rhetorik in Iran. Das staatliche Fernsehen verbreitete eine Botschaft des Ajatollah Abdollah Javadi Amoli, der zur Vergeltung aufrief und vom „Vergießen des Blutes der Zionisten“ und von Donald Trump sprach. Solche Aussagen schüren international Sorgen vor möglichen Anschlägen durch Einzeltäter oder verdeckte Netzwerke. Die militärische Lage bleibt gleichzeitig unübersichtlich. Israel meldete neue Luftangriffe gegen Stellungen der Hisbollah in Beirut. Auf Zypern bestätigten Behörden, dass eine Drohne, die eine britische Luftwaffenbasis traf, offenbar aus Beirut gestartet war. In Bahrain wiederum verbot die Regierung jede Veröffentlichung von Bildern militärischer Einrichtungen oder Verteidigungsmaßnahmen, während das Land unter iranischen Angriffen steht.

Während Raketen fliegen und Drohnen starten, versucht die iranische Führung zugleich, ihre politische Zukunft zu ordnen. Nach der Tötung des obersten religiösen Führers Ali Chamenei arbeitet ein Übergangsrat daran, einen neuen Führer zu bestimmen. Ein Angriff Israels auf ein Gebäude der Versammlung der Experten in der Stadt Qom sollte offenbar diesen Prozess treffen. Iranische Behörden erklärten jedoch, die eigentliche Sitzung habe zu diesem Zeitpunkt nicht stattgefunden.

Der Krieg entwickelt sich damit zu einem Konflikt, der militärisch, politisch und wirtschaftlich immer mehr Räume erfasst. Angriffe auf Energieanlagen, Handelsrouten und Militärbasen haben bereits begonnen, globale Lieferketten zu stören. Gleichzeitig wächst die Zahl der Staaten, die direkt oder indirekt in die Auseinandersetzung hineingezogen werden. Die militärischen Fronten liegen inzwischen nicht nur zwischen Israel und Iran. Sie verlaufen über den gesamten Nahen Osten, durch internationale Gewässer, über Flughäfen, Häfen und diplomatische Kanäle. Und mit jeder neuen Rakete wächst die Gefahr, dass aus einem regionalen Krieg ein Konflikt wird, der noch weit mehr Länder erreicht.

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