Eine Recherche zeigt: Minnesota – Wenn der Staat mit Angst und Waffen regiert

VonRainer Hofmann

Februar 6, 2026

Minnesota wirkt wie ein Schaufenster für Machthaber für das, was passiert, wenn eine Regierung bewaffnete Bundeskräfte politisch auflädt und sie gleichzeitig in einen Alltag schickt, der davor nicht nach „Kriegslage“ aussieht, sondern nach Schule, Busstop, Supermarkt und Wohnstraße. Zwei Menschen sind tot. Zivilgesellschaft wird bedrängt. Und die Sprache, mit der das alles gerechtfertigt wird, klingt nicht nach Verwaltung, sondern nach Krieg. Die Rekrutierungsoffensive von ICE wurde als Kriegsanwerbung verkauft und mit einem Etat von 100 Millionen Dollar angeschoben. Wer da angesprochen wurde, sollte sich nicht als Sachbearbeiter verstehen, sondern als Kämpfer. Die Zielgruppen waren kein Geheimnis: Waffenmessen, militärische Einrichtungen, lokale Polizeimilieus, UFC-Events, digitale Räume für taktische Ausrüstung. Es ging dahin, wo Gewalt nicht nur vorkommt, sondern als Stärke gilt.

Die Botschaften dazu sind nicht neutral. Es ist die Rede von „Heimat verteidigen“, von „fremden Eindringlingen“, von „Feinden an den Toren“. Veteranen werden mit Formulierungen gelockt wie „deine Nation ruft erneut“. Dazu Bilder aus der Grenzromantik, Reiter, Cowboyhüte, Posen von Frontiersmen – und Parolen wie „eine Heimat, ein Volk, ein Erbe“. Das ist keine zufällige Ästhetik. Das ist ein Weltbild: Wir gegen die anderen. In dieser Sprache steckt ein alter Mechanismus, den man nicht wegmoderieren kann. Der Ku-Klux-Klan rechtfertigte seine Lynchjustiz und seinen Terror jahrzehntelang mit dem gleichen Motiv: weiße Frauen müssten vor angeblich enthemmten Minderheiten geschützt werden. „Schutz“ war die moralische Maske für Gewalt. Die Lüge von sexueller Bedrohung war der Zündstoff, mit dem man Mobs formte und Nachbarschaften unterwarf.

Bischof Talbert Swan hat in einem viel beachteten Beitrag einen scharfen Vergleich gezogen: Zwischen der Ideologie des Ku-Klux-Klan der 1920er-Jahre und dem heutigen weißen Evangelikalismus in Teilen des MAGA-Lagers bestehe aus seiner Sicht kein grundlegender Unterschied. Beide hätten Schwarze und andere nicht-weiße Gemeinschaften ausgegrenzt, die amerikanische Geschichte zugunsten einer weißen Perspektive umgedeutet und ein religiöses Bild propagiert, das wenig mit der historischen Figur Jesu zu tun habe. Religion werde politisch instrumentalisiert, um Ausgrenzung und rassistische Vorstellungen zu legitimieren.

Es ist vorbei. Die Vereinigten Staaten von Amerika, dieses große Experiment der Aufklärung, versinken in einem Strudel aus religiösem Wahn, der so finster ist, dass selbst die dunkelsten Prophezeiungen der Gründerväter wie naive Untertreibungen wirken. Was sich dort drüben abspielt, während wir tatenlos zusehen, ist nichts Geringeres als die Metamorphose einer Demokratie in einen theokratischen Alptraum, angeführt von einem Mann, der die Trennung von Kirche und Staat mit einem achselzuckenden „Vergessen wir das mal für einen Moment“ vom Tisch wischt – als wäre es eine lästige Formalität und nicht das Fundament der zivilisierten Welt. Egal wo wir recherchieren, egal welche Quelle wir anzapfen, egal welchen Stein wir umdrehen – überall stoßen wir auf dieselbe religiöse Wahnwelt, die nicht nur gefährlich ist, sondern bereit, bis zum Letzten zu gehen. Diese Fanatiker träumen nicht nur von der Rückkehr der Hexenverbrennung – sie bauen bereits die ScheiterhaufenFanatismus in Reinkultur – Die Apostel der Macht – Wie das Glaubensbüro in Washington zum Einfallstor für christlichen Extremismus wurde – Bekämpfen wie den Ku-Klux-Klan

Die neue Richtlinie des US-Personalamts vom 28. Juli liest sich wie ein Handbuch für religiöse Übergriffe, verkleidet als Dokument zur „Religionsfreiheit“. Bundesangestellte dürfen jetzt offiziell ihre Kollegen bedrängen, zum „richtigen“ Glauben zu konvertieren. Sie dürfen Gebetsgruppen während der Arbeitszeit abhalten, Kruzifixe und Bibeln wie Waffen schwingen, und – man fasst es nicht – Ärzte in Veteranenkrankenhäusern dürfen über ihre Patienten beten, ob diese es wollen oder nicht. Ein Vorgesetzter kann seine Untergebenen zu Ostergottesdiensten einladen, und wir alle wissen, was eine „Einladung“ vom Chef wirklich bedeutet. Der Staat hat die Bürotür zur Kirche aufgestoßen, und die Inquisitoren strömen herein. Trump hat eine „Taskforce zur Beseitigung anti-christlicher Diskriminierung“ ins Leben gerufen – in einem Land, in dem Christen 70 Prozent der Bevölkerung stellen und jeden einzelnen Präsidenten der Geschichte. Es ist, als würde man in Saudi-Arabien eine Taskforce zum Schutz des Islam gründen.

Swan geht noch weiter und wirft heutigen christlich-nationalistischen Strömungen vor, soziale Sicherungssysteme zu schwächen und Kürzungen bei Programmen für Ältere, Kinder und Bedürftige zu unterstützen. Wie einst der Klan, so seine These, stellten sich diese Gruppen hinter politische Akteure, die eine rassistisch aufgeladene Agenda vorantreiben. Sein Fazit ist zugespitzt: Es handle sich nicht um gelebtes Christentum, sondern um eine Form von weißer Vorherrschaft, die sich religiös tarnt.

Genau dieses Muster wird heute wieder politisch bewirtschaftet. Statt struktureller Gewalt gegen Frauen zu thematisieren, werden einzelne Fälle junger weißer Opfer immer wieder als Symbol genutzt, um harte Einsätze zu legitimieren. Das ist eine Auswahl, die politisch funktioniert: Sie erzeugt Angst, sie erzeugt Wut, sie erzeugt die Erzählung vom rettenden Staat. Und sie blendet aus, dass die überwältigende Mehrheit tödlicher Gewalt gegen Frauen im privaten Umfeld stattfindet – durch Partner, Ex-Partner, Bekannte, meist Staatsbürger. Das passt nicht in das gewünschte Feindbild.

Dazu kommt eine zweite ideologische Schicht, die in den letzten Jahren aus extremistischen Nischen in die öffentliche Sprache gedrungen ist: die Great-Replacement-Erzählung. Sie behauptet, Einwanderung sei ein gezielter Plan, um die weiße Mehrheitsgesellschaft zu verdrängen. Diese Vorstellung war nicht nur Internetgerücht. Sie stand in Manifesten. Sie war Treibstoff für rechtsterroristische Anschläge – El Paso, Buffalo, Pittsburgh, Charleston. Wenn staatliche Kommunikation heute Begriffe übernimmt, die an „Invasion“ und „Rückeroberung“ erinnern, dann ist das nicht harmlos. Dann werden Grenzen verschoben. Minnesota ist der Ort, an dem diese Verschiebung nicht mehr abstrakt ist. Sie wird körperlich. Sie wird bewaffnet. Sie wird tödlich. Renee Nicole Good wurde bei einem Einsatz erschossen. Zeugen berichten, der Beamte habe sie im Sterben als „verdammte Schlampe“ beschimpft. In den Tagen danach schilderten Anwohner weitere Drohungen: „Habt ihr nichts gelernt? Deshalb haben wir diese lesbische Schlampe getötet.“ Alex Pretti starb durch Schüsse von Grenzschutzbeamten. Zwei Tote sind keine „Kommunikationspanne“. Sie markieren einen Punkt, an dem die Debatte nicht mehr über Stilfragen geführt werden darf, sondern über Macht, Straffreiheit und die Enthemmung staatlicher Gewalt.

Vor Ort herrscht die Einschüchterung im Alltag, aggressive Kontrollen, einem Klima, in dem jedes Nicht-Mitmachen als Provokation gilt. Schulen melden Fehlzeiten. Eltern meiden Bushaltestellen. Lehrkräfte sagen offen, dass Angst in den Unterricht hineinragt. Gleichzeitig wird jede Kritik abgewehrt: Wer über ICE spreche, schüre Panik. Wer Fragen stelle, beleidige Beamte. Das ist die bekannte Umkehr: Nicht die Gewalt ist das Problem, sondern der Hinweis darauf. In dieser Logik wird aus Kritik „Gefährdung“, aus Dokumentation „Feindarbeit“, aus Zivilgesellschaft „Störung“. Und genau dort entsteht das Risiko, dass noch mehr passiert. Denn wenn Menschen in Uniform lernen, dass sie im moralischen Recht sind, dass sie „die Heimat“ retten, dass sie gegen „Eindringlinge“ kämpfen, dann sinkt die Hemmschwelle. Wer sich als Retter sieht, hört schlechter zu. Wer sich als Kämpfer versteht, reagiert schneller mit Gewalt.

Der Punkt ist nicht, ICE mit dem KKK gleichzusetzen. Der Punkt ist: Staatliche Macht bedient sich wieder der gleichen Angstmechanik, die historisch rassistische Gewalt legitimiert hat – Schutzmythen, Feindbilder, Entmenschlichung. Und diese Mechanik wird jetzt nicht mehr nur in Pamphleten genutzt, sondern in offizieller Politik, in Rekrutierungsbildern, in Sprachregelungen, in Einsätzen auf der Straße. Minnesota zeigt, wie schnell das kippt. Wie schnell aus „Durchsetzung“ eine Jagd wird. Wie schnell aus „Sicherheit“ ein Klima wird, in dem Menschen sterben und trotzdem so getan wird, als sei das der Preis einer notwendigen Ordnung. Wer das als Übertreibung abtut, hat die Geschichte nicht verstanden. Wer es akzeptiert, gibt die Idee auf, dass Staat an Recht gebunden ist.

Hier geht es nicht nur um Abschiebungen. Das ist Strafe und Unterwerfung. Frauen, die widersprechen, queere Menschen, politische Gegner – sie werden als Störung einer angeblich natürlichen Ordnung markiert. Wer nicht gehorcht, riskiert Gewalt. Wer Autorität in Frage stellt, wird zum Feind. Wenn bewaffnete Kräfte mit der Überzeugung auf die Straße geschickt werden, sie führten einen heiligen Auftrag aus, sinkt die Hemmschwelle. Wenn ihnen signalisiert wird, dass Härte erwartet und gefeiert wird, wächst das Risiko tödlicher Eskalation. Minnesota zeigt, wohin eine solche Mischung führt: Ideologie, Waffen, Straffreiheit.

Die politische Verantwortung liegt nicht bei einzelnen Beamten allein. Sie beginnt bei der Sprache, mit der geworben wird, bei den Bildern, die verbreitet werden, bei den Feindbildern, die geschürt werden. Wer Gewalt als notwendigen Preis für Ordnung darstellt, darf sich nicht wundern, wenn Gewalt zum Mittel wird. Minnesota ist kein Ausnahmefall. Wenn staatliche Macht mit Verschwörungsdenken, Misogynie und ethnischer Abgrenzung aufgeladen wird, entstehen Strukturen, in denen Tote einkalkuliert sind. Dann ist das Teil des Plans.

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