Fünf Schüsse, ein Glückwunsch – und ein Video, das unfassbar ist

VonRainer Hofmann

Februar 12, 2026

Marimar Martinez, 30 Jahre alt, Lehrassistentin und US-Staatsbürgerin, keine gesuchte Straftäterin, wurde am 4. Oktober in Chicago fünfmal von einem Border-Patrol-Agenten angeschossen. Gegen sie wurde zunächst ein Strafverfahren eingeleitet, in dem ihr vorgeworfen wurde, Bundesbeamte mit ihrem Fahrzeug angegriffen zu haben. Dieses Verfahren wurde später eingestellt. Kurz nachdem ein Border-Patrol-Agent in Chicago fünf Schüsse auf Marimar Martinez abgegeben hatte, erhielt er eine Nachricht von ganz oben. Gregory Bovino, damals verantwortlich für die bundesweiten Razzien im Rahmen der verschärften Einwanderungsoffensive, schrieb ihm: „Angesichts Ihres hervorragenden Einsatzes in Chicago haben Sie noch viel vor sich!!“

Charles Exum fertigte offenbar einen Screenshot dieser Nachricht an und leitete ihn an ein Familienmitglied weiter. In internen SMS schrieb er am Tattag, Martinez habe „versucht, mich zu überfahren“, und sagte später vor Gericht: „Ich habe getan, was ich tun musste, um mein Leben zu retten.“ Zugleich erklärte er, eine befreundete Gruppe von Beamten schreibe sich Nachrichten, um „Stress abzubauen“. Die nun veröffentlichten Chats zeigen jedoch schnell eine andere Tonlage: Ein Kollege nannte Exum „eine Legende unter den Beamten“, ein weiterer schrieb: „Verdammt!! Ich bin ein paar Wochen weg und hier wird es wie im Irak.“

„Ich habe eine MOF-Ergänzung zu meiner Darstellung hinzuzufügen. Ich habe 5 Schüsse abgegeben und sie hatte 7 Löcher. Schreibt das in euer Protokoll, Jungs.“ – („MOF“ steht im Polizeikontext für „Memorandum of Force“. Das ist ein interner Bericht bzw. eine formale Ergänzung zur Darstellung eines Einsatzes mit Gewaltanwendung. Wenn ein Beamter eine Waffe benutzt, muss er dokumentieren, was passiert ist – ein MOF ist also eine Art offizielle Ergänzung zum Einsatzprotokoll, speziell zur Rechtfertigung der Gewalt – Anmerkung der Redaktion)

Auf die Vorwürfe reagierte Bovino nicht. Das Weiße Haus verwies auf das Heimatschutz- und Justizministerium. Die Grenzschutzbehörde erklärte, Exum sei „entsprechend der Vorschriften“ beurlaubt worden, alle erheblichen Fälle von Gewaltanwendung würden von einem unabhängigen Gremium überprüft.

Die Einschüsse sind noch klar zu erkennen

Diese E-Mail gehört zu einem umfangreichen Beweispaket, das Bundesstaatsanwälte nun freigegeben haben. Die Unterlagen stammen aus einem inzwischen eingestellten Strafverfahren gegen Martinez. Ihr war vorgeworfen worden, mit ihrem Auto Bundesbeamte angegriffen und damit die Durchsetzung von Einwanderungsmaßnahmen behindert zu haben. Diesen Fall hatten wir bereits vollständig dokumentiert – einschließlich eigener Recherchen, Videoauswertungen und chronologischer Aufarbeitung. Unser gesamtes Material haben wir, wie einige andere ebenfalls, den zuständigen Stellen zur Verfügung gestellt. Die Anklage wurde fallengelassen, nachdem ihre Anwälte erhebliche Zweifel an der Beweissicherung anmeldeten.

Trumps Feldzug gegen Chicago

(Artikel vom 5. Oktober 2025)

Am Samstagmorgen verwandelte sich eine unscheinbare Kreuzung im Südwesten Chicagos in ein Spiegelbild amerikanischer Machtpolitik. Vor dem Hintergrund eskalierender Einwanderungsrazzien schoss ein Bundesbeamter auf eine Autofahrerin, die – so heißt es aus Washington – versucht habe, ein Einsatzfahrzeug zu rammen, bewaffnet mit einer halbautomatischen Waffe. Belege? Keine? Die Frau, eine US-Bürgerin namens Marimar Martinez, überlebte, wurde in ein Krankenhaus gebracht und später vom FBI in Gewahrsam genommen. Das Heimatschutzministerium erklärte, die Beamten hätten sich nur verteidigt, nachdem ihr Fahrzeug von „zehn Autos umzingelt“ worden sei. Doch Zeugen schildern die Situation anders. Eine Frau wurde angeschossen, ein weiterer Mann – Anthony Ian Santos Ruiz – verhaftet, nachdem angeblich auch er in den Vorfall verwickelt gewesen sei. Seine Mutter, Elizabeth Ruiz, schilderte, ihr Sohn habe sie während der Schüsse angerufen, panisch und verwirrt, ehe Agenten ihn überwältigten. Auf ihre Frage nach dem Grund seiner Festnahme erhielt sie keine Antwort.

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Martinez überlebte. Die Regierung hatte sie öffentlich als „inländische Terroristin“ bezeichnet. Genau dagegen wollte sie sich juristisch wehren. Ihre Verteidigung beantragte die Freigabe der gesammelten Beweise – mit Erfolg.

Aufnahmen der Körperkamera, die sich nicht mehr wegdiskutieren lassen

Die nun veröffentlichten Videos zeigen den Innenraum des SUV des Agenten Charles Exum in den Sekunden vor der Kollision. Martinez folgte dem Fahrzeug. Sie hupte und rief „La migra“, die spanische Bezeichnung für Einwanderungsbehörden. Offizielle Stellen hatten zunächst erklärt, sie habe Beamte „gerammt“. Vor Gericht sprach Exum später von einer seitlichen Berührung.

Auf den Aufnahmen ist zu sehen, dass mehrere Beamte ihre Waffen bereits vor dem Zusammenstoß gezogen hatten. Eine Stimme sagt: „Es ist Zeit, aggressiv zu werden.“ Eine andere: „Wir werden Kontakt haben und sind eingekesselt.“ Sekunden später reißt Exum das Lenkrad nach links. Das Fahrzeug stoppt. Er springt heraus. Fünf Schüsse sind zu hören. Weitere Fotos im Verfahren zeigen das beschädigte Fahrzeug des Agenten, das blutverschmierte Innere von Martinez’ Nissan, den Boden einer Werkstatt, in die sie nach den Schüssen fuhr. In ihrer Handtasche befand sich eine legal erworbene, nicht gezogene Pistole. Ein entsprechendes Formular weist sie als rechtmäßige Käuferin aus. Offiziell wurde Exum in bezahlten Innendienst versetzt. Der zuständige Grenzschutz erklärte, jeder schwerwiegende Schusswaffengebrauch werde überprüft. Bovino selbst äußerte sich nicht. Nach dem Strategiewechsel der Bundesregierung von Chicago nach Minneapolis wurde er von seiner Rolle als „Commander at Large“ abgezogen.

Der Fall steht nicht als Ausnahme. In Minnesota wurden Renee Good und Alex Pretti – von Bundesbeamten tödlich getroffen. Auch dort lautete die offizielle Einstufung: „inländischer Terrorismus“. In Chicago jedoch liegt nun eine Chronologie vor, die den Ablauf fast Sekunde für Sekunde dokumentiert. Martinez trat inzwischen in einer Fernsehsendung auf und sprach vor demokratischen Abgeordneten in Washington. „Vor diesem jüngsten Krieg gegen Einwanderer“, sagte sie, „waren wir ein Land, in dem Strafverfolgung gesetzmäßig und mit Respekt vor menschlichem Leben handelte.“

Der Anwalt von Marimar Martinez, Christopher V. Parente, kritisierte die unangekündigte Veröffentlichung der Ermittlungsunterlagen durch die Bundesanwaltschaft. Gemeint sind die Videos, Fotos und internen Nachrichten, die im Rahmen des inzwischen eingestellten Strafverfahrens gegen Martinez gesammelt worden waren. Parente sprach von einem Versuch der Regierung, die politische Sprengkraft des Materials abzufedern. Gleichzeitig kündigte das Team an, Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe zu fordern. Martinez plant, zur nächsten Rede zur Lage der Nation zu erscheinen. Was hier sichtbar wird, ist mehr als eine einzelne Schussabgabe. Es geht um die Frage, wie Bundesgewalt angewendet, kommuniziert und intern bewertet wird. Wenn auf fünf Schüsse eine Gratulationsmail folgt, verschiebt sich der Maßstab dessen, was als angemessen gilt. Der juristische Teil beginnt erst. Die politische Wirkung ist längst da.

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