Der erfundene Antifa-Anführer – Wie das Heimatschutzministerium Protest zu Terror erklärt

VonRainer Hofmann

Februar 7, 2026

Chandler Patey ist 29 Jahre alt und steht seit Monaten vor einer ICE-Einrichtung in South Portland. Er protestiert. Er lässt Demonstrierende in seine Wohnung, damit sie sich Pfefferspray aus den Augen waschen oder kurz die Toilette benutzen können. Für das Department of Homeland Security reicht das offenbar aus, um ihn intern als „Anführer von Antifa in Portland, Oregon“ zu führen. Dieser Satz steht in einem behördeninternen Bericht. Ein junger Mann ohne Anklage, ohne Vorstrafe, wird dort als inländischer Terrorist geführt.

Interne, geleakte Dokumentation aus dem „Intelligence Reporting System“ des Heimatschutzministeriums, die einen Eintrag zu Chandler Patey zeigt

Parallel lief im rechten Fernsehen das passende Theater. Fox-Moderatoren machten aus seiner Wohnung ein „Antifa-Safehouse“. Patey reagierte nicht mit Parolen, sondern ließ eine Lokalzeitung in die Wohnung schauen: normal, unspektakulär, kein Geheimquartier. Genau deshalb ist die Geschichte so entlarvend. Die Polizei „sah weg“, weil es nichts zu sehen gab. Der Staat hingegen schreibt mit. Tatsächlich zeigte er einem lokalen Journalisten seine „sehr normale Wohnung“. Kein Waffenlager, keine konspirativen Treffen. Eine Küche, ein Bad, ein Wohnzimmer. Trotzdem taucht sein Name in einem internen System auf, das eigentlich für ausländische Terrorbedrohungen geschaffen wurde: „Intelligence Reporting System – Next Generation“, kurz IRS-NG. In den Dokumenten wird als Grundlage „Open-Source-Recherche“ genannt. Gemeint ist: was irgendwo im Netz steht. Videos, Posts, Behauptungen. Der Eintrag behauptet sinngemäß, Online-Plattformen würden zeigen, Patey sei der „Anführer“ und in vielen Videos zu sehen, in denen er für Antifa-Prinzipien werbe. Das ist die ganze Logik: „Online“ sagt etwas, also wird es behördlich notiert – und damit bekommt es einen offiziellen Klang, den es vorher nicht hatte.

Chandler Patey

Analysten greifen über IRS-NG auf Datensätze zu, verknüpfen Profile, markieren Namen. Das System, ursprünglich für Grenzschutz und internationale Bedrohungen konzipiert, wird auf inländische Protestierende angewendet. Wer regelmäßig vor einer Haftanstalt demonstriert, wer über soziale Medien zu Versammlungen aufruft, kann ins Raster geraten. Über dieses Portal können Bundesbehörden auf mindestens 28 Datenbanken zugreifen – darunter das „Terrorist Screening Dataset“, das „Watchlist Service“, das „National Crime Information Center“, das „Automated Biometric Identification System“, Passagierdaten, Visa-Informationen, Grenzübertritte, sogar beschlagnahmte oder kopierte Inhalte elektronischer Geräte, Sozialversicherungsnummern, Passnummern, Wohnadressen. Wer einmal in diesem System landet, wird vollständig vermessen. Dazu kommen Strafregisterabfragen, Einwanderungsakten, Daten zum Studierendenprogramm, biometrische Systeme. Und es endet nicht dort: Führerscheindaten, Kennzeicheninformationen, „bestimmte“ Geheimdienst- oder Polizeidaten. Wer in so ein Raster gezogen wird, wird nicht beobachtet, sondern vollständig abgerufen.

Patey ist kein Einzelfall. Auch Dustin Ragsdale wird als „Antifa-Protestierer“ geführt, weil er mit Megafon vor einer ICE-Einrichtung steht und aggressiv gegenüber Gegendemonstranten auftritt. Eine Frau mit dem Pseudonym „Mossy Matriarch“, Fotografin aus dem Bundesstaat Washington, taucht ebenfalls in internen Vermerken auf, weil sie Spenden für Demonstrierende sammelt. Kein Vorwurf einer Straftat. Kein Verfahren. Nur Einordnung.

In einem internen Eintrag des Intelligence Reporting System führt das Heimatschutzministerium Dustin Ragsdale als „Antifa-Protestierenden“. Grundlage seien Recherchen aus frei zugänglichen Quellen. Laut dem Dokument wohnt Ragsdale gegenüber eines ICE-Detention-Centers und sei dort regelmäßig mit einem Megafon zu sehen. Ihm wird ein „aggressives Auftreten gegenüber Gegendemonstranten“ zugeschrieben. Weitere Prüfungen zu seiner Person liefen. Mehrfach wird im Eintrag betont, dass er auf Basis von Online-Recherchen identifiziert worden sei. Eine konkrete Straftat wird nicht genannt.

Die Grundlage dafür liegt in der politischen Entscheidung, „Antifa“ als inländische Terrororganisation zu bezeichnen. Doch Antifa ist kein eingetragener Verband, keine strukturierte Organisation mit Mitgliedsausweisen oder Befehlskette. Trotzdem wird innerhalb der Behörde offenbar so gearbeitet, als gäbe es ein Netzwerk mit Führungspersonal und regionalen Leitern. Die Annahme erzeugt ihre eigenen Belege. Parallel dazu wächst der bürokratische Apparat.

Im internen Eintrag des Heimatschutzministeriums erscheint „Mossy Matriarch“ nicht als Fotografin oder lokale Aktivistin, sondern als sicherheitsrelevante Figur. Ihr wird vorgehalten, auf sozialen Plattformen dazu aufgerufen zu haben, Protestierende in Portland mit Sachspenden zu unterstützen. In den Unterlagen wird präzise vermerkt, dass sie eine Postfachadresse in Vancouver, Washington, nennt und Sachspenden auch an einer Schule entgegennimmt. Später habe sie in einem Video die eingegangenen Materialien gezeigt, erklärt, diese nach Portland zu bringen, und angekündigt, einen der Organisatoren in ihrem Podcast zu interviewen. Ein strafrechtlicher Vorwurf wird nicht erhoben – dokumentiert wird allein Engagement.

Ein Mitarbeiter aus dem Heimatschutzbereich beschreibt diese interne Kultur sinngemäß als paranoide Sprünge, wie man sie sonst von Verschwörungsradio kennt: „Vielleicht Antifa“, „hat Antifa-Loyalität“, „Motorradclub und Antifa“. Diese Denkweise fällt nicht vom Himmel. Sie folgt einer politischen Vorgabe: Trump erklärte Antifa zur „inländischen Terrororganisation“ und setzte Richtlinien, die Behörden in eine absurde Lage bringen. Wenn oben „Terror“ gefordert wird, muss unten etwas geliefert werden – notfalls aus Netzschnipseln.

Ein interner Eintrag im „Intelligence Reporting System“ des Heimatschutzministeriums führt den Matisse Apartment Complex in Oregon als „Location of Interest“. Konkret wird eine Wohnung an dieser Adresse als angebliches „Safe House“ für Protestierende beschrieben. Die betreffende Einheit sei durchsucht worden, mehrere Festnahmen habe es gegeben. Als rechtmäßiger Bewohner wird Chandler Patey genannt, der zuvor vor einer ICE-Hafteinrichtung festgenommen worden sei. Der Screenshot zeigt damit, wie ungesicherte Zuschreibungen, Wohnadressen und Protestaktivitäten in ein offizielles Lagebild überführt werden – mit allen Konsequenzen, die ein solcher Eintrag für die Betroffenen haben kann.

Das Perfide ist der Widerspruch nach außen. Auf Nachfrage, wie ein solcher Eintrag zu der öffentlichen Aussage einer DHS-Sprecherin passt, es gebe „keine Datenbank für inländische Terroristen“, kam laut Bericht keine Antwort. Intern jedoch existiert genau das, was öffentlich bestritten wird: ein System, das Menschen markiert, einsortiert, verknüpft. Die Dokumente tragen den Stempel „Law Enforcement Sensitive“. Über Informationsfreiheitsanfragen würde so etwas kaum ans Licht kommen. Und der Kongress wirkt in dieser Frage wie ein Zuschauer, der lieber Schlagzeilen produziert, als die Maschine auseinanderzunehmen. Ohne Leaks würde niemand davon erfahren.

Was hier sichtbar wird, ist kein einzelner Fehlgriff, sondern ein System, das Protest und Bedrohung in denselben Ordner legt. Ein Staat, der aus Demonstrierenden Sicherheitsrisiken formt, weil die politische Vorgabe lautet, eines zu finden. In diesem Klima genügt es, Wasser bereitzustellen oder ein Megafon zu halten, um in einem Datenfeld neben Terrorverdächtigen zu stehen. Wenn offene Recherche durch Schlagworte ersetzt wird und interne Register auf bloße Zuschreibungen reagieren, verschiebt sich die Grenze zwischen legitimer Kritik und kriminalisierter Opposition. Die Betroffenen erfahren es oft erst, wenn sie kontrolliert, überprüft oder markiert werden.

All diese Recherchen und Datenbankeinträge, die Gerüchte in Akten verwandeln und Protestierende als Gefährder markieren, führen zu einer gefährlichen Erkenntnis: Dieses Land reagiert nicht mehr, es halluziniert Bedrohungen. Amerika lebt seit Trump in einem Zustand permanenter Wahnvorstellungen, in dem politische Meinung sofort als Bedrohung eingestuft wird. Dieser Zustand ist die aktuelle amerikanische Geschichte und hat einen Namen: „Donald Trump.“ Und doch: Chandler Patey bleibt ein junger Mann mit einer Wohnung und einem Waschbecken. In den Akten jedoch erscheint er als „Anführer“. Zwischen diesen beiden Bildern liegt die eigentliche Geschichte.

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Anja
Anja
14 Stunden zuvor

Danke, dass ihr das recherchiert und auch danke an die Leute, die diese Dinge leaken.

Ela Gatto
Ela Gatto
5 Stunden zuvor

Wie leicht quasi Jeder ins Visier geraten kann.

Das erinnert mich an Minority Report.

Jeder der abweicht von der Trumplinie, ist ein potentielles Risiko.
Jeder der den Mund aufmacht, wird in einer dieser Datenbanken geführt.

Furchtbar!

Und keiner stoppt es.
Bis alle „Gegner“ erfasst sind und kein Widerspruch ohne sofortige Verhaftung mehr möglich ist.

Leider wird hier dazu gar nicht berichtet.

Aber so löscht man eine Demokratie.
Danke für diese Recherche

Zuletzt bearbeitet am 5 Stunden zuvor von Ela Gatto
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