Berichten aus Teheran – und du weißt nicht, wer zuhört. Ein Blick hinter die Arbeit des Kaizen Blog

VonRainer Hofmann

März 18, 2026

Die Kameras in der Metro kreisen Gesichter ein. Grün, eine Farbe, die eigentlich beruhigend wirkt. Daneben erscheinen Alter, Geschlecht, erkannte Emotion, ob jemand eine Brille trägt, eine Maske, einen Bart. Das alles in Echtzeit, während Menschen durch Drehkreuze gehen und an nichts denken außer an den nächsten Zug. Niemand schaut hoch. Niemand merkt es. Auf dem Bildschirm daneben läuft die Liste weiter, Gesicht um Gesicht, Sekunde um Sekunde, ohne Pause, ohne Limit.

Einsatz der FindFace-Software in einer U-Bahn-Station in Teheran zeigt. Das Bild wurde anonymisiert, um die Privatsphäre der abgebildeten Personen zu schützen.

Das System heißt FindFace. Es kommt aus Russland, wurde 2019 in aller Stille gekauft, über Scheinfirmen, ohne öffentliche Ausschreibung, mit Steuerbefreiungsklauseln, die keine Spur hinterlassen sollten. Es kann eine Milliarde Gesichter in Sekunden durchsuchen, kennt keine technischen Grenzen, keine zeitlichen. Wer einmal gefilmt wurde, ist erfasst. Wer erfasst ist, kann später abgeholt werden, wenn die Straßen wieder ruhig sind, wenn die internationale Aufmerksamkeit sich verschoben hat, wenn die Ressourcen reichen und die Listen abgearbeitet werden können. Ruhig, methodisch, ohne Eile. Das Regime hat Zeit, weil es die Gesichter hat.

Propagandavideo, das den Einsatz von Drohnenüberwachung gegen Demonstrierende zeigt, veröffentlicht von der Seyyed-al-Shohada-Brigade (AS) in der Provinz Teheran

Ein Mann namens Mansur verteilte Flugblätter für die Bewegung Frau, Leben, Freiheit. Eine Bankkamera filmte ihn dabei. Die Sicherheitskräfte werteten das Footage aus, fanden sein Gesicht, fanden seine Tochter. Hasti war dreizehn Jahre alt, als sie aus der Schule geholt wurde. Sie überlebte, aber sie trägt seither neurologische Schäden. Das System brauchte keinen Informanten, keine Denunziation, keine Verhörspezialisten. Es brauchte nur eine Kamera und eine Datenbank.

Bild links: Einsatz der FindFace-Software in einer U-Bahn-Station in Teheran. Das Bild wurde anonymisiert, um die Privatsphäre der abgebildeten Personen zu schützen.“

Dokument rechts: Das Dokument zeigt, dass das Unternehmen NTech LAB LLC im Jahr 2019 eine offizielle Zusammenarbeit mit der iranischen Firma Rasad Intelligent Technologies (RASADCO) bestätigt hat. In dem Schreiben wird RASADCO ausdrücklich als Systemintegrationspartner benannt und autorisiert, Technologien von NTech Lab weiterzuentwickeln und in Drittanwendungen einzubinden. Besonders brisant ist dabei, dass NTech Lab als Anbieter von Gesichtserkennungssoftware (u. a. FindFace) gilt. Die Autorisierung bedeutet, dass ein iranisches Unternehmen direkten Zugriff auf diese Technologie hatte und sie aktiv in eigene Systeme integrieren und erweitern konnte. Damit wird eine technische Grundlage geschaffen, die sich für Überwachung, Identifizierung und Nachverfolgung von Personen im öffentlichen Raum einsetzen lässt.

Die iranischen Revolutionsgarden warnen in einer offiziellen Mitteilung, dass jede Form von Protest oder „anti-sicherheitsrelevanter Aktivität“ künftig hart bestraft wird. Hintergrund ist die aktuelle innenpolitische Lage nach dem Tod von Ajatollah Khamenei, die von den Behörden als Phase erhöhter Bedrohung dargestellt wird. In der Erklärung wird jede Straßenbewegung, jeder Protest und jede Form öffentlicher Unruhe pauschal als Teil eines feindlichen Plans eingeordnet. Demonstrierende werden dabei ausdrücklich als mögliche Unterstützer externer Gegner bezeichnet. Sicherheitsbehörden stellen klar, dass sie solche Aktivitäten als direkte Zusammenarbeit mit dem Feind werten.

Besonders klar ist die Drohung: Wer sich an Protesten beteiligt, müsse mit schweren Strafen rechnen. Die Sprache der Mitteilung lässt keinen Zweifel daran, dass der Staat bereit ist, konsequent und repressiv gegen die eigene Bevölkerung mit allen Mitteln vorzugehen.

In diesem Land zu berichten bedeutet, das alles zu wissen und trotzdem hineinzugehen.

Erst gestern, erst vorgestern: zehn ausländische Menschen verhaftet, unter dem Vorwand sie seien Spione. Der Vorwand muss hier nicht viel sein, er muss nur ausgesprochen werden, und der Rest ergibt sich von selbst. Wer als Journalist in den Iran will, bewegt sich deshalb anders als anderswo. Kein Hotel mit Anmeldung, wenn es sich vermeiden lässt. Stattdessen Familien, Menschen die man kennt, Zimmer ohne Registrierung, ohne Eintrag, ohne Spur im System. Man isst am Tisch von Leuten, deren Namen man nicht aufschreibt. Man schläft in Räumen, die niemand kennt außer denen, die darin wohnen. Das klingt nach Vorsicht, ist aber einfach die Basis.

Große Datenpakete lassen sich kaum hochladen. Das Netz ist gedrosselt, kontrolliert, manchmal einfach weg, an Tagen, an denen etwas passiert, was die Behörden nicht nach außen dringen lassen wollen. Was man filmt, was man aufschreibt, was man bezeugt, das trägt man heraus. Im Kopf, auf kleinen Datenträgern, im Gepäck, das niemand suchen soll. Man entwickelt ein Gespür dafür, was wie viel Gewicht hat und wie viel Risiko das bedeutet, und man trifft Entscheidungen, für die es keine Regeln gibt, nur Erfahrung und Glück und manchmal beides nicht.

Und dann die Frage des Weges der Informationen nach draußen.

Die Übergänge in die Türkei, Gürbulak, Bazargan, Kapıköy, Razi, Esendere, Serow, sind längst das, was sie sind: Kontrollorte, an denen man zu lange steht, zu viele Fragen beantwortet, zu viel erklären muss, was man im Land wollte und wen man getroffen hat und was auf dem Telefon ist. Die Beamten dort sind nicht dumm. Sie wissen, was sie suchen, und sie haben Zeit. Die Route nach Tabriz und weiter in den Irak war einmal eine Option. Sie ist es nicht mehr. Zu viele Checkpoints auf zu vielen Kilometern, zu viel Unberechenbarkeit an zu vielen Stellen, wo man nicht zurück kann, wenn es schiefgeht. Was bleibt, ist die lange Strecke nach Nordwesten. Durch das ganze Land, hinauf durch Gebirgslandschaften, die im Winter kalt und schweigsam sind, bis zum Grenzübergang Agarak auf armenischer Seite, Norduz auf iranischer. Weiter, umständlicher, zeitaufwendiger als alles andere. Aber derzeit das Verlässlichste, was es gibt, und in dieser Arbeit bedeutet verlässlich nicht bequem, sondern nur: die Wahrscheinlichkeit, durchzukommen, ist höher als anderswo. Das reicht, um diese Route zu wählen.

Während das alles läuft, läuft auch FindFace weiter und weiter …

Es läuft in der Metro von Teheran, es läuft an Universitätseingängen, es läuft in Mashhad, der heiligen Stadt mit drei Millionen Einwohnern, wo ein regierungsnaher Journalist 2023 ein Foto der Überwachungsbildschirme postete und fragte, wozu das gut sei. Eine Antwort bekam er nicht, und die Frage verschwand, wie Fragen hier verschwinden. Das System arbeitet auch offline, was es in mancher Hinsicht gefährlicher macht als alles andere. Videos werden gespeichert, Daten aus sozialen Netzwerken heruntergeladen, Bilder gesammelt, alles in eine gemeinsame Datenbank zusammengeführt, die keine Obergrenze kennt und kein Ablaufdatum. Später, Wochen oder Monate nach den Ereignissen, kommen die Verhaftungen. Ohne Ankündigung, ohne dass der Betroffene weiß, seit wann er schon erfasst war. Das System schläft nicht, es wartet nur.

Das Bild zeigt ein automatisiertes Überwachungssystem, das Fahrzeuge erkennt und mit Daten wie Marke und Modell versieht. Einige Zuordnungen wirken korrekt – etwa der VW Passat oder der BMW. Gleichzeitig werden andere Fahrzeuge gar nicht erfasst oder nur ungenau beschrieben. Die Erkennung ist also nicht durchgehend zuverlässig. Das haben wir überprüft. Genau darin liegt das Problem: Solche Systeme vermitteln den Eindruck präziser Kontrolle, arbeiten aber fehleranfällig. Falsche Zuordnungen oder unvollständige Daten können dazu führen, dass Unbeteiligte ins Visier geraten – etwa durch falsch erkannte Fahrzeuge oder fehlerhafte Verknüpfungen in Datenbanken.

Die Technik funktioniert, aber nicht fehlerfrei. Und in einem Überwachungskontext kann genau diese Ungenauigkeit für Unschuldige zum Risiko werden.

Die Brutalität eines unmenschlichen Regimes

Berichte von Januar 2026 sprechen davon, dass innerhalb von 48 Stunden bis zu 30.000 Menschen getötet worden sein könnten – unabhängig bestätigen lassen sich diese Zahlen nicht. Maschinengewehre, Sturmgewehre, Kriegswaffen gegen Menschen, die auf die Straße gegangen waren, weil das Leben zu teuer geworden war und die Geduld zu Ende. Wer das bezeugen wollte, musste unsichtbar sein. Musste sich bewegen wie jemand, der nicht existiert, musste die Kamera verbergen und den Rückweg kennen, bevor er den Hinweg antrat. Musste wissen, welche Straße noch offen war und welche nicht mehr. Musste im Kopf behalten, was er gesehen hatte, weil es keinen sicheren Ort gab, es aufzuschreiben.

Ein internes Schreiben von 2019 zeigt, dass das russische Unternehmen NTechLab die iranische Firma Rasad Intelligent Technologies (RASADCO) offiziell als Systemintegrationspartner autorisiert hat. RASADCO durfte damit Technologien von NTechLab – darunter Gesichtserkennungssoftware – weiterentwickeln und in eigene Anwendungen einbinden. Das Dokument belegt eine direkte technische Zusammenarbeit, die den Einsatz solcher Systeme im Iran ermöglicht hat.

Narges Mohammadi sitzt im Gefängnis. Friedensnobelpreisträgerin, verhaftet im Dezember 2025, sieben Jahre und sechs Monate. Zwölf Journalisten sitzen im Gefängnis, sagt Reporter ohne Grenzen, und der Iran steht auf Platz 176 von 180 in der weltweiten Pressefreiheitsrangliste. Die vier Länder dahinter, man möchte es kaum aussprechen. In diesen Verhältnissen zu berichten ist keine Frage des Mutes allein, obwohl Mut dazugehört. Es ist eine Frage der Methode, der Geduld, der Kontakte, der Routen, des Wissens, wem man vertrauen kann und wem nicht, und des Bewusstseins, dass diese Einschätzung sich jederzeit als falsch erweisen kann.

Es ist die Kunst, so wenig Spur zu hinterlassen wie möglich in einem Land, das Spuren sammelt wie andere Länder Steuereinnahmen. Man fährt nach Norden, über Agarak, über Norduz, man trägt heraus was man gesehen hat, und man hofft, dass die Kameras einen nicht erkannt haben, während man durch die Metro ging und an nichts dachte außer an den nächsten Zug, genau wie alle anderen.

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Mosu
Mosu
1 Tag zuvor

Lieber Rainer, vielen Dank für Ihre unermüdliche Arbeit. Ihre Artikel sind die Ersten die ich am Morgen lese und mich informiere.
Bitte passen Sie und Ihr Team auf sich auf.
Alles Gute Monika

Ela Gatto
1 Tag zuvor

Nach diesem Bericht mache ich mir noch mehr Sorgen.
Um Euch.
Um die mutigen Menschen im Iran.
Um Hilfsorganisationen, sofern sie überhaupt ins Land gelassen werden.

Die Tücken der Technik.
Schon ohne solch Programme war die Überwachung in Autokratien, Diktaturen und extremistischen Systemen extrem.
Aber mit all dieser Technik, Kameras fast überall.

FaceFinder, aus Russland.
Ûberrascht mich in doppelter Hinsicht nicht.
Russland hat schon immer viel in Kontrolle gesteckt.
Russland und Iran kooperieren schon lange.

China hat sicher auch sein ausgeklügeltes System.
Nordkorea sicher auch.

Palantir und Co in den USA.

Für investigative Journalisten, Menschen im Widerstand wird es immer schwieriger und gefährlicher.

Kontakte, Vertrauen, Schweigen nach außen….

Ich denke an die französische Resistance.
Das Netzwerk in den USA, dass Sklaven in den Norden brachte.
Das Netzwerk, dass in der Nazizeit half
Das Netzwerk in der ehemaligen DDR.

Je weiter die Zeit voran schreitet, desto schwieriger wird es, solch Netzwerke zu bilden oder aufrecht zu halten.
Die elektronischen Augen sind überall.
Die Datensammlung und Datenverarbeitung läuft unaufhörlich.

Bei jedem Kontakt muss man sich fragen „kann ich vertrauen“?

Bitte passt noch mehr auf Euch auf.

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