Der Friedensrat und die 10 Milliarden – Wie Trump die Vereinten Nationen überholen will

VonRainer Hofmann

Februar 19, 2026

Washington erlebte an diesem Donnerstag ein Treffen, das mehr Selbstinszenierung als Substanz bot. Donald Trump eröffnete die erste Sitzung seines neu geschaffenen „Board of Peace“ im U.S. Institute of Peace und erklärte es zu einem der wichtigsten Vorhaben seiner Amtszeit. Um ihn herum: Staats- und Regierungschefs aus Saudi-Arabien, Indonesien, Katar, Argentinien, Ungarn, Pakistan, Bahrain und weiteren Staaten. Viele trugen rote Kappen mit der Aufschrift „USA“, legten sie demonstrativ neben ihre Namensschilder und reihten sich zum Gruppenfoto auf. An Trumps Seite standen Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio.

Trump eröffnete die erste Sitzung seines „Board of Peace“ standesgemäß mit einem „Familienfoto“. Bevor auch nur ein Wort über Gaza fiel, wurde erst einmal gelächelt, sortiert und posiert. Neben ihm Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio, dahinter Vertreter aus Saudi-Arabien, Indonesien, Katar und anderen Staaten – bereit für das Bild, das später als historischer Moment verkauft werden soll. Mehrere Teilnehmer, darunter Argentiniens Präsident Javier Milei und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, hatten rote „USA“-Kappen mitgebracht und legten sie demonstrativ neben ihre Länderschilder. Weltpolitik mit Fanartikel.

Schon der Rahmen war eine Botschaft. Dieses Gremium ist von Trump initiiert, von Trump geführt und ausdrücklich als neue globale Instanz gedacht. Er sprach davon, der Friedensrat werde die Vereinten Nationen stärken – um im nächsten Satz zu erklären, man werde „gewissermaßen über die Vereinten Nationen wachen und sicherstellen, dass sie ordentlich arbeiten“. Die Charta der Vereinten Nationen kennt kein solches Aufsichtsorgan. Gleichwohl stellte Trump sein Projekt als Ergänzung dar und versprach, man werde künftig eng mit der UNO zusammenarbeiten. Am Ende kündigte er sogar an, man wolle das Hauptquartier in New York „in Ordnung bringen“ – auch optisch.

Nachdem er Trump einen angeblichen „Friedenspreis“ verliehen hatte, nahm FIFA-Präsident Gianni Infantino auch am Treffen von Trumps „Board of Peace“ teil. Infantino hat die FIFA entgültig zur Lachnummer gemacht. Nicht nur Staatschefs wollten beim „Board of Peace“ Applaus sammeln, auch FIFA-Präsident Gianni Infantino trat mit einer großen Geste auf. In einem Gebiet, in dem Wohnungen in Trümmern liegen, Kliniken kaum arbeiten können und ganze Straßenzüge zerstört sind, erklärte er, man müsse nicht nur Häuser bauen, sondern „Menschen, Emotionen, Hoffnung und Vertrauen“. Und natürlich könne das vor allem eines leisten: Fußball.

Die Zahlen klangen beeindruckend: 50 Millionen Dollar für ein Nationalstadion mit bis zu 25.000 Plätzen, 15 Millionen für eine Akademie, dazu 7,5 Millionen für Mini- und Großspielfelder. Während also über Stromnetze, Wasserleitungen und Krankenhäuser kaum konkrete Zusagen fallen, steht der Rasen schon gedanklich sattgrün. Wenn schon kein Dach über dem Kopf, dann wenigstens Flutlicht. Was für ein beschämender Auftritt.

FIFA-Präsident Gianni Infantino, eine Figur, die längst selbst für fragwürdige Nähe zur Macht steht. Auch 2026 liefert er mehr Schlagzeilen wegen peinlicher Auftritte und ethischer Grenzüberschreitungen als wegen Reformen. Trump nutzte die Bühne, um zu verkünden, die FIFA habe ihm ihren ersten Friedenspreis verliehen. Man habe gesehen, wie er von Norwegen „reingelegt“ worden sei, und ihm deshalb einen Friedenspreis gegeben, sagte er – und verwandelte selbst diese Auszeichnung in eine persönliche Abrechnung.

Das Streben des Präsidenten nach Frieden in der Welt ist zugleich ein Auftrag für Wohlstand hier in Amerika. Ich bin stolz, heute Morgen in Washington an der historischen Sitzung von Präsident Trumps Board of Peace teilgenommen zu haben.

JD Vance versuchte, dem Ganzen eine innenpolitische Richtung zu geben. Mit Blick auf die Zwischenwahlen betonte er, es gehe nicht nur um Frieden, sondern um Wohlstand für amerikanische Bürger. Die im Friedensrat vertretenen Staaten stünden für Investitionen in Billionenhöhe und sicherten Millionen Arbeitsplätze durch den Kauf amerikanischer Produkte. Der direkte Zusammenhang zwischen dem neuen Gremium und konkreten wirtschaftlichen Effekten blieb allerdings unklar. Trumps Handelskonflikte haben zuletzt die Beziehungen zu mehreren Verbündeten belastet, darunter Staaten, die sich diesem Rat bewusst nicht angeschlossen haben. Mehrere NATO-Partner blieben dem Treffen fern. Trump kommentierte das mit dem Hinweis, einige Länder spielten „ein wenig clever“.

Die große Ankündigung folgte wenig später: Die Vereinigten Staaten würden 10 Milliarden Dollar für das Board of Peace bereitstellen. Wofür genau das Geld verwendet werden soll, sagte er nicht. Auch blieb offen, ob der Kongress diese Mittel überhaupt bewilligt hat oder noch bewilligen muss. Trump sprach lediglich davon, das Gremium zeige, wie eine bessere Zukunft aufgebaut werden könne – „hier in diesem Raum“.

Konkreter wurde der Investor Marc Rowan, Mitglied des Exekutivausschusses des Friedensrats. Er skizzierte Pläne für den Wiederaufbau im Gazastreifen. In Rafah im Süden sollen zunächst 100.000 Häuser für 500.000 Menschen entstehen, dazu Infrastrukturprojekte im Umfang von 5 Milliarden Dollar. Langfristig sei von 400.000 neuen Wohnungen und 30 Milliarden Dollar an Infrastruktur die Rede. Einen Zeitplan nannte er nicht. Sein Fazit: Das Problem sei nicht Geld, sondern Frieden.

Der Milliardär Marc Rowan erklärte, allein die Küstenlinie Gazas habe einen Wert von 50 Milliarden Dollar

Das Treffen selbst verlief wie eine Kabinettssitzung mit internationaler Besetzung. Vertreter aus Peru, Bahrain, Pakistan und anderen Ländern nutzten ihre Wortmeldungen vor allem, um Trump zu loben. Pakistan nannte ihn den „Retter Südasiens“. Mehrfach fiel der Hinweis, frühere US-Regierungen hätten in Jahren nicht erreicht, was Trump binnen eines Jahres gelungen sei. Inhaltliche Debatten oder detaillierte Konfliktlösungen traten in den Hintergrund.

Parallel dazu verschärfte Trump den Ton gegenüber dem Iran. Er wiederholte seine Forderung nach einem neuen Atomabkommen und sagte, andernfalls würden „schlechte Dinge passieren“. In den kommenden zehn Tagen werde man sehen, wohin die Entwicklung gehe. Die US-Streitkräfte verstärken derzeit ihre Präsenz im Nahen Osten. Im Kongress regt sich Widerstand. Der demokratische Abgeordnete Ro Khanna kündigte an, eine Abstimmung erzwingen zu wollen, um Trumps militärische Handlungsfreiheit gegenüber Iran ohne Zustimmung des Parlaments einzuschränken. Der republikanische Mitinitiator Thomas Massie erinnerte daran, dass nur der Kongress einen Krieg einleiten dürfe. Ein ähnlicher Vorstoß war im vergangenen Jahr gescheitert, kurz nachdem Trump eigenständig Angriffe auf drei iranische Atomanlagen angeordnet hatte.

In seinen Ausführungen lobte Trump zudem Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán ausdrücklich und sicherte ihm seine „vollständige und totale Unterstützung“ im anstehenden Wahlkampf zu. Orbán gilt als enger politischer Verbündeter Trumps und steht in Europa wegen seines Kurses in der Kritik. Auch dies war Teil des Signals, das von diesem Treffen ausgehen sollte: Der Friedensrat ist nicht nur ein Forum für Konfliktlösung, sondern auch eine politische Allianz.

Donald Trump war politisch nie tragbar. Doch inzwischen ist ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr nur um politische Fehlentscheidungen geht, sondern um etwas Grundsätzlicheres. Wenn ein Präsident mit Zugriff auf Atomwaffen Auftritte hinlegt, die von Selbstüberschätzung, Realitätsverzerrung und schlafender Selbstinszenierung geprägt sind, dann stellt sich zwangsläufig die Frage nach seiner gesundheitlichen und mentalen Verfassung.

Am Ende hielt Trump eine unterzeichnete Resolution in die Kameras und versprach, die Vereinten Nationen „wieder gesund zu machen“. Er betonte, die USA würden weiter eng mit der Weltorganisation zusammenarbeiten. Zugleich bleibt die zentrale Frage offen: Ist das Board of Peace ein zusätzliches Instrument diplomatischer Koordination – oder der Versuch, eine neue Machtstruktur neben der UNO zu etablieren?

Wir haben das gesamte Treffen verfolgt – und am Ende bleibt vor allem eine Frage: Wozu das alles? Es wirkte weniger wie ernsthafte Diplomatie als wie ein Verein der Selbstbestätigung, organisiert um eine Person, die in jeder Konstellation vor allem den eigenen Vorteil sucht. Während sich die Beteiligten gegenseitig lobten, geriet eine andere Realität aus dem Blick: Das US-Handelsdefizit lag zuletzt bei 901 Milliarden Dollar, trotz der verhängten Zölle. Wirtschaftlich gerät Amerika zunehmend in Schieflage – und der neue „Friedensrat“ liefert dafür vor allem eines: Ablenkung

Was an diesem Tag sichtbar wurde, war weniger ein fertiger Plan als ein Machtanspruch. Zehn Milliarden Dollar ohne klare Zweckbindung, milliardenschwere Wiederaufbauversprechen ohne Zeitrahmen, militärische Drohungen gegen Iran, offene Unterstützung für ausgewählte Regierungschefs und die Ankündigung, die Vereinten Nationen künftig „mit zu beaufsichtigen“. Der Friedensrat soll Frieden bringen und Wohlstand schaffen. Ob er tatsächlich Konflikte entschärft oder neue Spannungen erzeugt, wird sich nicht in Eröffnungsreden entscheiden, sondern an den Taten, die auf diese Worte folgen.

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