Elf Tage vorher – Die Eskalation vor dem Tod

VonRainer Hofmann

Januar 29, 2026

Elf Tage vor seinem Tod lag Alex Pretti bereits einmal auf dem Asphalt von Minneapolis. Nicht tot, aber gedemütigt, umringt von maskierten Bundesbeamten, die ihn zu Boden zerrten, während um sie herum Trillerpfeifen schrillten und eine aufgeheizte Menge schrie. Die jetzt aufgetauchten Videos zeigen keinen gefährlichen Mann. Sie zeigen einen Menschen, der wütend ist, überfordert, provozierend – und doch durchgehend erkennbar als jemand, der keine Gewalt ausübt, keine Waffe zieht, niemanden angreift. Sie zeigen vor allem, wie weit die Eskalation durch die Behörden bereits vorangetrieben worden war, lange bevor Pretti erschossen wurde.

Am 13. Januar, bei einem Protest gegen Abschiebungen, tritt Pretti gegen das Rücklicht eines Einsatzfahrzeugs, es zerbricht. Es ist eine Tat aus Wut, keine Frage. Aber was folgt, steht in keinem Verhältnis. Ein Beamter springt aus dem Wagen, greift Pretti am Oberkörper, zerrt ihn zurück auf die Straße. Weitere Beamte stürzen hinzu, bringen ihn auf die Knie, drücken ihn zu Boden. Gasmaske, Helm, Schutzschild – eine militärische Choreografie gegen einen einzelnen Mann. Sein Mantel wird ihm im Gerangel vom Körper gerissen. Sekunden später läuft Pretti davon. Niemand ist verletzt. Niemand greift zur Waffe. Niemand wird bedroht. Und doch ist in diesen Bildern bereits alles angelegt, was elf Tage später tödlich enden wird.

Als Pretti der Kamera den Rücken zukehrt, ist in seinem Hosenbund etwas zu erkennen, das wie eine Pistole aussieht. Er greift nicht danach. Er deutet sie nicht an. Es bleibt unklar, ob die Beamten sie überhaupt sehen. Entscheidend ist: Auch hier passiert nichts. Kein Schuss. Kein Angriff. Keine Eskalation durch Pretti. Er geht. Und er bleibt ein Mensch unter Menschen. Kurz darauf umarmt ihn Max Shapiro, ein Anwalt aus Minneapolis, der die Szene gefilmt hat. Shapiro fragt, ob alles in Ordnung sei. Pretti fragt zurück, fast schon fürsorglich: Ob es allen gut gehe. Ob alle sicher seien. Diese Worte stehen wie ein Kontrastblock zu dem Bild, das später von offizieller Seite gezeichnet wird.

Elf Tage später ist Alex Pretti tot. Am 24. Januar filmt er erneut Bundesbeamte, half einer Frau, unterstützte die Proteste. Wieder auf offener Straße. Wieder unbewaffnet im Handeln. Wieder mit dem Handy in der Hand. Wieder eskaliert die Situation nicht durch ihn, sondern durch die Beamten. Ein Stoß. Er geht zu Boden. Mehrere Beamte stürzen sich auf ihn. Dann der Ruf: Er hat eine Waffe. Sekunden später fallen Schüsse. Pretti wird von hinten erschossen, während er am Boden liegt. Die Trump-Regierung reagiert wie auf Kommando. Pretti habe Beamte angegriffen. Er habe sich ihnen mit einer Waffe genähert. Die Videos widerlegen das. Vollständig. Er zieht keine Waffe. Er schlägt niemanden. Er liegt auf dem Boden, das Telefon noch in der Hand.

Die nun veröffentlichten Aufnahmen vom 13. Januar werden von manchen genutzt, um Pretti nachträglich zu kriminalisieren. Genau das ist die Logik, die diese Bilder entlarven. Sie zeigen keinen gefährlichen Täter, sondern einen Mann, der bereits damals in eine Situation geraten war, in der Bundesbeamte mit maximaler Härte reagieren, ohne dass eine akute Gefahr besteht. Sie zeigen ein Klima, in dem Menschen systematisch bis an die Grenze getrieben werden – emotional, körperlich, psychisch. Pretti war 37 Jahre alt. Intensivpfleger. Er arbeitete auf einer Station, auf der Menschen um ihr Leben kämpfen. Wer ihn kannte, beschreibt keinen Radikalen, keinen Gewalttäter, sondern jemanden, der nicht mehr wegsehen konnte. Der nicht akzeptierte, dass Abschiebungen mit Einschüchterung, Masken, Tränengas und wachsender Aggression gegen Beobachter und Medien durchgesetzt werden. Dass selbst Journalistinnen und Journalisten zunehmend bedrängt, bedroht, behindert werden, ist Teil desselben Musters. Bundesbeamte reagieren auf Kameras nicht mehr defensiv, sondern feindselig. Journalistische Arbeit, rechtliche Beobachtung, zivile Dokumentation werden als Störung behandelt. In Minneapolis ist das kein Einzelfall mehr. Medienvertreter werden bedrängt, weggedrängt, eingeschüchtert. Das durften wir erst gestern wieder alle erleben.

Der Anwalt der Familie bringt es nüchtern auf den Punkt: Nichts, was eine Woche zuvor passiert ist, rechtfertigt eine tödliche Schussabgabe. Das ist keine emotionale Aussage, sondern eine juristische Selbstverständlichkeit. Was diese Videos zeigen, ist keine Rechtfertigung. Sie sind ein Beweisstück. Für eine Entwicklung, in der staatliche Gewalt immer schneller greift, immer früher eskaliert und immer weniger Kontrolle kennt. Für eine Praxis, die Menschen entmenschlicht, sie reizt, sie provoziert, sie zermürbt – und sich am Ende wundert, wenn Situationen außer Kontrolle geraten. Alex Pretti war kein Symbol. Er war ein Mensch. Genau das machen diese Bilder sichtbar. Und genau deshalb sind sie für ICE und die politische Führung so gefährlich.

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Anja
Anja
2 Tage zuvor

Jedem der schreibt „er ist gewaltbereit und hatte eine Waffe, das rechtfertigt die Exekution“, sollte man zurückschreiben, „dann hätte die Polizei des Capitols die Angreifer des 6. Januars auch alle erschießen dürfen“

Monika SpNNEKREBS
Monika SpNNEKREBS
2 Tage zuvor

Vielen Dank für eure Arbeit. Ihr seid einige der wenigen Journalisten, denen ich vertraue.

Bibs Duell
Bibs Duell
2 Tage zuvor

Mit diesen „Beamten“ hätte es am 6. Januar hunderte Tote gegeben.

Harald Grundke
Harald Grundke
2 Tage zuvor

Immer das gleiche Spiel, er war im Grunde doch der Täter, selbst schuld Ein gefährlicher Mensch.
Aber was hat dieses Video mit der Ermordung elf Tage später zu tun? Erstmal nichts. Es sei denn, man möchte diesem „Querulanten“ zeigen wer das sagen hat. Schließlich wurde ihnen ja absolute Immunität versprochen. Nur mal so als These.

Ela Gatto
Ela Gatto
1 Tag zuvor

War Alex Pretti auf einer Demonstration? Ja, das ist sein konstitutionelles Recht!
Hat er gegen ein unmarkiertes Duenstfahrzeug getreten? Ja!
Wurde in dieser Situation exzessiv Gewalt durch ICE angewendet? Ja!

Das daraus MAGA einen links radikalen Inlandsterroristen konstruieren und sich die Stimmen mehren „wer zu Hause bleibt, dem passiert nichts“ (was im Widerspruch zu den ganzen Hauseinbrüchen durch ICE steht)
Das ist derart abscheulich und sagt sehr viel über due Tendenz in den USA aus.

Wenn man mit Argumenten stockt, kreeirt man ein anderes Imfeld.
Laken Riley wird wieder gepostet, weil sie als vollkommen unschuldig, von einem Migranten ermordet wurde.
Und Pretti hat sich in Gefahf begeben mit Waffe und war selber Schuld…. immer ablenken, andere Opfer präsentieren um das Leben von Good und Pretti herab zu würdigen und ihren Tod als unvermeidbare Konsequdnz darzustellen 😟

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