Kinder für den Tod – Iran lässt ein französisches Schiff durch – und bombardiert Kuwaits Wasserversorgung

VonRainer Hofmann

April 3, 2026

Am Strand von Al Jeer in den Vereinigten Arabischen Emiraten, keine 40 Seemeilen von der iranischen Küste entfernt, liegen Öltanker, Containerschiffe und Massengutfrachter so weit das Auge reicht – alle still, alle wartend. Auf der anderen Seite der Meerenge ist das Meer leer. Nur eine Handvoll Schiffe schafft es täglich durch die Straße von Hormus, verglichen mit über hundert vor Kriegsbeginn. Wer durchkommt, nimmt einen Umweg durch iranische Hoheitsgewässer und zahlt oft einen erheblichen Preis an das Regime. Das ist Irans größter Hebel in diesem Krieg – und er funktioniert.

Donnerstag gelang der CMA CGM Kribi, einem französischen Containerschiff unter maltesischer Flagge, die erste bekannte Durchfahrt eines westeuropäisch verbundenen Schiffes seit Kriegsbeginn. Das Schiff verließ Dubai, passierte iranische Gewässer und befand sich am Freitag in der Nähe von Muscat. Griechische Schiffe haben die Durchfahrt vereinzelt geschafft, aber für westeuropäische Schiffe war die Straße von Hormus bisher faktisch gesperrt. Warum ausgerechnet dieses Schiff durchkam, blieb offen.

20.000 Seeleute sitzen seit Kriegsbeginn in der Persischen Golfregion fest. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation der Vereinten Nationen spricht von einem Zustand ohne Vorbild in der modernen Geschichte – das letzte Mal, dass so viele Seeleute in einem Kriegsgebiet gestrandet seien, war im Zweiten Weltkrieg. Damien Chevallier, Leiter der Sicherheitsabteilung der Organisation, berichtete auf einer UN-Konferenz von mehr als 20 Angriffen auf Schiffe in der Meerenge, bei denen zehn Seeleute getötet und acht verletzt wurden.

Kuwait wurde am Freitag gleich zweimal getroffen. Zuerst meldete das Energieministerium, eine iranische Drohne habe eine Strom- und Wasserentsalzungsanlage beschädigt. Notfall- und Technikerteams seien ausgerückt, das Gesamtnetz funktioniere weiter. Dann meldete Kuwaits staatlicher Ölkonzern Kuwait Petroleum, dass die Raffinerie Mina Al-Ahmadi von einer Drohne getroffen wurde und in mehreren Betriebseinheiten Feuer ausbrach. Verletzte gab es keine. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate meldeten am selben Tag, Drohnen und Raketen abgefangen zu haben.

Die Revolutionsgarden haben eine abartige Rekrutierungskampagne namens „Heimatverteidigende Kämpfer für Iran“ gestartet, die Kinder ab zwölf Jahren einschließt. IRGC-Offizier Rahim Nadali erklärte im Staatsfernsehen, so viele Jugendliche hätten verlangt, an Kontrollposten eingesetzt zu werden, dass man das Mindestalter auf zwölf Jahre festgelegt habe.

Es ist bestätigt, und auch Recherchen belegen, dass Kinder mit Waffen Kontrollposten unterstützen. Amnesty International bezeichnet die Rekrutierung als Kriegsverbrechen nach internationalem Recht. Das ist kein neues Schema – Iran setzte im Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre nach eigenen Angaben Hunderttausende Kindersoldaten ein, von denen mindestens 36.000 getötet wurden, und schickte afghanische Einwandererkinder während des Syrien-Kriegs für das Assad-Regime in den Kampf. Was jetzt in iranischen Städten an Kontrollposten geschieht, ist die Fortsetzung einer Geschichte, die das Land seit Jahrzehnten schreibt.

Iran verstärkt indes seine Vorbereitungen auf eine mögliche Bodenoffensive. Um Kharg Island, Irans größten Ölexporthafen, werden die Verteidigungsanlagen ausgebaut. Gleichzeitig droht Teheran damit, eine breitere Palette von Zielen in der Golfregion anzugreifen – und hat eine Massenrekrutierungskampagne gestartet, die Analysten an den Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre erinnert. Die Revolutionsgarden nehmen Freiwillige ab zwölf Jahren auf. Trump hat Tausende Marines und Luftlandetruppen in den Nahen Osten beordert. Er hat keinen Bodenkrieg angekündigt, aber die Truppenbewegungen geben den USA mehr Optionen – und Iran hat das registriert.

Das Pastorinstitut in Teheran, 1920 gegründet und eine der wichtigsten medizinischen Forschungseinrichtungen Irans, wurde bei Luftangriffen am Donnerstag so schwer beschädigt, dass es nicht mehr arbeiten kann. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus teilte mit, seit dem 1. März seien mehr als 20 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in Iran dokumentiert worden, bei denen mindestens neun Menschen ums Leben kamen, darunter ein Infektiologe und ein Mitglied des Iranischen Roten Halbmonds. Ein US-Vertreter sagte, Amerika habe diesen Angriff nicht durchgeführt. Israels Militär erklärte, es sei sich keines eigenen Angriffs auf das Institut bewusst.

Am Donnerstag zerstörte das US-Militär die B1-Brücke, die Teheran mit der Nachbarstadt Karaj verbindet. Ein hochrangiger US-Vertreter bestätigte, der Angriff sei Teil eines größeren Versuchs, militärische Nachschubrouten zu unterbrechen. Trump hatte zuvor ein Video des einstürzenden Brückenabschnitts gepostet und „noch viel mehr“ angekündigt. Iranische Behörden in der Provinz Alborz meldeten acht Tote und 95 Verletzte, da sich zum Feiertag Sizdeh Bedar viele Menschen unter der Brücke und am Flussufer versammelt hatten.

Siehe unseren Artikel: Einblicke, Brücken fallen, Generäle gehen – und Trumps Söhne verkaufen Drohnen

Außenminister aus mehr als 40 Nationen trafen sich am Donnerstag in London, um Gespräche über die Minenräumung in der Straße von Hormus nach einem möglichen Waffenstillstand vorzubereiten. Die USS Gerald R. Ford ist nach abgeschlossenen Reparaturen auf dem Weg zurück in den Einsatz. Die USS Abraham Lincoln operiert weiterhin im Arabischen Meer. Die USS George H. W. Bush verließ Norfolk am Mittwoch mit Kurs Naher Osten.

Javad Zarif, ehemaliger iranischer Außenminister und heute Professor an der Universität Teheran, veröffentlichte in der Zeitschrift Foreign Affairs einen Friedensplan. Sein Vorschlag: Iran verpflichtet sich verbindlich, keine Atomwaffen anzustreben, und verdünnt seinen Vorrat an angereichertem Uran. Im Gegenzug heben die USA und ihre Verbündeten alle Sanktionen auf, Iran nimmt wieder frei am Weltmarkt teil, die Straße von Hormus wird geöffnet, iranisches Öl kann ungehindert gehandelt werden. Dazu kommt ein gegenseitiger Nichtangriffspakt, und Washington finanziert den Wiederaufbau der Kriegsschäden einschließlich Entschädigungen für Zivilisten. Zarif räumte ein, dass Teile Irans für eine Fortsetzung des Krieges seien, weil sie glauben, die stärkere Position zu haben.

Siehe: How Iran Should End the War

Einordnung
Zarifs Vorschlag in Kürze
Mohammad Javad Zarif schlägt vor, den Krieg über ein Gegengeschäft zu beenden: Iran würde sein Atomprogramm begrenzen, die Straße von Hormus wieder öffnen und einen gegenseitigen Nichtangriffspakt mit den USA akzeptieren. Im Gegenzug fordert er die Aufhebung aller Sanktionen. Zusätzlich nennt er wirtschaftliche Zusammenarbeit und Unterstützung beim Wiederaufbau. Es handelt sich nicht um einen offiziellen Regierungsplan, sondern um einen Beitrag in Foreign Affairs.

Wer Kinder an Kontrollposten stellt, hat aufgehört, einen Krieg zu führen – er zerstört sich von innen. Und während Iran seine Jüngsten in Uniform steckt, bleibt die Straße von Hormus geschlossen. Solange sie es tut, ist kein Ergebnis dieses Krieges endgültig – unabhängig davon, wie viele Brücken fallen, wie viele Raffinerien brennen und wie viele Seeleute warten.

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