Biddeford, Maine (KB) – Joan Sebastian Guerrero war 26 Jahre alt, stammte aus Kolumbien, arbeitete legal in den Vereinigten Staaten und besaß eine Sozialversicherungsnummer. Am Montagmorgen gegen 7 Uhr starb er auf einer Kreuzung im Küstenstädtchen Biddeford, etwa 24 Kilometer südwestlich von Portland, getroffen von den Kugeln eines Bundesbeamten der Einwanderungsbehörde ICE. Nachbarn identifizierten ihn, die Behörden schwiegen zunächst über seinen Namen. Er hinterlässt eine Frau und eine dreijährige Tochter, die am Tatort war, als ihr Vater blutend auf dem Asphalt lag.

Es war das zweite Mal binnen einer Woche, dass ICE-Beamte in ein Fahrzeug feuerten und einen Menschen töteten, und mindestens der neunte Todesfall bei einer Begegnung mit Bundesbeamten der Einwanderungsbehörde, seit Präsident Trump seine Verschärfung der Einwanderungspolitik begann. Was diesen Fall über die bloße Statistik hebt, ist die Auskunft, die das Ministerium für Heimatschutz im Lauf des Tages selbst korrigieren musste.
Zunächst teilte das Ministerium mit, ICE habe die letzte bekannte Adresse einer Person mit rechtskräftiger Abschiebeanordnung überwacht. Ein sich illegal im Land aufhaltender Mensch habe das Haus in einem Fahrzeug verlassen, die Beamten hätten eine Verkehrskontrolle durchgeführt, woraufhin der Fahrer sein Fahrzeug gegen die Beamten als Waffe eingesetzt habe. Aus Sorge um die öffentliche Sicherheit habe ein Beamter geschossen. Senator Angus King, ein unabhängiger Abgeordneter aus Maine, berichtete nach einem Gespräch mit Heimatschutzminister Markwayne Mullin, der Getötete habe eine Ausreiseanordnung erhalten und sei Ziel eines Haftbefehls gewesen.
Wenige Stunden später rief Mullin erneut an. Die Information sei falsch gewesen. Der Erschossene sei nicht die gesuchte Person
Man habe, so gab King die Worte des Ministers wieder, nach jemand anderem gesucht, und der Mann, den man erschossen habe, sei nicht dieser Gesuchte gewesen.

Damit steht ein Satz im Raum, den keine Verwaltungssprache mildern kann: Ein Familienvater mit Arbeitserlaubnis wurde auf offener Straße erschossen, obwohl die Behörde ihn nicht einmal suchte. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hat für jene Zone, in der ein Mensch zwar den Gesetzen unterworfen ist, aber deren Schutz verliert, den Begriff des nackten Lebens geprägt. Der Ausnahmezustand, schrieb er, sei nicht mehr die Ausnahme, sondern werde zur Regel, sobald der Souverän entscheiden dürfe, wessen Leben rechtlich zählt und wessen nicht. Guerrero, legal beschäftigt, mit Sozialversicherungsnummer und Familie, geriet in genau diese Zone, in der die Zugehörigkeit zur Rechtsgemeinschaft im Bruchteil einer Sekunde erlosch. Dass die Behörde ihn zunächst zum Gesuchten erklärte und diese Erklärung erst nachträglich zurücknahm, zeigt, wie beliebig die Grenze zwischen dem geschützten und dem entrechteten Leben inzwischen verläuft.

Die Aussagen der Anwohner zeichnen ein Bild, das mit der behördlichen Version schwer vereinbar ist. Mia Covino, 26 Jahre alt, hörte vier oder fünf Schüsse und warf sich zu Boden. Durch das Fenster sah sie zwei Beamte in Zivil mit grünen Westen und ein weißes Auto, das sich langsam im Kreis drehte. Einer der Beamten habe sich an einem Türgriff festgehalten und geschrien, der Mann habe versucht, ihn zu überfahren, während der andere ihn beschwichtigt habe, er solle aufhören und sich beruhigen. Ein weiteres Fahrzeug, offenbar das der Beamten, habe den kreisenden Wagen gerammt und gestoppt, danach hätten die Beamten den blutüberströmten Mann aus dem Fahrersitz auf den Boden gezogen.

Daniel Boucher, 71 Jahre alt, schilderte unter Tränen ein Knattern wie von Feuerwerkskörpern und einen kleinen Wagen, der quer zum Bordstein stand. und einen kleinen Wagen, der quer zum Bordstein stand, dahinter ein Geländewagen. Der verwundete Fahrer habe den Wagen noch bewegt, bis der Geländewagen ihn erneut gerammt habe. Boucher hörte den Verletzten deutlich sagen, er habe versucht anzuhalten. Als er die Beamten daraufhin zur Rede stellte, habe ihm der Schütze entgegnet, der Mann habe versucht, ihn zu überfahren. Valerie Brinkman, die am Waschbecken stand und betete, hörte nach den Schüssen einen Ruf, niemand solle aus dem Wagen aussteigen.

Em Akerly hielt die Schüsse zunächst für eine Fehlzündung und fasste ihre Fassungslosigkeit in einem Satz zusammen: Sie wisse nicht, was der Mann getan habe, aber er habe es nicht verdient, auf der Straße hingerichtet zu werden.

Daniel Boucher sagte, Guerrero habe nach den Schüssen und nachdem er aus dem Fahrzeug gezogen worden war, noch gesagt: „Ich habe versucht anzuhalten.“ Er habe stark aus dem Kopf geblutet.
Vier Einschusslöcher zeigte die Windschutzscheibe auf der Fahrerseite, wie Aufnahmen vom Tatort belegen. Die beteiligten Beamten trugen keine Körperkameras, ebenso wenig wie jene, die eine Woche zuvor in Houston geschossen hatten. Damit fehlt genau jenes Beweismittel, das Kings Kernfragen beantworten könnte: Was tat der Mann mit seinem Fahrzeug, waren die Beamten tatsächlich bedroht, und erreichte diese Bedrohung ein Ausmaß, das tödliche Gewalt rechtfertigte? Die Generalstaatsanwaltschaft von Maine, die neben dem Generalinspekteur des Heimatschutzministeriums und dem FBI ermittelt, teilte mit, ersten Aussagen zufolge sei der Fahrer in Richtung des Beamten geflohen. Der Schütze wurde vom Dienst suspendiert. Illyrian Sherifi, der über einem nahen Waschsalon wohnt, hörte vier Schüsse und die Frage, warum solche Einsatzkräfte nicht besser in Deeskalation geschult würden, blieb bei ihm hängen: Ein Mann sei tot, und niemand wisse, ob der Schuss rechtmäßig gewesen sei, doch dieser Mann hätte den zuständigen Behörden übergeben werden müssen, mit einem ordentlichen Verfahren.
Guerrero war in der Nachbarschaft bekannt. Sadie Dilboy erzählte, er sei regelmäßig in ihren Waschsalon gekommen, oft mit seiner Tochter, der er Münzen für Süßigkeiten aus dem Automaten gegeben habe. Er sei ein guter Mensch gewesen, habe stets aufgeräumt. Mary Hayes, die in der Nähe wohnt, beschrieb, wie eine Frau auf die Knie fiel und ein kleines Mädchen mit rosafarbenem Rucksack weinte. Sie habe ein Heulen gehört, das aus der Seele komme, das Geräusch eines Lebens, das sich für immer verändert habe. Die kolumbianische Botschaft erklärte, sie stehe mit den amerikanischen Behörden in Kontakt.
Fünf Stunden auf dem Asphalt
Ein Detail macht das Geschehen noch schwerer erträglich. Nach den Schüssen kurz nach 7 Uhr trafen die Rettungskräfte nach Zeugenaussagen etwa 10 bis 15 Minuten später ein, doch Guerrero erlag seinen Verletzungen. Nachdem die Beamten ihn aus dem weißen Kia gezogen und mit Handschellen gefesselt hatten, blieb sein Leichnam anschließend rund 5 Stunden auf der Straße liegen, während die kriminaltechnische Spurensicherung und die Ermittlungen liefen. Die Kreuzung war bis etwa 14:30 Uhr abgesperrt.

Seine Tochter, kaum 3 Jahre alt, stand in ihrem Schlafanzug daneben, an ihrer Seite eine kleine rosafarbene Rolltasche, und versuchte, an den Blumen zu riechen, während eine Frau in der Nähe rief, man habe dem Mädchen den Vater genommen.

Zeugen schilderten zudem, die Beamten hätten Guerrero mit gezogenen Waffen umstellt und mehrfach das Wort Waffe gerufen, ehe sie feuerten. Bis zu 7 Schüsse wollen Anwohner gehört haben. Am Abend übernahm das in Boston ansässige Büro des Generalinspekteurs des Heimatschutzministeriums die Ermittlungen. Für den Abend war eine Mahnwache angesetzt, weitere massive Proteste werden für den Dienstag erwartet.
Der Fall reiht sich in eine Woche, die von tödlicher Gewalt der Einwanderungsbehörde gezeichnet war. Am 7. Juli erschoss ein ICE-Beamter in Houston den 52-jährigen Lorenzo Salgado Araujo, einen mexikanischen Bauarbeiter und dreifachen Vater, der seit mehr als 30 Jahren ohne legalen Status im Land lebte. Bundesbeamte in unmarkierten Fahrzeugen hatten ihn verfolgt, während er seine Bautrupp-Kollegen zur Arbeit fuhr. Auch er war nicht das eigentliche Ziel des Einsatzes, der Haftbefehl richtete sich gegen zwei andere Migranten, darunter eine Person aus Guatemala, die man in dem von Araujo gesteuerten Transporter vermutete. Auch in Houston trugen die Beamten keine Körperkameras, auch dort widersprechen sich die Darstellungen von Zeugen und Behörde.

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Beide Todesfälle folgen auf die Tötungen von Alex Pretti und Renee Good, zwei amerikanischen Staatsbürgern, die im Januar in Minnesota während des Vordringens der Bundesbehörden in die Region der Twin Cities von ICE-Beamten erschossen wurden. Jene Todesfälle lösten landesweite Empörung aus, und erst nach monatelanger Verzögerung übergaben die Bundesbehörden dem Bundesstaat Minnesota das Beweismaterial.

Die Schüsse fallen in eine Phase drastisch verschärfter Festnahmen. In den fünf Tagen am Ende des Juni nahm ICE mehr als 10.000 Menschen fest, die täglichen Festnahmen hatten sich in der letzten Juniwoche verdoppelt und stiegen weiter. Die Zahlen deuten darauf hin, dass die Regierung nicht länger einzelne Städte ins Visier nimmt, sondern die Festnahmen flächendeckend hochfährt. Die Abgeordnete Chellie Pingree aus Maine brachte die Fassungslosigkeit vieler auf eine einzige Frage: Warum überhaupt Maine?

Der Bundesstaat kennt diese Präsenz seit Monaten. Im Januar begann eine landesweite Einsatzwelle unter dem Namen Operation Catch of the Day, eine Anspielung auf die Fischerei und Hummerindustrie des Staates. Die Regierung kündigte an, die schlimmsten kriminellen Migranten ohne Papiere ins Visier zu nehmen, beendete die groß angelegte Operation jedoch nach wenigen Tagen und Hunderten Festnahmen. Zwischen dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit und dem 11. März 2026, dem letzten verfügbaren Datenstand, nahm ICE in Maine 546 Menschen fest. Etwa 45 Prozent von ihnen hatten einen kriminellen Hintergrund. Im vergleichbaren Zeitraum von 416 Tagen vor Trumps Amtsantritt lag dieser Anteil noch bei rund 69 Prozent. Die Zahlen widersprechen der Behauptung, es gehe vorrangig um Schwerkriminelle. Manche der Festgenommenen hatten Verurteilungen wegen schwerer Delikte, andere lediglich ungeklärte Einwanderungsverfahren oder waren festgenommen, aber nie verurteilt worden.
Maine, ein Staat mit alternder Bevölkerung, hat in den vergangenen Jahrzehnten Einwanderer aufgenommen, die inzwischen etwa 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen und der Wirtschaft neues Leben eingehaucht haben. Anfang der 2000er Jahre kamen somalische Flüchtlinge, später Menschen aus anderen afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten, zuletzt wachsende Zahlen aus Lateinamerika, von denen viele in Biddeford leben, einer Arbeiterstadt mit rund 22.000 Einwohnern an der Küste. Anwohner berichten, ICE-Beamte seien dort trotz des offiziell beendeten Einsatzes weiterhin fast täglich präsent gewesen.

Vor dem Büro der republikanischen Senatorin Susan Collins kam es nach den tödlichen Schüssen eines ICE-Beamten in Biddeford zu schweren Protesten gegen die Einwanderungsbehörde ICE. Die aufgebrachten Menschen drangen teilweise sogar in den Eingangsbereich des Büros in der 160 Main Street ein, bevor die Polizei eingriff.
Binnen weniger Stunden formierte sich Protest. Hunderte zogen unter dem Ruf, wem die Straßen gehörten, zum Rathaus von Biddeford, weitere versammelten sich vor dem Büro der republikanischen Senatorin Susan Collins und forderten ihre Abwahl. Auf Schildern stand, ICE solle verschwinden, ICE-Beamte seien Terroristen im Inland, und ICE gehöre in den Kaffee, nicht auf die Straße. Ein Anwalt der Bürgerrechtsorganisation ACLU aus Maine stellte Biddeford in eine Reihe mit Houston und Minneapolis. Eine Rednerin nannte das Geschehene eine Tragödie, die nur eine Frage der Zeit gewesen sei, da diese Regierung die Einwanderung in etwas Kriminelles verwandelt habe, in dem Menschen gejagt und auf der Straße erschossen würden.



Gouverneurin Janet Mills erklärte nach der Korrektur der Behördenangaben, die Entwicklung mache die Tragödie noch verstörender und zeige die rücksichtslose und planlose Art, in der Einwanderungseinsätze in Maine und im ganzen Land durchgeführt würden. Das müsse ein Ende haben. Der Bürgermeister von Biddeford, Liam LaFountain, forderte eine vollständige und transparente Untersuchung und räumte ein, man habe noch keine Antworten. ICE selbst teilte am Abend lediglich mit, wie bei jedem Schusswaffengebrauch werde auch dieser Fall untersucht.

Der Familie von Joan Sebastian Guerrero wird inzwischen von allen Seiten geholfen. Das Maß in Trumps Amerika ist endgültig voll. Bürgerrechtsorganisationen, eine Anwaltsgemeinschaft, Abgeordnete und investigative Journalisten haben sich zu einer virtuellen Krisenbesprechung zusammengefunden, in der wir die nächsten Schritte einer juristisch wie publizistisch härtesten Gangart koordinieren. Wir haben die Schlagzahl in den laufenden ICE-Fällen nochmals erhöht und ein Team aus einer anderen Recherche eigens zurückbeordert. Es muss gehandelt werden – und es wird gehandelt werden. Unterstützen Sie als Leser bitte unsere Arbeit. Sie ist, so makaber das klingen mag, ein Krieg.

Was bleibt
Die Kreuzung an der Pool Street und Hill Street, wo bis in den Nachmittag ein Blutfleck auf dem Zebrastreifen zu sehen war und sich an einem Telefonmast ein Blumengedenken bildete. Ein Mann hielt dort ein Schild, auf dem stand, man habe einen Vater ermordet.
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