Der Kreml hat ein Problem: Zu viele Spionage-Skandale, zu viele enttarnte Agenten, zu wenig Glaubwürdigkeit im Ausland. Also baut Wladimir Putin seine Propaganda-Maschine um. Im August 2025 löste er die Direktion für interregionale und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland auf – jene Behörde, die offiziell für sanfte Machtausübung zuständig war, tatsächlich aber Wahlen manipulierte, Spione schleuste und kompromittierendes Material über ausländische Politiker sammelte. An ihre Stelle trat die Präsidialdirektion für strategische Partnerschaft und Zusammenarbeit. Der Name ist neu, die Methoden sind alt. Recherchen zeigen: Die meisten Abteilungen wurden einfach übernommen, die Strukturen blieben erhalten. Nur die Gesichter an der Spitze sind andere – und genau darum geht es.

Mit Erlass Nr. 906 vom 8. Dezember 2025 schafft der Präsident der Russischen Föderation eine eigenständige Verwaltungseinheit innerhalb der Präsidialadministration für „strategische Partnerschaft und Zusammenarbeit“. Die neue Struktur soll internationale Projekte und Programme mit ausgewählten Staaten koordinieren, Verhandlungen vorbereiten und den Präsidenten bei außenpolitischen Initiativen, Entwicklungsfragen und grenzüberschreitender Kooperation beraten.
Das Büro sammelt und analysiert Informationen, wirkt an internationalen Verträgen mit, bereitet Gesetzes- und Erlassentwürfe vor und organisiert internationale Treffen mit Beteiligung des Präsidenten. Zudem koordiniert es die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, Stiftungen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Medien sowie die Öffentlichkeitsarbeit zu entsprechenden Projekten. Die Leitung untersteht direkt der Präsidialadministration; der Behördenchef wird vom Präsidenten ernannt und trägt die Verantwortung für die Umsetzung der Aufgaben. Das Mandat kann per Präsidialentscheidung jederzeit erweitert werden.
Der Mann mit dem Spitznamen „Pfannkuchen“
Die Suche nach einem Direktor ohne direkte Verbindung zu den Geheimdiensten gestaltete sich schwierig. Zuerst war Igor Tschaika im Gespräch, Sohn des früheren Generalstaatsanwalts. Doch seine Ernennung versandete in der Präsidialkanzlei. „Offenbar entschieden die Vorgesetzten, dass Tschaika doch eher ein Geschäftsmann ist und sich im Ausland auf seine eigenen Interessen konzentrieren würde“, sagen verschiedene Quellen. Außerdem steht er unter Sanktionen und hatte sich in Moldau eine Pleite geleistet, als er dort die Opposition finanzierte.

Ende Oktober präsentierte Sergej Kirjenko, der erste stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, Putin einen anderen Kandidaten: Wadim Titow, einen langjährigen Untergebenen aus seiner Zeit beim Atomkonzern Rosatom. In Irkutsk, wo Titow Anfang der 2000er-Jahre als kritischer Moderator arbeitete, nannten ihn die Leute wegen seiner Körperfülle liebevoll „Pfannkuchen“. 2009 holte ihn Moskau in die Presseabteilung von Rosatom, später leitete er Rosatom International Network und flog ständig zwischen Europa und Südostasien hin und her. Im November 2025 reiste Titow erstmals offiziell nach Kirgistan – ein Land, dessen Banken und Kryptodienste Russland helfen, internationale Sanktionen zu umgehen. In Bischkek eröffnete er das Eurasische Zentrum für russische Sprache und Kultur. Im Kuratorium sitzt eine ehemalige Miss Moldau, die heute für Putins Partei Einiges Russland im Parlament sitzt. Finanziert wird das Zentrum vom geflüchteten moldauischen Oligarchen Ilan Schor, dessen Organisation 2024 von den USA und der EU wegen Wahlmanipulation in seiner Heimat sanktioniert wurde.

Titow half auch beim Start von Nomad TV, einem Sender, der Inhalte des russischen Staatssenders NTW ausstrahlt. Die Chefredakteurin ist eine frühere Kreml-Pool-Reporterin, die meisten Journalisten wurden kostenlos in Schors Eurasien-Zentrum geschult. Maria Sacharowa vom russischen Außenministerium, die Titow nach Bischkek begleitete, erklärte offen: Der Sender müsse den „richtigen Blickwinkel“ verbreiten, um „Versuchen entgegenzuwirken, die historische Wahrheit zu verzerren“.
Der stellvertretende Direktor sieht aus wie Lenin
Titows Stellvertreter Anton Rybakow, ein Schattenmann, kennt sich in Zentralasien aus. Er war schon in der alten Direktion für die Region zuständig. Nach seinem Journalismus-Studium an der Moskauer Staatsuniversität arbeitete er für die kremlnahe Zeitung Moskauer Komsomolze. Investigativ wurde er nie. Aber sein Lebenslauf bei der Jobvermittlung Rjb.ru fiel der Präsidialverwaltung ins Auge: „Fließend Englisch, übersetzt amerikanische Publikationen. Reisebereit. Besitzt internationalen Presseausweis, kann Interviewpartner zum Reden bringen.“ 2017 stellte ihn der FSB-Oberst Waleri Maximow ein, der in die Präsidialverwaltung abgeordnet war. Der Ex-KGB-Mann Maximow leitete die Planungsabteilung und organisierte Wahlen in Georgien, Abchasien, Südossetien, Armenien und Kirgistan. 2020 feuerte ihn der damalige Direktor Dmitri Kosak, nachdem die von Moskau finanzierte Allianz der Patrioten Georgiens nur 3,14 Prozent der Stimmen holte. Doch jetzt, nach Kosaks Abgang, könnte Maximow zurückkehren.

Rybakow blieb und baute eigene Kontakte im postsowjetischen Raum auf. „Anton Lwowitsch wurde zu einer wichtigen Figur und nahm persönlich an Briefings für Kosak zur Lage in Zentralasien teil“, erzählte eine Quelle aus der Präsidialverwaltung. „Natürlich verdankte er das seiner Freundschaft mit Oberst Maximow. Er ließ sich einen Schnurrbart und einen kleinen Bart wachsen und sah aus wie der junge Lenin. So nannten wir ihn unter uns.“ Rybakow arbeitet eng mit dem Nationalen Forschungsinstitut für Kommunikationsentwicklung zusammen, dessen Aufsichtsrat frühere Führungskräfte des Auslandsgeheimdienstes SWR und des FSB angehören. Geleitet wird das Institut von Wladislaw Gasumjanow, einem SWR-Reserveoffizier, der in Europa spionierte und sich mit dem italienischen Premierminister Silvio Berlusconi anfreundete.
Ein FSB-Hacker für Afrika
Ende Dezember fand in Moskau ein internes Seminar für die Mitarbeiter der Direktion statt. Thema: Methoden der sanften Machtausübung im postsowjetischen Raum und in Afrika. Die Dozenten warnten vor der „Wiederbelebung des Neonazismus“ in der Ukraine und den baltischen Staaten, vor der „totalitären Diktatur“ in Moldau und der westlichen Orientierung Armeniens. Kirgistan hingegen wurde als Erfolgsgeschichte präsentiert – die dortige Führung höre auf Moskaus Ratschläge, russische Firmen kontrollierten fast die Hälfte der Wirtschaft.
Unter den Teilnehmern war der FSB-Oberstleutnant Alexej Kleschtschew, der aus der Präsidialdirektion für öffentliche Projekte kam und dort für Afrika zuständig war. Kleschtschew diente beim hochgeheimen 16. Zentrum des FSB, das für die Überwachung, Entschlüsselung und Auswertung elektronischer Kommunikation verantwortlich ist. Das Zentrum umfasst zehn Abteilungen und 566 Mitarbeiter beschäftigt.
Abzeichen der Eitelkeit – Wie FSB-Mitarbeiter ihr eigenes Cyberzentrum offenlegten
Manchmal braucht es keine Whistleblower, keine Leaks und keine Satellitenbilder. Es reicht Eitelkeit. Ausgerechnet ein Teil des 16. Zentrums des FSB, zuständig für Funkaufklärung und Cyberoperationen, ist durch den Verkauf interner Abzeichen und Medaillen in offenen Foren teilweise sichtbar geworden. Was als Sammlerhandel begann, wurde zur Datenspur. OSINT-Analysten der finnischen Firma Check First werteten mehr als 200 öffentlich zugängliche Bilder von Dienstabzeichen aus. Die Symbole, Beschriftungen und Nummerierungen ermöglichten es, die interne Struktur des Zentrums zumindest in Teilen zu rekonstruieren. Mindestens zehn Verwaltungen innerhalb des 16. Zentrums ließen sich identifizieren, gekennzeichnet durch Buchstaben von „A“ bis „T“. Hinzu kommen zwei regionale Abteilungen, Nr. 3 und Nr. 7, letztere mit Sitz in Nowosibirsk. Auf Basis offener Personaldaten schätzen die Analysten die Mindeststärke des Zentrums auf 566 Mitarbeiter.

Einige der Einheiten lassen sich über ihre Embleme konkreten Aufgaben zuordnen. Auf dem Abzeichen der Verwaltung „K“ ist ein Computer dargestellt – ein deutlicher Hinweis auf Cyberoperationen. Die Bezeichnungen „B“ und „D“ werden mit Sicherheitsaufgaben und Entschlüsselung in Verbindung gebracht. Das sind keine Spekulationen ins Blaue, sondern Schlussfolgerungen aus Symbolik, Standortangaben und wiederkehrenden Mustern. Besonders aufschlussreich war die Spur zu den sogenannten Zentren für spezielle Kommunikation. Anhand von Kartenfragmenten und Beschriftungen auf den Abzeichen identifizierten die Analysten ein Netz von zehn solcher Einrichtungen, die dem 16. Zentrum unterstehen und offenbar Gespräche zwischen militärischen und zivilen Strukturen überwachen. Viele dieser Standorte liegen in Grenznähe: Kaliningrad, Pskow, Sankt Petersburg, Wladiwostok, Chabarowsk, dazu Adler und Temrjuk im Gebiet Krasnodar. Weitere befinden sich in Moskau, im Moskauer Umland und in der Region Saratow.

Verteilte Standorte mehrerer Einheiten des 16. FSB-Zentrums für Funkaufklärung und Cyberoperationen – von Kaliningrad über Moskau bis nach Wladiwostok. Auffällig ist die Konzentration an strategisch sensiblen Punkten: Grenzregionen, Ballungsräume, militärisch relevante Küstenabschnitte. Die geografische Streuung deutet auf ein landesweit vernetztes System hin, das sowohl die westlichen als auch die östlichen Außengrenzen abdeckt. Moskau fungiert dabei sichtbar als organisatorischer Mittelpunkt.
Historisch geht das 16. Zentrum auf eine entsprechende Einheit des KGB der Sowjetunion zurück. Seit 2003 ist es Teil der FSB-Struktur. Seine Rolle im Bereich Cyberoperationen ist auch international bekannt. 2022 erhob das US-Justizministerium Anklage gegen Hacker mit Verbindung zu diesem Zentrum wegen Angriffen auf Energieinfrastruktur, darunter ein Kernkraftwerk in Kansas. Ein Jahr später erklärten US-Behörden, ein Schadprogramm neutralisiert zu haben, mit dem über fast zwei Jahrzehnte hinweg Dokumente von Diplomaten und Regierungsmitarbeitern aus NATO-Staaten abgegriffen worden seien.
Dass ein solcher Apparat durch Souvenirs sichtbar wird, sagt weniger über technische Schwächen als über menschliche. In einer Organisation, die auf Abschottung baut, reichen ein paar verkaufte Abzeichen, um Struktur, Zuständigkeiten und Geografie zumindest in Umrissen offenzulegen. Nicht durch einen großen Verrat, sondern durch kleine Unachtsamkeiten. Drei seiner Kollegen vom 16. Zentrum – Pawel Akulow, Michail Gawrilow und Marat Tjukow – werden vom FBI gesucht. Ihnen drohen jeweils bis zu 20 Jahre Haft. Die Anklage lautet: Zwischen 2012 und 2017 drangen sie in Computernetzwerke ein, darunter auch durch Angriffe auf Lieferketten. Ihr Ziel waren Firmen und Organisationen im internationalen Energiesektor, darunter Öl- und Gasunternehmen, Atomkraftwerke sowie Versorger und Stromübertragungsunternehmen.
Wladimir Balobajew, der von der alten in die neue Direktion wechselte, leitet jetzt den Bereich Zivilgesellschaft. Früher gründete er in Kaliningrad ein baltisches Informations- und Analysezentrum, das angeblich die Ostsee überwachte. The Insider fand heraus, dass der „Umweltschützer“ Geld an Andrej Solopenko überwies, den Chefredakteur des kremlnahen Portals BaltNews, das in der EU verboten ist. Anton Kurewin wird als juristischer Hauptberater gehandelt, Maxim Grigorjew könnte die Baltikum-Abteilung übernehmen. Kurewin machte 2002 seinen Abschluss an der Militäruniversität des Verteidigungsministeriums und diente beim Militärgeheimdienst GRU. Später arbeitete er bei der PR-Firma Michailow & Partners und wurde Berater des Milliardärs Gennadi Timtschenko zur Sanktionsumgehung. Zuletzt war er bei der Agentur Bureau Up tätig, die ideologische Konzepte für staatliche Institutionen und Großkonzerne entwickelt.

Grigorjew schrieb Propaganda-Bücher mit Titeln wie „Anti-Maidan“, „Weißhelme: Komplizen von Terroristen und Quellen der Desinformation“ oder „Verbrechen der von den USA angeführten Koalition in Syrien“. 2023 ließ er sich an der Akademie des Generalstabs umschulen und meldete sich freiwillig für die Invasion in der Ukraine. Heute sitzt er in der Bürgerkammer der Russischen Föderation und leitet ein Tribunal zu angeblichen Kriegsverbrechen „ukrainischer Nationalisten und ihrer Kollaborateure“.
Die Umstrukturierung ist abgeschlossen, die Direktion einsatzbereit. Putin hat seine Propaganda-Zentrale mit frischen Gesichtern bestückt – doch die alten Verbindungen zu FSB, SWR und GRU bleiben bestehen. Der Kreml setzt weiter auf Desinformation, Manipulation und Spionage. Nur die Namen auf den Visitenkarten haben sich geändert.
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Wohin man auch guckt – überall die selben Machenschaften und Strukturen.
Je autoritärer ein Staat, desto tiefer der Griff in die totale Überwachung – und Lügen über Lügen.
Deckt man eine Schweinerei auf, wird diese durch den/ die nächste ersetzt.
Medusa lässt grüßen.
Würde man diese kriminelle Energie in Projekte zum Wohle der Menschheit- Flora und Fauna – Ozeane setzen – wo wir dann wohl stehen würden?
KGB, FSB … alles das Gleiche.
Gleiche Strukturen, gleicher Zweck, gleiche Überwachung.
Neue Gesichter.
Aber der „Durchschnittsrusse“ kennt ohnhin Keinen dieser Männer.
Sie kommen und gehen.
Loyalität an oberster Stelle und an zweiter Stelle „gewünschte Ergebnisse“.
Wer nicht das erreicht, was gefordert wird oder doch mal Kritik äußert, verschwindet.
Mal kurz- mal längerfristig… oder auch schon mal ganz.
Dieses Recherche sollten die Geheimdienste in Europa und im Westen mal ausgiebig studieren.
Wahrscheinlich habt ihr mehr aufgedeckt, als die wussten.