Brüssel als Umschlagplatz – Wie ein GRU-Mann Europas Hightech für Russlands Rüstung organisierte

VonTEAM KAIZEN BLOG

Februar 20, 2026

Belgische Ermittler haben Viktor Labin festnehmen lassen, einen Mann, den Recherchen schon zuvor als Verbindungsglied zwischen europäischer Präzisionstechnik und der russischen Rüstungsindustrie beschrieben hatten. Nach Angaben aus der belgischen Bundesstaatsanwaltschaft wurden Labins Räumlichkeiten bereits im Juni 2025 durchsucht. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Die erste Anhörung ist demnach für den 26. Februar angesetzt. Es ist ein Fall, der zeigt, wie nah Umgehungsstrukturen an den politischen Zentren Europas operieren können, ohne sofort gestoppt zu werden.

Viktor Labin

Labin soll in Belgien ein Geschäftsgeflecht betrieben haben, das zusammen mit seinen Söhnen Roman und Ruslan geführt wurde. Im Mittelpunkt steht eine belgische Firma mit dem Namen Groupe d’Investissement Financier, die nach den vorliegenden Angaben Ausrüstung an russische Abnehmer lieferte, darunter Mess- und Prüftechnik, die für hochpräzise Fertigung entscheidend ist. Als Endempfänger wird eine Moskauer Familienfirma genannt: Sonatek. Dieses Unternehmen soll Liefer- und Wartungsleistungen für Produkte erbracht haben, die bei mindestens 18 Betrieben aus dem Umfeld der russischen Verteidigungsindustrie im Einsatz waren. In dem Material ist ausdrücklich von Koordinatenmessmaschinen die Rede, also Geräten, die in modernen Produktionsketten dazu dienen, Bauteile auf minimale Abweichungen zu prüfen und Fertigungsprozesse zu kontrollieren.

Die aufgeführten Zolldaten dokumentieren wiederholte Lieferungen hochpräziser Industrie- und Messtechnik aus Europa an die Moskauer Firma Sonatek. Als Versender erscheinen belgische Gesellschaften mit der Bezeichnung „Groupe d’Investissement Financier“, als Empfänger durchgehend Sonatek in Moskau. Gelistet sind unter anderem Koordinatenmessmaschinen, CNC-Anlagen und elektronische Prüfsysteme – Technik, die für industrielle Hochpräzisionsfertigung unverzichtbar ist.

Brisant wird der Vorgang durch die Frage, wer Labin tatsächlich ist. Recherchen ordnen ihn dem russischen Militärgeheimdienst GRU zu. Als Indiz gilt unter anderem eine in Registern dokumentierte Adresse in Moskau, die in Datenbanken mit einem bekannten Wohnheim der GRU-Akademie an der Narodnogo-Opoltschenija-Straße in Verbindung gebracht wird. Zudem taucht eine weitere Adresse in Selenograd auf, die nach weiteren Recherchen mit Wohnraum für Angehörige des Militärs verknüpft ist.

Solche Dienst- oder Militäradressen sind in mehreren international aufgearbeiteten Fällen erwähnt worden, in denen später GRU-Offiziere identifiziert wurden. Im Zusammenhang mit der Salisbury-Operation 2018 konnten Rechercheteams zeigen, dass beteiligte Personen in Datensätzen über militärische Einrichtungen oder Dienstanschriften registriert waren. Auch bei von den USA angeklagten Angehörigen der GRU-Einheit 26165, die mit Cyberoperationen in Verbindung gebracht wurden, tauchten Melde- und Dienstadressen an militärischen Standorten in Recherchen auf. Vergleichbare Muster wurden auch bei der Aufarbeitung der Explosionen im tschechischen Vrbětice beschrieben, bei denen ebenfalls GRU-Personal identifiziert wurde.

In Russland ist die Registrierung über Dienst- oder Akademieadressen für Angehörige der Sicherheitsorgane nicht ungewöhnlich. Sie erfüllt administrative Zwecke und spiegelt institutionelle Zugehörigkeit wider. Gleichzeitig haben Recherchen in mehreren Fällen gezeigt, dass solche Anschriften bei operativ eingesetzten Offizieren als formale Deckung dienen konnten, bevor diese unter ziviler Identität im Ausland auftraten. Eine solche Adresse ist kein Beweis für eine konkrete Operation. Sie ist aber ein belastbares Indiz für strukturelle Nähe, insbesondere wenn weitere Faktoren hinzukommen, etwa geschäftliche Aktivitäten im sicherheitsrelevanten Technologiesektor oder familiäre Verbindungen zu rüstungsnahen Unternehmen. Dadurch gewinnt diese Kombination an Gewicht und passt zu Mustern, die in früheren GRU-Fällen dokumentiert wurden.

Der Auszug aus dem belgischen Unternehmensregister zeigt die „Groupe d’Investissement Financier“ mit Sitz in Uccle bei Brüssel. Am 8. Juni 2023 wurden in einer außerordentlichen Hauptversammlung die Mandate der Verwaltungsratsmitglieder Roman Labin, Ruslan Labin und Viktor Labin einstimmig erneuert. Viktor Labin wurde zugleich erneut als geschäftsführender Administrator bestätigt. Das Dokument vermerkt außerdem die Verlegung des Firmensitzes innerhalb Uccles.

Wann genau Labin nach Belgien ging, bleibt offen und konnte nicht exakt dokumentiert werden. Dokumente und Registereinträge deuten aber darauf hin, dass er bereits im Jahr 2000 in Brüssel lebte, unter anderem an der Avenue Winston Churchill, und zu diesem Zeitpunkt schon geschäftlich in Belgien aktiv war. Die Ermittlungen in Belgien treffen damit ein Muster, das europäische Behörden seit Beginn des großen Angriffskriegs gegen die Ukraine immer wieder beschäftigt: Hightech, die offiziell nicht für militärische Zwecke bestimmt sein muss, kann dennoch in Rüstungsketten landen, wenn Zwischenhändler, Drittstaaten und formal saubere Konstruktionen genutzt werden. Recherchen zeigen, dass Lieferungen nach Beginn der Sanktionen nicht schlicht endeten, sondern sich veränderten. Demnach soll die belgische Firma ab April 2023 Lieferwege über eine türkische Firma mit ähnlichem Namen genutzt haben. Die Türkei wird in vielen Fällen als Transitland genannt, wenn Warenströme umgeleitet werden, weil direkte Lieferungen unter Druck geraten. Die Recherchen legen nahe, dass genau diese Verschiebung Teil der Methode war: nicht zwingend offene Regelbrüche am Anfang, sondern das Ausnutzen von Lücken, Ausnahmen und Zuständigkeitsgrenzen, bis aus einem Graubereich ein belastbarer Kanal wird.

Wohngebäude von Viktor Labin in Brüssel

Auffällig ist auch, wie offen die familiäre Arbeitsteilung beschrieben wird. Ruslan Labin, demnach Chef von Sonatek in Moskau, soll auf Nachfragen nicht bestritten haben, dass die genannten Rüstungsbetriebe Kunden seien. Seine Antwort, sinngemäß so wiedergegeben: „Das seien ihre Kunden, früher habe man sie beliefert, vielleicht liefere man auch jetzt“. Zugleich betont er demnach, sein Vater sei Geschäftsmann, er und sein Bruder hätten nie in der Armee gedient. Diese Art von Abgrenzung ist typisch für solche Strukturen: geschäftliche Sprache, formale Distanz, keine klare Linie, an der sich eine Zuständigkeit festnageln lässt.

Ruslan Labin

Roman Labin, der in Brüssel lebt, wird in den Unterlagen als jemand beschrieben, der geschäftlich ebenfalls mit dem Moskauer Unternehmen verbunden war. Recherchen decken eine Zahlung von Sonatek an Roman in Höhe von 3,3 Millionen Rubel im Jahr 2022 für eine Lieferung, die als Werkzeugmaschine geführt worden sei. Parallel ist Roman politisch aktiv, mit Auftritten bei pro-russischen Kundgebungen in Westeuropa, unter anderem mit Übersetzungsrolle bei einem antiamerikanischen Protest in Paris und mit Teilnahme an Aktionen in Brüssel, die sich gegen die Ukraine richteten. Auch die Ehefrau von Viktor Labin, Vera Labina, wird als öffentlich pro-kriegsnah geschildert, mit entsprechenden Beiträgen in sozialen Netzwerken.

Roman Labin

Ein Detail, das in der Darstellung hängen bleibt, ist die Nähe zum Machtzentrum. Brüssel ist Sitz der Europäischen Kommission und der NATO-Zentrale. Wenn ein Mann, dem eine GRU-Rolle zugeschrieben wird, dort über Jahre Firmen unterhält, eine Adresse, ein Büro, eine zweite Gesellschaft und ein Netzwerk, dann ist das nicht nur eine Frage von Zollpapieren. Dann geht es um die Fähigkeit eines Staates, seine eigenen Regeln durchzusetzen, und um die Frage, wie viele solcher Knotenpunkte unbemerkt bleiben, solange sie nicht durch investigative Arbeit oder Zufallsfunde sichtbar werden.

Belgische Behörden haben offenbar genau dort angesetzt: Durchsuchung im Juni 2025, Untersuchungshaft seitdem, jetzt ein Verfahrenstermin. Was bisher fehlt, ist das, was für die Einordnung entscheidend ist: Welche konkreten Tatvorwürfe stehen im Raum, welche Lieferungen sind belegt, über welche Firmen liefen sie, und welche rechtlichen Regeln wurden nach belgischer Sicht verletzt oder umgangen. Der Ausgang der Ermittlungen ist offen, aber die Festnahme zeigt, dass Belgien das Thema nicht mehr als seichtes Sanktionsproblem behandelt, sondern als Strafsache.

Der Fall Labin zeigt am Ende vor allem eines: Umgehung ist heute selten die große, platte Schmugglergeschichte. Es sind Firmenregister, scheinbar unauffällige Adressen, technische Produkte mit ziviler Oberfläche, Transitwege über Drittstaaten, und ein System, das so lange funktioniert, bis ein Land die Geduld verliert und die Tür eintritt. In Brüssel ist das jetzt passiert. Wie tief das Netz reicht und wer noch darin auftaucht, wird sich erst zeigen, wenn belgische Akten mehr offenlegen als die Information, dass ein Mann in Haft sitzt und am 26. Februar vor Gericht erscheinen soll.

Fortsetzung folgt …

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