„Bitte holt mich hier raus“ – Dilley, die Briefe der Kinder und was nach der Empörung bleibt

VonRainer Hofmann

Februar 10, 2026

Mehr als 750 Familien sitzen im Internierungslager in Dilley, Texas. Es ist die einzige Einrichtung in den Vereinigten Staaten, in der Familien gemeinsam festgehalten werden. Von dort kamen Briefe. Geschrieben von Fünfjährigen, Neunjährigen, Vierzehnjährigen. Keine Parolen, keine juristischen Einwände. Nur Sätze wie: „Ich vermisse meine Schule und meine Freunde. Ich fühle mich schlecht, seit ich an diesen Ort gekommen bin, weil ich schon zu lange hier bin.“ Oder: „Seit ich in diesem Zentrum bin, fühlt man nur Traurigkeit und vor allem Depression.“

Ein Zwölfjähriger schreibt, beim Arzt höre man nur, man solle mehr Wasser trinken. Und dass ausgerechnet das Wasser krank mache. Eine Neunjährige, 113 Tage in Haft, formuliert es klar: „Ich bin in Dilley nicht glücklich, bitte holt mich hier raus nach Kolumbien.“ Ein fünfjähriges Kind malt mehrere ernste Gesichter und schreibt darunter: „Meine Familie.“

„Seit ich hier bin, fühlt man nur Traurigkeit“ – Stimmen aus Dilley Die Handschrift ist krakelig, die Linien schief, manche Wörter falsch geschrieben. Doch was diese Kinder aus dem Internierungslager in Dilley zu Papier bringen, ist klarer als jede Pressemitteilung. Ariana, 14 Jahre alt, schreibt, sie habe noch nie solche Angst verspürt wie an diesem Ort. Seit 45 Tagen ist sie eingesperrt. Jeden Tag denke sie daran, was mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern geschehen könnte, wenn sie nach Honduras zurückmüssten. Ihre kleinen Geschwister hätten ihre Mutter seit über einem Monat nicht gesehen. „Wenn man aufwächst, braucht man beide Eltern“, notiert sie. Und dann der Satz, der hängen bleibt: Seit sie in diesem Zentrum sei, fühle man nur Traurigkeit und vor allem Depression. Susej, neun Jahre alt, hält es kürzer. Er schreibt, dass er seine Schule und seine Freunde vermisst. Dass er sich schlecht fühlt, weil er schon zu lange dort ist. Mehr als 50 Tage. Ein Kind zählt keine Politik, es zählt Tage. Oder: Ein anderes Blatt zeigt eine Zeichnung: mehrere Gesichter, ernst, eng nebeneinander. Darüber steht „Meine Familie“. Keine Sonne, kein Spielplatz, kein Zuhause. Nur Familie – als Wunsch, als Erinnerung, als Halt. es sind so viele Briefe

Offizielle Stellen erklären, es gebe angemessene medizinische Versorgung, Mahlzeiten, Bildung, grundlegende Betreuung. Der Betreiber verweist auf Kontrollen und Aufsicht. Doch die Worte der Kinder stehen für sich. Sie berichten von Monaten ohne Schule, von verlorenen Freundschaften, von Krankheit, von dem Gefühl, festzustecken. Viele lebten jahrelang in den Vereinigten Staaten, bevor sie festgenommen wurden.

Amalia Arrietta

Und dann ist da Amalia Arrietta,. 18 Monate alt. Laut einer Bundesklage wurde sie im Familienlager in Dilley so schwer krank, dass sie mit akutem Atemversagen ins Krankenhaus gebracht werden musste. Mehrere Infektionen, kritischer Zustand, Lebensgefahr. Zehn Tage lang kämpften Ärzte um ihr Leben. Sie entließen sie mit klaren Anweisungen: Atembehandlungen, Medikamente, Geräte zur Stabilisierung der Lungenfunktion. Keine Empfehlung aus Vorsicht, sondern Voraussetzung zum Überleben. Doch Amalia wurde zurück nach Dilley gebracht. In der Klage heißt es, ihre verschriebenen Medikamente und medizinischen Hilfsmittel seien ihr dort abgenommen worden. Behandlungen, die Ärzte für notwendig hielten, seien nicht zuverlässig erfolgt. Fachleute warnten, ein gesundheitlich fragiles Kleinkind ohne gesicherten Zugang zu seinen Therapien in Haft zu halten, bedeute ein extremes Risiko – einschließlich eines hohen Todesrisikos.

Diese Geschichte steht neben den Statistiken über Todesfälle in ICE-Gewahrsam unter verschiedenen Regierungen. Sie steht neben politischen Vergleichen. Doch hier geht es nicht um Zahlenreihen. Es geht um ein Baby, das beinahe starb. Und es geht um Kinder wie Elizabeth Zuna Caisaguano. Zehn Jahre alt, Schülerin der vierten Klasse in Columbia Heights, einem Vorort von Minneapolis. Einen Monat war sie mit ihrer Mutter in Dilley festgehalten. Vor einigen Tagen nun konnte die Entlassung durchgesetzt werden. Mutter und Tochter sind wie zu Hause.

Kinder verschwinden auf dem Schulweg – Der laufende Fall Elizabeth Zuna Caisaguano

Elizabeth Zuna Caisaguano ist 10 Jahre alt, Viertklässlerin in Columbia Heights, Teil ihrer Schulgemeinschaft seit dem Kindergarten. Am 6. Januar, in der ersten Woche nach den Winterferien, verließ sie morgens mit ihrer Mutter Rosa das Haus, auf dem Weg zur Schule. Dort kam sie nie an. Beamte der Einwanderungsbehörde hielten sie an, nahmen beide mit. Elizabeth rief noch ihren Vater Luis an. Man habe ihr gesagt, sie werde zur Schule gebracht. Er fuhr sofort los, wartete vor dem Gebäude, sprach mit der Verwaltung, mit Lehrkräften, mit der Schulleitung. Elizabeth kam nicht. Am Ende dieses Tages erfuhr er, dass seine Tochter und seine Frau bereits in das South Texas Family Residential Center (Dilley, Texas) verlegt worden waren.

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Die Entlassungen sind Erleichterung für einzelne Familien. Sie ändern nichts daran, dass weiterhin Hunderte Kinder dort sitzen. Dass Briefe geschrieben werden, in denen von Traurigkeit, Depression und Heimweh die Rede ist. Dass medizinische Vorwürfe im Raum stehen, die ein Gericht klären muss. Wer sich als „pro-life“ bezeichnet, kommt an diesen Fällen nicht vorbei. Wenn ein 18 Monate altes Kind mit Atemversagen aus einer Haftanstalt ins Krankenhaus gebracht wird und danach dorthin zurückkehrt, ist das kein Streit in Talkshows und Presseräumen. Wenn ein zehnjähriges Mädchen einen Monat lang hinter Gittern sitzt, dann steht nicht ein Gesetz zur Debatte, sondern ein Kind.

Amalia hat überlebt. Elizabeth ist frei. Liam ist frei. Viele andere sind es nicht. Die Frage bleibt: Wie viele Briefe, wie viele Krankenhausfahrten, wie viele Freilassungen unter öffentlichem Druck braucht es noch, bis sich grundsätzlich etwas ändert? Wir werden weiterkämpfen, jeden Tag, und jede Akte mit vollem Einsatz abarbeiten. Aktuell haben wir über 1.400 Akten, davon mehr als 100 Kinder. Amerika 2026 – was für eine Bankrotterklärung.

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