Der Streit um Zucker, Kaffee und Macht – Robert F. Kennedy Jr. legt sich mit Dunkin’ Donuts an

VonRainer Hofmann

März 5, 2026

Robert F. Kennedy Jr. hat viele Konflikte geführt. Er hat Impfstoffe attackiert, sich mit Teilen seiner eigenen Familie überworfen und mit radikalen Positionen immer wieder Schlagzeilen gemacht. Doch was er nun als amerikanischer Gesundheitsminister lostritt, trifft einen besonders empfindlichen Nerv: Er greift eine der beliebtesten Alltagsmarken Neuenglands an – die Kaffee-Kette Dunkin’. Auf einer Veranstaltung in Austin stellte Kennedy vergangene Woche eine Frage, die in den Vereinigten Staaten sofort eine politische und kulturelle Reaktion auslöste. Man werde Dunkin’ Donuts und Starbucks auffordern zu zeigen, dass es sicher sei, wenn ein junges Mädchen einen Eiskaffee mit 115 Gramm Zucker trinke. Seine Einschätzung ließ keinen Zweifel: Er glaube nicht, dass die Unternehmen solche Daten vorlegen könnten.

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Die Reaktion kam sofort, besonders in Massachusetts, wo Dunkin’ längst mehr ist als eine Kaffeekette. Rund um den Kennedy-Familienkomplex in Hyannis Port befinden sich mindestens acht Filialen innerhalb eines Radius von fünf Meilen. Für viele Menschen gehört der tägliche Becher dort zum Alltag wie der Weg zur Arbeit. Selbst in der eigenen Familie ist die Marke präsent. Joe Kennedy, früher Abgeordneter im Kongress, ist für eine Kaffee-Routine bekannt, bei der bis zu vier Espresso-Shots Teil der Bestellung sind.

Der erste Dunkin’ Donuts eröffnete 1948 in Quincy im Bundesstaat Massachusetts.

Die politische Antwort folgte schnell. Die Gouverneurin von Massachusetts, Maura Healey, reagierte öffentlich mit einer klaren Botschaft: „Kommt und holt ihn euch.“ Andere Nutzer in sozialen Netzwerken griffen den Ton auf und verbreiteten Bilder von Ben Affleck, Matt Damon und Tom Brady in Trainingsanzügen in den orange-rosa Farben der Marke. Der demokratische Abgeordnete Richard Neal kommentierte trocken: „Eine verdammt schlechte Idee.“

Kennedys Ministerium versucht, den Konflikt anders zu rahmen. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums erklärte, der Minister konzentriere sich darauf, die amerikanische Lebensmittelversorgung transparenter zu machen und wissenschaftlich abzusichern. Amerikaner hätten ein Recht zu wissen, was in ihren Lebensmitteln enthalten sei und wie Zutaten bewertet werden.

Hinter dem Streit steht eine größere politische Initiative. Kennedy will eine jahrzehntealte Regelung verändern, die Lebensmittelunternehmen erlaubt, bestimmte Zusatzstoffe selbst als sicher einzustufen. Diese Praxis trägt den Namen „allgemein als sicher anerkannt“. Unternehmen können dabei Zutaten verwenden, ohne die amerikanische Lebensmittelbehörde darüber informieren zu müssen. Seit Dezember prüft das Haushaltsbüro des Weißen Hauses eine mögliche neue Regelung.

Parallel dazu liegt dem Gesundheitsministerium eine formelle Eingabe vor, die ebenfalls Druck auf die Lebensmittelindustrie ausüben könnte. Der frühere Leiter der Lebensmittelbehörde, David Kessler, reichte im vergangenen August eine sogenannte Bürgerpetition ein. Sie fordert eine Neubewertung weit verbreiteter Zutaten. Kessler argumentiert, dass es keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege mehr gebe, um stark verarbeitete raffinierte Kohlenhydrate weiterhin als unbedenklich einzustufen. Solche Stoffe finden sich in vielen industriell hergestellten Lebensmitteln und stehen mit Gewichtszunahme, Herzkrankheiten und Typ-2-Diabetes in Verbindung. Kennedy selbst hat allerdings signalisiert, dass er nicht unbedingt zu direkten Verboten greifen will. In der Fernsehsendung „60 Minuten“ erklärte er, seine Behörde wolle nicht zwingend ultraverarbeitete Lebensmittel regulieren. Ziel sei vor allem, dass Menschen verstehen, was sie konsumieren.

Der Konflikt zeigt, wie schnell politische Initiativen im amerikanischen Alltag auf kulturelle Loyalitäten treffen können. Dunkin’ besitzt in Neuengland eine fast kultartige Anhängerschaft. Viele Kunden trinken dort selbst mitten im Winter ihren Eiskaffee. Die Möglichkeiten zur individuellen Bestellung sind so vielfältig, dass das Unternehmen einst erklärte, es gebe mehr als 15.000 Varianten, einen Kaffee zu konfigurieren. Die Marke war sogar Teil des politischen Alltags in Washington. Zwischen 2006 und 2011 wurden Dunkin’ Donuts im sogenannten Weißen-Haus-Speisesaal serviert, der von der US-Navy betrieben wird. Besonders Mitarbeiter aus Massachusetts griffen dort regelmäßig zu.

Kennedys Angriff auf zuckerreiche Getränke berührt damit nicht nur eine Ernährungsdebatte. Er trifft eine kulturelle Gewohnheit, die Millionen Amerikaner täglich leben. Genau deshalb fällt die Reaktion so heftig aus. In Neuengland geht es bei diesem Streit nicht nur um Zuckerwerte in einem Eiskaffee. Es geht um Identität, Alltag und darum, wer in Amerika darüber entscheidet, was auf dem Becher steht.

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