Der „Grönland-Moment“ – Wie Europa in München lernt, ohne Amerika zu planen

VonRainer Hofmann

Februar 14, 2026

Vor einem Jahr stand auf derselben Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz ein amerikanischer Vizepräsident, der Europa offen belehrte, brüskierte und ideologisch attackierte. Die Rede von JD Vance markierte damals den Beginn einer Phase, in der das transatlantische Verhältnis nicht nur politisch, sondern atmosphärisch zerfiel. Handelsstreit, Spott, offene Verachtung, Drohungen gegenüber Verbündeten – vieles, was jahrzehntelang als stiller Konsens galt, wurde öffentlich infrage gestellt. In diesem Jahr ist der Ton weicher. Keine offenen Beschimpfungen, keine demonstrative Geringschätzung. Stattdessen sprechen amerikanische Vertreter von „pragmatischem Realismus“. Doch hinter der neuen Wortwahl steht dieselbe Botschaft: Europa soll für seine eigene Sicherheit zahlen. Europa soll militärisch auf eigenen Beinen stehen. Europa soll die Abhängigkeit von Washington beenden.

Und in München ist zu hören, dass diese Botschaft angekommen ist. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte gleich zu Beginn der Konferenz, die internationale Ordnung auf Grundlage von Rechten und Regeln existiere in ihrer bisherigen Form nicht mehr. Der Anspruch der Vereinigten Staaten auf globale Führungsrolle sei herausgefordert, womöglich verspielt worden. Das ist kein diplomatischer Halbsatz, das ist eine nüchterne Feststellung. Merz sprach offen von einer „Kluft“ im transatlantischen Verhältnis und zählte auf, wo sich die Wege getrennt haben: beim Umgang mit Hassrede, beim Klimaschutz, beim Freihandel. Werte, die Deutsche und viele Europäer lange als gemeinsame Grundlage mit Amerika betrachteten, stehen nicht mehr selbstverständlich nebeneinander.

„Wenn dieses Geld nur für nationale Alleingänge verwendet wird, werden wir unser Geld verschwenden, unsere Zeit verschwenden und viele Fehlentwicklungen schaffen.“

Emmanuel Macron formulierte es anders, aber nicht milder. Europa rüste auf, sagte er, doch das reiche nicht mehr. Der Kontinent müsse geopolitische Macht werden. Nicht nur wirtschaftlich, sondern sicherheitspolitisch. Nicht als Juniorpartner, sondern als handlungsfähiger Akteur. Und er fügte hinzu: Ein stärkeres Europa sei ein besserer Verbündeter für die Vereinigten Staaten. Das ist keine Abkehr von Amerika, sondern eine Absage an die einseitige Abhängigkeit.

Was kaum ausgesprochen werden musste, war der Auslöser dieser Beschleunigung. Trumps Vorstoß, Grönland unter amerikanische Kontrolle zu bringen, die öffentliche Herabsetzung europäischer Regierungschefs in Davos, die Zolldrohungen, das Spiel mit einem möglichen NATO-Rückzug – all das hat sich in das europäische Gedächtnis eingebrannt. In Paris spricht man inzwischen vom „Greenland-Moment“. Ein Wendepunkt. Der Moment, in dem klar wurde, dass territoriale Integrität selbst unter Verbündeten nicht mehr als Tabu gilt. Vertrauen, das über Jahrzehnte gewachsen war, kann in wenigen Wochen beschädigt werden.

Marco Rubio: „Die Welt verändert sich gerade sehr schnell direkt vor unseren Augen. Die alte Welt ist vorbei. Wir leben in einer neuen Ära der Geopolitik.“

In München waren die Vereinigten Staaten nicht durch Trump oder Vance vertreten, sondern durch Außenminister Marco Rubio und den Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Elbridge Colby. Rubio gilt in Europa als jemand, der versucht, die Verbindung nicht vollständig reißen zu lassen. Colby sprach in Brüssel und München von einer Übergangsphase der NATO. Das vergangene Jahr habe dazu gedient, die Beziehung neu auszurichten. Europa müsse die konventionelle Verteidigung selbst tragen. Die amerikanische nukleare Abschirmung bleibe bestehen, doch die Arbeitsteilung verschiebe sich.

Gleichzeitig ließ Colby keinen Zweifel daran, dass Begriffe wie „regelbasierte internationale Ordnung“ in Washington kaum noch Gewicht haben. Bündnisse, so seine Botschaft, beruhen nicht auf Gefühlen, sondern auf Lastenteilung. Wer Sicherheit will, muss zahlen. NATO-Mitglieder haben sich inzwischen verpflichtet, die Ausgaben für militärische Kernfähigkeiten bis 2035 auf 3,5 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens zu steigern. In München wurde das nicht als Zumutung, sondern als neue Realität diskutiert. Doch Skepsis bleibt. Wolfgang Ischinger, der langjährige Vorsitzende der Konferenz, erinnerte daran, dass zerstörtes Vertrauen selten vollständig zurückkehrt. Umfragen zeigen eine tiefe Verunsicherung in der europäischen Bevölkerung gegenüber Trump und der amerikanischen Außenpolitik. Die Frage ist nicht nur, ob Washington seine Zusagen hält, sondern ob die politische Richtung berechenbar bleibt.

Merz ging einen Schritt weiter. Deutschland führe Gespräche mit Frankreich über eine europäische nukleare Abschreckung. Frankreich ist innerhalb der Europäischen Union die einzige Atommacht, Großbritannien verfügt ebenfalls über Nuklearwaffen, gehört aber nicht mehr zur EU. Bisher garantieren die Vereinigten Staaten im Rahmen der NATO den nuklearen Schutzschirm für Europa. Dass nun offen über eine europäische Lösung gesprochen wird, zeigt, wie tief die Verunsicherung reicht. Merz betonte, dies geschehe nicht als Ersatz für die NATO, sondern als starker europäischer Pfeiler innerhalb des Bündnisses. Europa solle keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit zulassen. Macron ergänzte, dass es keinen Frieden für die Ukraine ohne Europa geben könne. Wer über Sicherheitsgarantien verhandle, dürfe den Kontinent nicht ausklammern. Europa habe die Ukraine bewaffnet, finanziert, politisch gestützt. Es werde auch für die Nachkriegsordnung Verantwortung tragen müssen. Russland wirtschaftlich und militärisch zu erschöpfen, sei Voraussetzung für stabile Sicherheit.

Parallel dazu zeigte sich auch innenpolitische Spannung auf amerikanischer Seite. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, sagte kurzfristig die offizielle Delegation von Dutzenden Abgeordneten ab – mitten in einem Haushaltsstreit. Mehrere Parlamentarier reisten dennoch an, darunter Lindsey Graham, Alexandria Ocasio-Cortez, Gretchen Whitmer und der NATO-Botschafter Matthew Whitaker. Joe Wilson, langjähriger Vorsitzender des parteiübergreifenden EU-Caucus im Kongress, erklärte aus seinem Wahlkreis, europäische Partner hätten ihm ihre Sorge über Zölle und Grönland-Drohungen deutlich gemacht. Es sei Schaden entstanden. Man müsse persönlich vor Ort sein, um die untrennbaren Bande zu bekräftigen.

Auch in den amerikanischen Wortmeldungen klang die Verschiebung offen an. Rubio sagte auf dem Weg nach München, die alte Welt sei vorbei. Wir lebten in einer neuen geopolitischen Ära. Jeder müsse seine Rolle neu definieren. Thom Tillis formulierte es als nüchterne Auseinandersetzung unter Partnern, nicht als Bruch. Doch selbst wenn der Ton sanfter ist, bleibt die Struktur dieselbe: Amerika erwartet ein Europa, das eigenständig verteidigungsfähig ist.

In den Gängen der Konferenz wurde weniger über Einigkeit gesprochen als über Neuordnung. Europa soll wirtschaftlich unabhängiger werden, seine militärische Infrastruktur ausbauen, Lieferketten diversifizieren, die eigene Rüstungsindustrie stärken. Macron sprach von europäischer Standhaftigkeit. Merz von einer Reparatur des Vertrauens – gemeinsam, nicht einseitig.

Was in München sichtbar wird, ist kein dramatischer Bruch, sondern eine schrittweise Entkopplung von Selbstverständlichkeiten. Acht Jahrzehnte militärischer Abhängigkeit von Washington neigen sich dem Ende zu. Nicht, weil Europa Amerika ablehnt, sondern weil es sich nicht mehr allein auf Amerika verlassen will. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Verschiebung. Europa widerspricht nicht laut. Es organisiert sich neu.

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Ela Gatto
Ela Gatto
5 Stunden zuvor

Hier in den Medien wird Rubios Rede zumeist als „Zusage an Europa und die NATO“
Das war sie nicht.

Rubio ist mehr Politiker, als der Rest von Trumps Entourage.
Er fällt nicht mit der Tür ins Haus.
Aber dennoch ist die Aussage klar „die USA sind nur ein Partner, wenn man akzeptiert, dass die USA bestimmen wie, wo und wann“

Und das Rubio gleich danach nach Jngarn reist, ist wohl ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Auch das zweit Land, Slowenien, passt in das Bild.

Fakt ist auch, dass weder Trump noch Putin, noch XI ein Interesse an einem geeinten und starken Europa haben.
Putin kratzt mit Desinformation, Trump mit Zöllen an der Stabilität.
Xi hält sich öffentlich zurück, denn Russland und USA sind die aktiven treibenden Kräfte.

Umso wichtiger ist es, dass Europa nun endlich aufwacht und in Bewegung kommt.
Einig wird es mit Orban und Slowenien nicht, da darf man sich nichts vormachen.
Umso wichtiger ist es, dass die anderen Staaten enger zusammen rücken und Europa mit UK und Kanada unabhängiger machen.

Noch sehe ich das nicht.
Zuviel wird in Europa tot diskutiert.

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