Irische Tonerde für Putins Raketen – Europas Raffinerie liefert

VonRainer Hofmann

März 27, 2026

An der windigen Westküste Irlands steht eine Anlage, die in Europa kaum jemand kennt und deren Bedeutung doch kaum überschätzt werden kann. Aughinish Alumina in der Grafschaft Limerick ist die größte Tonerde-Raffinerie der Europäischen Union. Dort wird aus Bauxit jene Tonerde gewonnen, ohne die Aluminium nicht hergestellt werden kann. Aluminium wiederum ist nicht irgendein Industriemetall. Es steckt in Flugzeugen, Drohnen, Raketen, Fahrzeugen und Waffensystemen. Es ist leicht, widerstandsfähig, korrosionsbeständig und militärisch hoch relevant. Genau deshalb hat die Europäische Kommission die Mitgliedstaaten selbst dazu aufgerufen, Tonerde als strategisch wichtigen Stoff zu lagern. Umso gravierender ist, was neue Recherchen jetzt offenlegen. Denn ein großer Teil der irischen Exporte landet nicht in europäischen Reserven, sondern in Russland. Und dort führt die Spur weiter in die Lieferketten jener Firmen, die Putins Krieg gegen die Ukraine am Laufen halten.

Lieferkette: Irische Tonerde für Russlands Rüstungsindustrie

Rusal
Russland
Glencore
Schweiz
Bauxitminen
Guinea
Besitz: Rusal
Bauxitmine
Brasilien
größter Anteilseigner: Glencore
Aughinish Alumina
Irland
Rusal-Schmelzen
Krasnojarsk, Sajanogorsk
OK Rusal Trading House
Russland
Aluminium Sales Company
ASK – Russland
gemeinsame Adressen / Verbindung
Russische Rüstungsunternehmen
mehr als 40 sanktionierte Firmen

Die Abläufe sind in ihrer Schlichtheit erschreckend. Bauxit aus Guinea und dem brasilianischen Amazonasgebiet wird per Frachtschiff nach Irland gebracht. In Aughinish wird das Gestein unter Hitze, Druck und mit Natronlauge zu Tonerde verarbeitet. Diese Tonerde wird anschließend an russische Aluminiumhütten geliefert, die dem Konzern Rusal gehören. Rusal ist einer der größten Aluminiumproduzenten der Welt und in Russland zentral für Verteidigung, Transport, Bau und Elektroindustrie. Seit 2023 ging mehr als die Hälfte der Tonerde-Exporte aus Aughinish an russische Schmelzwerke. Besonders wichtig waren dabei die Hütten in Krasnojarsk und Sajanogorsk in Sibirien. Allein im Jahr 2024 soll die irische Raffinerie rund die Hälfte ihrer gesamten Jahresproduktion, im Wert von etwa 400 Millionen Dollar, an diese beiden Standorte geliefert haben. Das entsprach fast 40 Prozent aller Tonerde-Importe dieser Werke.

Aughinish Alumina in der Grafschaft Limerick

Spätestens an diesem Punkt ist die Sache nicht mehr irgendein Handelsvorgang, sondern eine politische Entscheidung mit Folgen. Denn aus der Tonerde wird in Russland Aluminium. Und dieses Aluminium landet nach geleakten Transaktionsdaten bei einer Moskauer Handelsfirma namens Aluminium Sales Company, kurz ASK. Diese Firma soll seit Beginn des Großangriffs bis April 2025 Aluminium im Wert von mehr als 640 Millionen Dollar von Rusals Handelsarm gekauft haben. Gleichzeitig erzielte ASK im selben Zeitraum rund ein Drittel ihrer Einnahmen mit Aluminiumverkäufen für russische Rüstungsaufträge. Das sind etwa 337 Millionen Dollar. Auf der Kundenliste für 2024 standen mehr als 40 von der EU sanktionierte Unternehmen, viele davon aus dem Rostec-Umfeld. Diese Firmen produzieren Flugabwehrraketen, Raketensysteme, Langstreckenbomber und weiteres Kriegsgerät. Es geht also nicht um eine theoretische Nähe zur Rüstungsindustrie. Es geht um eine dokumentierte Versorgung einer Lieferkette, die am Ende bei Waffen landet.

Diese Waffen haben in der Ukraine längst Spuren hinterlassen. Sie trafen Wohnblocks in Mariupol, sie schlugen in das Kinderkrankenhaus Ochmatdyt in Kyjiw ein, sie zerstörten Wohnhäuser im Westen des Landes. Tausende Zivilisten wurden getötet, Städte verwüstet, Infrastruktur zerfetzt. Dass europäische Tonerde in dieser Kette auftaucht, ist deshalb kein kleiner Nebenaspekt des Krieges, sondern ein handfester politischer Widerspruch. Während Brüssel öffentlich die Unterstützung der Ukraine beschwört und Mitgliedstaaten zu strategischer Vorsorge auffordert, fließt ein zentraler Rohstoff aus der EU weiter in jene Industrie, die Russland für seinen Krieg braucht.

Rechtlich ist das bislang zulässig. Genau darin liegt ein Teil des Skandals. Die Europäische Union hat im Februar 2025 zwar Aluminiumimporte aus Russland verboten, um Moskaus Einnahmen zu schmälern. Den Export von Tonerde nach Russland hat sie jedoch nicht untersagt. Dabei gab es genau diese Forderung. Lettland hatte argumentiert, ein Exportverbot würde Russlands Kriegsmaschine schwächen. Die EU zog diese Grenze trotzdem nicht. Aughinish selbst verweist darauf, man halte sich strikt an alle geltenden EU-Gesetze, an Sanktionen, Exportkontrollen und Handelsregeln. Das Unternehmen betont zudem, Tonerde und Aluminium seien Grundstoffe für breite zivile Bedürfnisse und unverzichtbar für zahlreiche Branchen. Das stimmt formal, beantwortet aber nicht die entscheidende Frage. Nämlich was es politisch bedeutet, wenn ein Stoff mit dieser strategischen Bedeutung in ein Land geliefert wird, das ihn nachweislich auch für seine militärische Produktion nutzt.

Die Europäische Kommission äußerte sich dazu nicht. Das irische Außen- und Handelsministerium betonte lediglich, Tonerde sei kein sanktioniertes Gut und ihr Export nach Russland daher nicht eingeschränkt. Man verwies zugleich auf die anhaltende Unterstützung Irlands für die Ukraine. Auch das ist der Ton einer Politik, die sich hinter der bestehenden Rechtslage verschanzt, obwohl die politische und moralische Lage längst weiter ist. Der frühere ukrainische Verteidigungspolitiker Oleksandr V. Danylyuk sieht darin einen offenen Widerspruch zu den erklärten Zielen von NATO und EU. Wer Russland mit in der EU hergestellter Tonerde versorge, könne damit direkt die Abschreckung Russlands und die Unterstützung der Ukraine unterlaufen. Pavlo Shkurenko vom Kyiv School of Economics Institute warnt ebenfalls. Europas Verflechtung mit dem russischen Metallsektor berge erhebliche Risiken, nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Europa selbst. Denn der Ausbau der russischen Militärindustrie deute auf mehr als nur den aktuellen Krieg hin.

Oleg Deripaska, Vladimir Putin

Besonders heikel ist die Rolle von Rusal. Der Konzern selbst blieb von EU-Sanktionen verschont, obwohl sein Gründer und langjähriger Großaktionär Oleg Deripaska längst sanktioniert wurde. Deripaska gilt als enger Verbündeter Wladimir Putins. Schon 2018 hatten die USA Rusal kurzzeitig sanktioniert, was weltweit Schockwellen durch die Aluminiumindustrie jagte und die Preise stark steigen ließ. Wenig später wurde der Konzern von der Sanktionsliste genommen, nachdem Deripaska seine Beteiligung reduziert hatte. Diese Erfahrung wirkt bis heute nach. Sie zeigt, wie sehr westliche Staaten vor Eingriffen in den Metallmarkt zurückschrecken, wenn die Folgen für die eigene Industrie zu groß erscheinen. Genau auf diesem schmalen Grat bewegt sich die europäische Politik bis heute. Man will Russland schaden, aber nicht sich selbst zu sehr treffen. Das Ergebnis ist eine Lücke, durch die Material weiterfließt.

In Irland ist das Thema seit Jahren bekannt. Bereits 2022 wurde im Parlament gefragt, warum Russland so viel Tonerde aus dem Land kaufe, obwohl solche Exporte den Angriff auf die Ukraine unterstützen könnten. Thomas Pringle sprach damals von Heuchelei. Wenn man das Werk schützen wolle, müsse der Staat darüber nachdenken, es zu übernehmen und den Oligarchen aus der Hand zu nehmen. Patrick O’Donovan hielt dagegen und erklärte, die Anlage sei nicht Teil irgendeines russischen Imperiums, sondern ein bedeutender Arbeitgeber und Lieferant für europäische Industrien. Auch später blieb die Reaktion aus Dublin im Wesentlichen dieselbe. Solange EU-Recht die Exporte erlaubt, sieht man keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.

Dabei ist Aughinish für Europa tatsächlich strategisch bedeutsam. Die Anlage produziert etwa ein Drittel der Tonerde der EU. Gerade das macht die Sache so unerquicklich. Denn je wichtiger das Werk für die europäische Industrie ist, desto größer die politische Hemmung, die russische Eigentümerstruktur und die Ausfuhrpraxis grundsätzlich anzugehen. Der ehemalige irische Botschafter in den USA, Daniel Mulhall, hatte das Werk einmal als eines der wenigen europäischen strategischen Güter bezeichnet, die Irland überhaupt habe. Genau deshalb wäre die Frage naheliegend, warum eine solche Anlage weiterhin einem russischen Konzern gehört, dessen Produkte in die Versorgung sanktionierter Rüstungsbetriebe einfließen.

Bauxitminen Guinea – Besitz: Rusal

Die Materialspur selbst zeigt, wie international diese Struktur ist. Das Bauxit stammt aus Minen in Guinea, die Rusal gehören, sowie aus einer Rusal-Mine im brasilianischen Amazonasgebiet. Größter Anteilseigner dort ist der Rohstoffkonzern Glencore, der zugleich auch zehn Prozent an Rusals Muttergesellschaft EN+ hält. Nach der Anlandung in Irland folgt die Veredelung zu Tonerde. Danach geht es per Schiff nach Russland. Dort endet die öffentliche Dokumentation zunächst. Denn Rusal erwähnt in seinen öffentlichen Unterlagen nicht, dass Aluminium aus seinen Hütten an Firmen geht, die wiederum von der russischen Rüstungsindustrie kaufen lassen. Erst die geleakten Transaktionsdaten machen sichtbar, wie eng diese Kette tatsächlich ist.

Vollständig bis zum einzelnen Waffenteil lässt sich der Weg nicht rekonstruieren. Tonerde wird in den Schmelzprozessen mit Material anderer Herkunft vermischt. Eine einzelne irische Lieferung lässt sich deshalb nicht exakt einer bestimmten Rakete oder Drohne zuordnen. Doch das ändert nichts am Gesamtbild. Wenn über Jahre hinweg große Mengen Tonerde aus Irland an jene russischen Hütten gehen, die anschließend Aluminium an einen Händler liefern, der wiederum dutzende sanktionierte Rüstungsfirmen bedient, dann ist die Verbindung nicht spekulativ, sondern belastbar. Es ist genau die Art Lieferkette, in der Verantwortung zerlegt und über mehrere Stationen verteilt wird, bis jeder am Ende sagen kann, er habe ja nur ein Grundmaterial verkauft.

Gerade diese Logik ist politisch so gefährlich. Denn sie erlaubt europäischen Regierungen, sich gleichzeitig als Unterstützer der Ukraine zu präsentieren und einen Stoff weiterlaufen zu lassen, den Russland militärisch nutzen kann. Sie erlaubt Unternehmen, auf Einhaltung von Recht zu verweisen, obwohl die politische Wirkung ihrer Lieferungen längst sichtbar ist. Und sie erlaubt es einem Krieg, sich von ganz normalen Industrieprozessen mittragen zu lassen. Aus Guinea nach Irland. Aus Irland nach Sibirien. Aus Sibirien zu einem Händler in Moskau. Von dort in Fabriken, die Raketen, Flugabwehrsysteme und Bomber versorgen. Das ist keine abstrakte Welt des Handels. Das ist eine direkte Verbindung zwischen europäischer Produktion und russischer Kriegsfähigkeit.

Am Ende bleibt deshalb eine einfache und unangenehme Wahrheit. Europa weiß, wie wichtig Tonerde ist. Europa weiß, dass Aluminium für Waffen gebraucht wird. Europa weiß, dass Russland seine Rüstungsproduktion nicht nur mit Geld, sondern auch mit Rohstoffen absichert. Und Europa weiß inzwischen auch, dass eine Raffinerie in Irland einen erheblichen Teil ihres Materials an russische Schmelzwerke liefert, aus deren Aluminium sanktionierte Waffenhersteller versorgt werden. Trotzdem fehlt bis heute der politische Schritt, diese Ausfuhr zu stoppen. Nicht weil die Fakten fehlen. Sondern weil der Wille fehlt, die wirtschaftlichen Folgen einer solchen Entscheidung zu tragen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob diese Lieferkette existiert. Sie existiert. Die Frage lautet, wie lange die Europäische Union noch behaupten will, sie unterstütze die Ukraine mit aller Entschlossenheit, während zugleich ein strategischer Rohstoff aus ihrem eigenen Gebiet in die Versorgung von Putins Kriegsindustrie fließt.

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Barbara Buckley
Barbara Buckley
2 Stunden zuvor

Wenn es um lnvestoren und Arbeitsplaetze geht, aendern Regierungen dann doch schnell die Prioritaeten und die Geschichten drum herum zur Erklaerung…

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