Der zweite Winter

VonRainer Hofmann

Februar 7, 2026

Yevgenia Mykhailivna Bezfamilna war 88 Jahre alt. Als Kind überlebte sie den Holocaust. Nun starb sie allein in ihrer Wohnung im historischen Zentrum von Kiew, einer europäischen Hauptstadt unter permanentem Beschuss. Ihr Nachname stammt aus einem Waisenhaus nach dem Krieg. Bezfamilna bedeutet „ohne Familie“. Niemand wusste mehr, wer sie gewesen war, bevor alles ausgelöscht wurde. Keine Dokumente. Keine Angehörigen. Kein rekonstruierbarer Ursprung.

Sie gehörte zu jenen jüdischen Kindern, die durch ein Vernichtungsregime hindurchkamen und danach ein ganzes Leben lang mit diesem Überleben weiterlebten. Nachbarn beschrieben sie als zurückhaltend, vorsichtig, verschlossen. Sie hatte früh gelernt, dass Vertrauen im falschen Moment tödlich sein kann. In ihre Wohnung durfte niemand einfach eintreten. Sie hatte keine Kinder, keine Verwandten. Nur die nahegelegene Synagoge war ein Ort, an dem sie sich unter ihresgleichen fühlte. Menschen brachten Suppe, Lebensmittel, Hygieneartikel, kleine Aufmerksamkeiten. Sie kümmerten sich. Doch sie öffnete selten die Tür. Wer den Krieg als Kind nur überlebt, weil er unsichtbar bleibt, verlernt das Bitten.

Zwei Wochen vor ihrem Tod platzten die Leitungen in ihrer Wohnung. In diesen Tagen sank die Temperatur in Kiew zeitweise auf unter minus 24 Grad. Ganze Stadtviertel waren wiederholt ohne stabile Versorgung mit Wärme, Wasser und Strom. Für viele bedeutete das Entbehrung. Für Hochbetagte bedeutete es Lebensgefahr. Einige glaubten zunächst, sie sei erfroren. Offiziell wird als Todesursache Herzversagen infolge einer chronischen ischämischen Herzerkrankung angegeben. Die Polizei erklärte, die Wohnung sei weitgehend trocken gewesen, lediglich in der Küche habe es nach dem Rohrbruch Wasser gegeben. Medien sollten nicht spekulieren.

Ihr Herz kann versagt haben. Sie muss nicht erfroren sein. Und dennoch gehört ihr Tod zu diesem Krieg. Russland greift seit Monaten gezielt zivile Infrastruktur an. Kraftwerke, Leitungen, Netze. Mit der erklärten Absicht, Städte ohne Wärme zu lassen und den Winter zur Waffe zu machen. Wenn Strom ausfällt, wenn Heizungen nicht funktionieren, wenn Rohre unter Druck bersten, dann ist das Teil einer Strategie.

Eine 88-jährige Holocaust-Überlebende in einer ausgekühlten Wohnung, in einer Stadt unter Dauerangriff, stirbt offiziell an Herzversagen. Doch ein geschwächter Körper gibt unter solchen Bedingungen schneller auf. Das ist kein isoliertes medizinisches Ereignis. Yevgenia Bezfamilna lebte zum zweiten Mal in ihrem Leben in einem angegriffenen Land. Das Wissen, das sie als Kind gerettet hatte, wurde im Alter zu einer Falle. Der Holocaust hatte ihr beigebracht, Türen geschlossen zu halten und niemandem zu trauen. Diese Regeln hatten ihr das Leben bewahrt. Sie verließen sie nie. Als Russland die Ukraine überfiel, musste kein Soldat bei ihr klingeln. Der Krieg kam durch Kälte. Durch Blackouts. Durch beschädigte Infrastruktur.

Sie war nicht die Einzige. In Cherson starb kürzlich der 84-jährige Arzt Alexander Bonder, ebenfalls Mitglied der jüdischen Gemeinde, an den Folgen russischen Beschusses. Unter dem Vorwand der sogenannten „Denazifizierung“ werden Drohnen und Raketen gestartet, zivile Infrastruktur zerstört und alte Menschen in eine Lage gebracht, der sie kaum standhalten können. Kriege töten nicht nur mit Geschossen. Sie nehmen Schutzräume. Sie schwächen Strukturen, auf die Alte angewiesen sind. Wer alt ist, krank, allein, braucht funktionierende Versorgung. Wenn diese gezielt beschädigt wird, steigt die Last auf Körper und Seele. Die Beerdigung von Yevgenia Mikhailovna fand am 1. Februar 2026 auf dem jüdischen Friedhof in Barachty statt.

Ihr Name war Yevgenia Bezfamilna. Ein Name, der ihr gegeben wurde, weil nichts anderes mehr übrig war. Sie überlebte einen Krieg, indem sie jemand ohne Herkunft wurde. In den zweiten trat sie mit dieser Leerstelle ein. Behörden werden eine Ursache dokumentieren. Was sich nicht erfassen lässt, ist ein Leben ohne eigenen Familiennamen, ohne geschützten Raum, ohne die Fähigkeit, Hilfe einzufordern. Sie starb in einem Winter, der durch gezielte Zerstörung geprägt war. In Europa. Jetzt.

Baruch Dayan HaEmet. Möge ihr Andenken zum Segen sein.

Liebe Leserinnen und Leser,
Wir berichten nicht aus der Distanz, sondern vor Ort. Dort, wo Entscheidungen Menschen treffen und Geschichte entsteht. Wir dokumentieren, was sonst verschwindet, und geben Betroffenen eine Stimme.
Unsere Arbeit endet nicht beim Schreiben. Wir helfen Menschen konkret und setzen uns für die Durchsetzung von Menschenrechten und Völkerrecht ein – gegen Machtmissbrauch und rechtspopulistische Politik. Wir schauen nicht weg, weil Wegsehen immer den Falschen nützt.
Ihre Unterstützung macht diese Arbeit möglich.
Kaizen unterstützen

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x