Chaharshanbe Suri ist älter als der Islam im Iran. Es geht zurück auf den Zoroastrismus, auf eine Zeit, in der Feuer nicht angebetet wurde, sondern als Zeichen für Reinheit, Licht und Wahrheit gilt. Das Fest findet immer am Abend vor dem letzten Mittwoch, also vom 17. März auf den 18. März, des persischen Jahres statt, kurz vor Nowruz, dem persischen Neujahr, das in diesem Jahr auf den 20. März fällt. Der Gedanke dahinter ist so alt wie er einfach ist: Was schwer war, was krank war, was das vergangene Jahr belastet hat, soll nicht mit ins neue genommen werden. Man lässt es beim Feuer.

Der Satz, den viele beim Sprung sagen, lautet sinngemäß: Meine Blässe gehört dir, deine Röte gehört mir. Krankheit und Schwäche gehen ans Feuer, Kraft und Leben kommen zurück. Das ist kein Gebet, keine Formel, kein religiöser Akt im institutionellen Sinn. Es ist etwas, das die Menschen einfach tun, weil ihre Eltern es getan haben und deren Eltern auch, durch Verbote hindurch, durch Systeme hindurch, durch Jahrhunderte.

Früher war das ein ruhiges Ritual. Kleine Feuer in den Gassen, Nachbarn, Essen, Besuche, eine Wärme, die mehr meinte als Temperatur. Das hat sich verändert. Heute ist Chaharshanbe Suri in Teheran laut, manchmal chaotisch, eine Mischung aus Straßenfest und unkontrolliertem Silvester, mit Feuerwerk, das in engen Gassen hallt und Funken schlägt, die niemand mehr zählt. Die ursprüngliche Stille ist weg, aber irgendetwas vom ursprünglichen Sinn ist geblieben, tief drin, unter dem Lärm.
Das Regime hat das Fest nie gemocht. Es ist kein staatlich organisiertes Ereignis, es kommt von unten, aus der Gesellschaft selbst, und das allein macht es verdächtig. Es gab Einschränkungen, Verbote, Versuche der Kontrolle, in angespannten Jahren mehr als in ruhigen. In angespannten Jahren gehen die Menschen trotzdem raus, oder vielleicht gerade deshalb. Das Fest war nie nur Fest. Es war immer auch ein Moment, in dem die Straße den Menschen gehört, nicht dem Staat.
Und jetzt ist dieser Moment in einem Jahr, das nicht ruhig ist.
Teheran, die Zivilbevölerung, steht unter Druck, den man nicht vollständig beschreiben kann, weil sich die Sprache schwertut mit Dingen, die gleichzeitig passieren und eigentlich nicht gleichzeitig passieren dürften. Raketen schlagen ein. Irgendwo in der Stadt, irgendwo nicht weit, hört man es. Und auf der Straße springen Menschen über Feuer und sagen den alten Satz, meine Blässe gehört dir, deine Röte gehört mir, und meinen ihn so ernst wie immer, vielleicht ernster als je zuvor. Der Kontrast ist so hart, dass er fast unwirklich wirkt, und trotzdem ist er real, und trotzdem ist beides wahr gleichzeitig: der Einschlag und das Feuer, die Angst und der Sprung, der Krieg und der Wunsch, mit etwas weniger Schwere ins neue Jahr zu gehen.
Chaharshanbe Suri hat sich durch alles gehalten. Durch den Sturz von Regierungen, durch den Wechsel von Systemen, durch Jahrzehnte, in denen es offiziell nicht stattfinden sollte und inoffiziell trotzdem stattfand. Es gehört zu den Dingen im Iran, die einfach bleiben, nicht weil jemand dafür kämpft, sondern weil sie in den Menschen selbst sind und nicht herausgekehrt werden können. Kein Verbot, kein Regime erreicht das, was sich über Generationen in den Seelen eingeschrieben hat.
Was es in diesem Jahr bedeutet, der Mut, über ein Feuer zu springen und zu sagen, nimm meine Schwäche und gib mir dein Licht, das kann nur jemand wissen, der dabei steht. Aber dass es passiert, mitten in allem, ist vielleicht die eigentliche Nachricht.
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