35.765 Gründe – und der Teil-Rückzug kam trotzdem

VonRainer Hofmann

Februar 7, 2026

Mitten in Minneapolis lagen nach Recherchen und einer internen Bestandsliste 35.765 Einsatzmittel bereit. Tränengas. Blendgranaten. Pfefferspray. Munition zur Auflösung von Menschenmengen. Keine Ausrüstung für Visaprüfungen, sondern Mittel zur Kontrolle von Protesten. Zwei Wochen zuvor waren sie angeliefert worden, gebündelt unter dem Titel „Munitionsliste der im Rahmen der Operation Metro Surge verwendeten Einsatzmittel“. Bestimmt für eine Stadt, in der nach zwei tödlichen Schussabgaben von Einwanderungsbeamten auf US-Bürger die Straßen voll waren.

Noch am letzten Sonntag hatte der Präsident erklärt, er habe die Einwanderungsbehörde und den Grenzschutz angewiesen, beim „Schutz von Bundesgebäuden sehr energisch vorzugehen“. Gegner wurden als „Verrückte, Aufwiegler und Aufständische“ bezeichnet. Wer Beamte weiter „belästige“ oder „angreife“, müsse mit „gleichen oder härteren Konsequenzen“ rechnen. Die Richtung war klar. Eskalation lag in der Luft. Und dann der Bruch. Grenzschutzkoordinator Tom Homan kündigte an, 700 Bundesbeamte würden mit sofortiger Wirkung aus Minnesota abgezogen. Ein Drittel der zuvor entsandten Kräfte. Künftig gebe es eine einheitliche Befehlsstruktur. Man werde zu „gezielten Maßnahmen“ zurückkehren. Alle eingesetzten Beamten würden mit Körperkameras ausgestattet. Worte, die in dieser Situation wie eine Korrektur klingen.

In den Tagen zuvor war bereits sichtbar geworden, dass sich etwas verschiebt. Weniger Fahrzeugkolonnen. Weniger Beamte, die wahllos Passanten kontrollieren. Weniger offene Konfrontationen mit Demonstrierenden. Selbst der Präsident ging auf Abstand zum bisherigen Einsatzleiter in Minneapolis und sagte über ihn, er sei „ein ziemlich abgedrehter Typ“ und vielleicht „war es hier nicht gut“. Seltene Töne.

Gleichzeitig blieb ein anderer Befund stehen: 35.765 Einsatzmittel waren vor Ort. Eine interne Stimme aus dem Heimatschutzbereich nannte das „völlig überzogen“ und sagte, er habe noch nie eine solche Menge gesehen. Die Liste stammt von der übergeordneten Behörde des Grenzschutzes. Der überwiegende Teil der gelieferten Ausrüstung war für die Kontrolle von Menschenmengen vorgesehen. Für Proteste.

Rund 2.000 Bundesbeamte bleiben weiterhin in Minneapolis. Ob die Bestände schrumpfen oder nur verlagert werden, ist offen. Sicher ist nur: Der Abzug von 700 Kräften ist die erste sichtbare Korrektur seit Beginn des massiven Aufbaus unter „Operation Metro Surge“. Noch vor wenigen Tagen wirkte alles auf eine direkte Konfrontation zwischen Bundeskräften und Zivilgesellschaft zugespitzt.

Der Gouverneur von Minnesota hatte erklärt, Strafverfolgung dürfe nicht gesetzlos sein. Nach dem Tod von Renee Good und Alex Pretti füllten Zehntausende die Straßen. Sie gingen nicht für eine abstrakte Parole, sondern wegen konkreter Schüsse. Die Regierung hatte aufgerüstet. Die Bevölkerung blieb stehen.

Politiker in Washington werden den Rückzug als eigene Entscheidung verkaufen. „Neubewertung“, „Neuausrichtung“ und „veränderten Prioritäten“ sprechen, als sei der Kurswechsel lange geplant gewesen. Kommentatoren in Studios werden es als taktische Anpassung einordnen, als flexible Reaktion auf eine dynamische Lage. Doch die Chronologie lässt sich nicht umschreiben. Erst kamen die massiven Proteste und Berichterstattung der Journalisten auf den Straßen, die über Tage anwuchsen, organisiert von lokalen Initiativen, getragen von Studierenden, Gewerkschaften, Gemeinden. Dann folgte die Korrektur. Nicht umgekehrt.

Der einzige Weg, Opfern unmittelbar zu helfen, heißt: dranbleiben. ICE hinterherfahren, Einsätze vor Ort begleiten, jeden Zugriff dokumentieren, jede Maßnahme festhalten und in Echtzeit reagieren. Nicht aus der Distanz kommentieren, sondern sichtbar sein.

Es waren nicht Pressekonferenzen, die den Druck erzeugten, sondern Menschen vor Ort. Demonstrierende, die trotz Polizeiketten blieben. Familien, die ihre Gesichter zeigten. Journalistinnen und Journalisten, Aktivisten, die dokumentierten, filmten, Namen sammelten. Dutzende von ihnen wurden bei Einsätzen verletzt – getroffen vom Tränengas, weggedrängt von der Staatsgewalt, festgesetzt trotz klar sichtbarer Pressekennzeichnung. Einige mussten medizinisch versorgt werden, andere berichteten noch in derselben Nacht weiter. Ohne ihre Bilder, ohne ihre Berichte hätte sich die politische Erzählung ungehindert durchgesetzt.

Der Rückzug kam erst, als die öffentliche Aufmerksamkeit nicht mehr abzuebben drohte. Als sich nationale und internationale Medien einschalteten. Als Videos millionenfach geteilt wurden. Als klar wurde, dass das Thema nicht lokal zu halten war. Die Entscheidung fiel nicht im luftleeren Raum, sondern unter sichtbarem Druck. Wer jetzt von „freiwilliger Anpassung“ spricht, blendet diese Dynamik aus. Die Reihenfolge bleibt: Protest, Berichterstattung, Verletzte – dann der Rückzug.

Der Staat hatte sich auf eine Auseinandersetzung vorbereitet. Die Öffentlichkeit antwortete mit Druck. 700 Beamte weniger sind kein Ende und nicht jeder Aufmarsch bleibt ohne Wirkung.

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Ela Gatto
Ela Gatto
5 Stunden zuvor

Die „Kampfmittel“ sind weiter vor Ort.
Auch wenn 700 Leute, gerade mal 1/3, abgezogen wurde.

Ob es ein Erfolg der Protestierenden und unabhängigen Journalisten war?
Es bleibt zu hoffen.

Ich sehe es eher als Taktik, damit die Demokraten der Erhöhung des ICE Budget zustimmen.

Man hat doch „die Situation neu bewertet“ und ein „weniger aggressives Vorgehen“ angeordnet.

Genau hier liegt die Gefahr.
Dass die Demokraten darauf reinfallen und es nach einer Zustimmung mit unveränderter Härte bzw noch mehr Härte weiter geht.

Auf jeden Fall danke an alle mutigen Menschen, die protestieren, filmed, dokumentieren und bicht still bleiben.
Zivile Personen und Journalisten.
Danke!

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