Josh Shapiro ist Gouverneur des US-Bundesstaates Pennsylvania, Demokrat, ehemaliger Generalstaatsanwalt und einer der profiliertesten jüdischen Politiker des Landes. Er gilt als juristisch präzise, politisch kontrolliert und zurückhaltend in der Wortwahl. Wenn Shapiro öffentlich scharf formuliert, dann nicht aus Affekt, sondern nach Abwägung. Genau deshalb hat seine Kritik an JD Vance Wirkung. Josh Shapiro kritisiert JD Vance nicht dafür, dass er am 27. Januar einen Kranz niederlegte oder öffentlich sprach. Seine Kritik richtet sich auf etwas anderes: auf die Entscheidung, zentrale historische Tatsachen auszusparen. Auf das Weglassen dessen, was an diesem Tag nicht beliebig ist.

JD Vance wirkte sichtbar desinteressiert, der Auftritt war auffallend kurz
In Vances Rede tauchten weder Jüdinnen und Juden auf, noch die Zahl der sechs Millionen Ermordeten, noch die Täter. Hitler und die Nationalsozialisten wurden nicht benannt. Stattdessen sprach Vance allgemein von Millionen verlorener Leben, von einem dunklen Kapitel der Geschichte und von unsagbarer Brutalität. Worte, die korrekt klingen, aber den historischen Kern meiden. Für Shapiro ist dieses bewusstes Weglassen kein Zufall. Gerade am Holocaust-Gedenktag gilt eine klare Erwartung: Es wird benannt, wer ermordet wurde, von wem und aus welchem ideologischen Antrieb heraus. Wird diese Klarheit vermieden, verliert das Gedenken seine Schärfe und seinen historischen Bezug. Es wird abstrakt. Und Abstraktion ist im Zusammenhang mit dem Holocaust nie neutral.
Shapiros Einordnung beruht auf dem politischen Kontext von Vance. Er verweist ausdrücklich darauf, dass Vance wiederholt Sympathien für die AfD gezeigt hat, eine Partei, in der die Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen, geschichtsrevisionistische Sprache und antisemitische Codes kein Ausnahmefall sind. Wer eine solche Partei offen unterstützt oder verharmlost, steht unter besonderer Beobachtung, wenn es um Erinnerungspolitik geht. Hinzu kommt Vances Nähe zu rechten Milieus in den Vereinigten Staaten, in denen antisemitische Darstellungen offen oder unterschwellig verbreitet werden. Shapiro spricht davon, dass Vance diesen Kräften Rückhalt gegeben habe. Vor diesem Hintergrund wirkt eine Rede, die Täter und jüdische Opfer unbenannt lässt, nicht versöhnlich, auf historische Unschärfe angelegt.
Der Kranz allein ändert daran nichts. Symbolische Gesten ersetzen keine Sprache. Gerade von einem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten wird erwartet, dass er historische Verantwortung nicht umgeht, sondern ausspricht. Nicht in allgemeiner Form, sondern konkret. Shapiro beanstandet nicht den Akt des Gedenkens, sondern die bewusste Vermeidung klarer Benennung von Tätern und jüdischen Opfern. Erinnerung, die niemanden benennt, verpflichtet niemanden. Erinnerung, die Täter und Opfer klar benennt, schon. Dass diese Klarheit an einem solchen Tag fehlte, ist für ihn kein formaler Fehler, sondern ein politisches Statement.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Halten von Shapiro und Vance was Sie wollen, aber, dass Juden tendieren den Halocaust für sich allein zu beanspruchen, wird unerträglich.
Von den rund elf Millonen Ermordeten waren rund sechs Millonen Juden (Zahlen aus verschiedenen Quellen).
Von den Roma, Sinti und anderen hören wir kaum etwas; von der jüdischen Seite als Mitleidenden nichts.
Heute noch werden Roma und Sinti aus racial/ethnischen Gründen discriminiert, auch von Juden.
Wieso hören wir keine Rufe — auch von Juden nicht — nach einer Heimat für R&S?
hier haben wir ein vorzügliches beispiel für einen antisemitischen kommentar. in dieser serie von behauptungen ist jeder einzelne satz ein beispiel für desinformation, und ein im hintergrund wabernder hass („unerträglich“) schwingt mit. also bilanziere ich in diesem sinne mit dem kommentierenden: „halten Sie von shapiro und vance, was Sie wollen, aber die juden, das sind in wahrheit jene, die dirkriminieren, von denen man ´nichts hört´, sie sind auch keine ´mitleidende´!“ ganz pauschal formuliert. wenn eine solche (absichtliche, propagandistische) aneinanderreihung von sätzen nicht so maßlos gefährlich wäre, würde man einfach sagen können, dass es maßlos unreflektiert und dumm ist.
Danke, sehr gut formuliert!
Danke für diesen wichtigen Denkanstoß
Wir halten unterschiedliche Bewertungen von Shapiro und Vance aus. Was wir jedoch klar zurückweisen, ist die pauschale Unterstellung, Jüdinnen und Juden würden den Holocaust „für sich beanspruchen“. Der Holocaust war ein staatlich organisierter Vernichtungsprozess des nationalsozialistischen Deutschlands. Er richtete sich gegen verschiedene Gruppen – mit unterschiedlichen Zielsetzungen und unterschiedlicher Systematik.
Richtig ist: Rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden wurden ermordet. Richtig ist ebenso: Hunderttausende Roma und Sinti wurden ebenfalls verfolgt, entrechtet und ermordet. Diese Verbrechen stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Erinnerung ist kein Nullsummenspiel.
Dass die Verfolgung von Roma und Sinti bis heute gesellschaftlich und politisch oft marginalisiert wird, ist ein reales Problem. Darüber haben wir selbst mehrfach berichtet. Diese fortdauernde Diskriminierung verdient Aufmerksamkeit, Schutz und politische Konsequenzen – heute, nicht irgendwann.
Problematisch wird ihr Kommentar dort, wo Verantwortung verschoben wird. Antiziganismus ist kein „jüdisches“ Problem, sondern ein strukturelles Versagen von Gesellschaften, Staaten und Mehrheitskulturen – historisch wie gegenwärtig. Wer Diskriminierung benennt, sollte sie nicht durch neue Pauschalisierungen reproduzieren.
Eine „Heimat“-Debatte für Roma und Sinti greift zudem historisch und politisch zu kurz. Roma und Sinti sind keine staatenlose Gruppe ohne Herkunft, sondern seit Jahrhunderten Teil europäischer Gesellschaften. Ihr Recht ist nicht Auslagerung, sondern Gleichberechtigung, Schutz und Anerkennung dort, wo sie leben.
Erinnerungspolitik darf nicht spalten. Sie muss differenzieren, benennen und Verantwortung klar verorten. Genau das ist unser Anspruch – auch in der Berichterstattung zu diesem Thema.
Danke Rainer für diesen ausführlichen Kommentar.
Ich war schon über die Formulierungen in Bezug auf die Juden/Jüdinnen entsetzt.
Von Vance kann man keinen Anstand und Respekt erwarten.
Ein unangenehmer Pflichttermin bei kalten Wetter.
Ein Faschist und Rassist wird in seiner Rede kaum die Verbrechen eines anderen Faschisten erwähnen oder kritisieren.
Shapiro hat es klar und deutlich formuliert.
Ich hoffe, dass es auch ein Erwachen in der jüdischen Gemeinde gibt.
Auch bei den Orthodoxen Juden, die mehrheitlich republikanisch wählen. Weil sie gegen Abtreibungen und gleichgeschlechtliche Ehe sind.
Hier aber geht es um die grausige Vergangenheit, die nicht vergessen werden darf.
Sonst wiederholt sie sich… in den USA.
Jared Kushner ist Jude.
Allerdings wohl nur noch pro forma.
Sonst hätte er wohl klare Worte, wie Shapiro, gefunden.
Aber er macht lieber Deals in Abu Dhabi ….