Am 10. März hatten wir über den Fall des sechsjährigen gehörlosen Joseph Rodriguez berichtet, der gemeinsam mit seiner Mutter Lesly Ramirez Gutierrez und seinem kleinen Bruder aus den Vereinigten Staaten nach Kolumbien abgeschoben wurde. Jetzt kommt Bewegung in den Fall. Die Chancen stehen deutlich besser, dass Joseph und seine Familie wieder in die USA zurückkehren dürfen. Das zuständige Gericht hat bereits im Vorfeld erkennen lassen, dass eine humanitäre Lösung mehr als nur in Betracht gezogen wird. Doch bevor es so weit ist, ein genauer Rückblick auf das, was passiert ist.
Siehe auch hier: Aus den Kaizen-Akten: Ein tauber Sechsjähriger, abgeschoben – ohne seine Hörgeräte
Joseph Rodriguez ist sechs Jahre alt, gehörlos und braucht dauerhaft medizinische Betreuung. Trotzdem wurde er vergangene Woche gemeinsam mit seiner Mutter Lesly Ramirez Gutierrez und seinem vierjährigen Bruder aus den Vereinigten Staaten nach Kolumbien abgeschoben. Jetzt versuchen Bildungspolitiker in Kalifornien, Anwälte und seine Schule im Großraum San Francisco, die Rückkehr der Familie zu erreichen. Joseph lebte zuletzt in Hayward im Bundesstaat Kalifornien. Dort besuchte er die California School for the Deaf in Fremont, eine spezialisierte Schule für gehörlose Kinder im Raum San Francisco. Seine Mutter Lesly Ramirez Gutierrez war 2022 aus Kolumbien wegen extremer Gewalt gegen Frauen geflohen. Die Abschiebung erfolgte, nachdem Ramirez Gutierrez ein Büro der US-Einwanderungsbehörde ICE in San Francisco aufgesucht hatte. Dort sollte sie lediglich ein neues Foto einreichen. Der Aufenthaltsstatus der gesamten Familie war legal und das Asylverfahren noch in Bearbeitung. Kurz darauf wurden sie und ihre beiden Kinder festgenommen und nach Kolumbien abgeschoben.

Joseph Rodriguez, gemeinsam mit seinem fünfjährigen Bruder und seiner 28-jährigen Mutter Lesley Rodriguez Gutierrez
Der Fall löste im Bildungsbereich Kaliforniens sofort Alarm aus. Joseph hatte sich in seiner Schule bereits eingelebt. Lehrkräfte beschreiben ihn als fröhlichen Jungen, der sich gut in seine Klasse integriert hatte. Amy Novotny, Leiterin der California School for the Deaf in Fremont, sagte über ihn, er sei lustig, freundlich und bei seinen Mitschülern sehr beliebt. Wenn ein Schüler betroffen sei, betreffe das die ganze Schule.
Auch Tony Thurmond, Bildungsminister des Bundesstaates Kalifornien und Superintendent of Public Instruction, schaltete sich ein. Er wandte sich mit einem offiziellen Schreiben an das US-Heimatschutzministerium und fordert darin, dass Joseph und seine Familie wieder nach Kalifornien zurückkehren dürfen. Thurmond berichtete, Joseph habe kürzlich mit einer Lehrerin telefoniert. Das Gespräch habe ihn sichtbar aufgeheitert. Der Junge habe dabei gesagt: „Ich will wieder zur Schule kommen.“

Der zentrale Punkt in dem Fall ist Josephs Gesundheit. Der Junge trägt Cochlea-Implantate, also Hörimplantate, die direkt mit dem Innenohr verbunden sind. Diese Geräte ermöglichen gehörlosen Kindern, Geräusche wahrzunehmen und Sprache zu erlernen. Sie benötigen jedoch regelmäßige medizinische Kontrolle und Wartung. Der Anwalt der Familie, Nikolas De Bremaeker, warnt deshalb vor ernsten Risiken. Ohne die nötige Behandlung drohen laut Ärzten schwere Infektionen. Auch eine Hirnhautentzündung sei möglich. Im schlimmsten Fall könne das lebensgefährlich werden. Recherchen zeigen auf, dass die medizinische Versorgung von Joseph Rodriguez nicht gewährleistet ist. Auch ließ sich dokumentieren, dass die Lebensumstände der Familie äußerst bedenklich sind und weiterhin erhebliche Gefahren bestehen. Lesly Ramirez Gutierrez ist ursprünglich genau vor dieser Gefahr von Gewalt geflohen.
Aufgrund aller Informationen wurde nun eine sogenannte humanitäre Parole beantragt. Der Antrag wurde in der Nacht zu Donnerstag um 2.30 Uhr eingereicht. Dieses Verfahren kann es ermöglichen, dass eine abgeschobene Person aus humanitären Gründen wieder in die Vereinigten Staaten einreisen darf. Der Anwalt argumentiert in dem Antrag nicht nur mit Josephs Gesundheitszustand, sondern auch mit der Gefahr für die Familie. Der Fall hat in der Region San Francisco starke Reaktionen ausgelöst. In der Schule in Fremont, in der Joseph Unterricht hatte, verfolgen Lehrer und Schüler die Entwicklung mit großer Sorge. Für gehörlose Kinder ist eine spezialisierte Schule nicht einfach austauschbar. Sie bietet Unterricht in Gebärdensprache, technische Unterstützung für Hörhilfen und medizinische Betreuung.

Genau diese Infrastruktur fehlt der Familie derzeit. In Kolumbien muss Joseph nun ohne das Umfeld auskommen, das ihm in Kalifornien zur Verfügung stand. Die Entscheidung über den Antrag liegt nun beim Gericht. Dieses hat sich bereits positiv zu dem Antrag geäußert. Eine Anhörung in dem Fall soll noch in dieser Woche stattfinden. Das Gericht wird prüfen, ob Joseph, seine Mutter Lesly Ramirez Gutierrez und sein Bruder aus humanitären Gründen wieder in die Vereinigten Staaten einreisen dürfen. Für die Schule in Fremont und für die politischen Verantwortlichen in Kalifornien steht die Forderung bereits fest. Joseph soll zurückkehren können, damit er wieder Zugang zu medizinischer Betreuung und zu seiner Schule bekommt.
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