In Minnesota bricht gerade etwas auseinander, das lange als stabil galt. Still, aber unübersehbar verlassen Bundesstaatsanwälte ihre Büros, räumen Schreibtische, geben Ausweise ab. Nicht aus Karrieregründen, nicht wegen eines Wechsels in die Privatwirtschaft, sondern aus Überzeugung. Der Umgang der Trump-Regierung mit der tödlichen Erschießung von Renée Good hat eine Welle ausgelöst, die inzwischen die gesamte US-Bundesstaatsanwaltschaft in Minnesota erfasst. Mindestens fünf Bundesstaatsanwälte haben allein in dieser Woche ihren Rücktritt erklärt, darunter der stellvertretende Leiter der Behörde. Weitere Abgänge gelten intern als wahrscheinlich. Ehemalige und noch aktive Mitarbeiter sprechen offen davon, dass erfahrene, angesehene Juristen gehen – Menschen, die das Rückgrat der Behörde gebildet haben. Fast fünfzig von rund 135 Beschäftigten sollen seit Trumps Wiederwahl die US-Bundesstaatsanwaltschaft in Minnesota verlassen haben. Zurück bleibt eine ausgedünnte Struktur, in der kaum noch jemand weiß, wie die Arbeit auf diesem Niveau weitergehen soll.

„Was wir erleben ist wie Krieg. So fühlt es sich hier an. In Minneapolis. Als würde man zusehen, wie Regeln verrutschen, Rollen verschwimmen und man selbst Teil eines Spiels wird, das man nicht gewählt hat. Man sagt uns, wir müssten lernen zu fressen, um nicht gefressen zu werden. Man erklärt uns, es gebe nur Schafe und Wölfe. Doch das ist zu billig“.
Der Auslöser liegt im 7. Januar. An diesem Tag wurde die 37-jährige Mutter Renée Good in Minneapolis von einem ICE-Beamten mit Schüssen in Kopf und Brust getötet. Sie hatte mit ihrem Fahrzeug eine Nachbarschaftsstraße teilweise blockiert und gegen einen Einsatz der Bundesbehörden protestiert. Mehrere Videos dokumentieren den Ablauf aus unterschiedlichen Perspektiven. Auch der Schütze filmte selbst. In seiner Aufnahme ist nach den Schüssen eine männliche Stimme zu hören, die Good beschimpft. Dass es seine eigene ist, wurde überprüft und bestätigt.

Statt den Schützen und den Ablauf der Tat in den Mittelpunkt zu stellen, verteidigte das Justizministerium den Beamten. Good habe versucht, ihn mit ihrem Auto zu überfahren, hieß es. Gleichzeitig erhielt die US-Bundesstaatsanwaltschaft in Minnesota die Anweisung, den Fokus auf die Ehefrau von Renée Good zu richten, die ebenfalls vor Ort protestiert hatte. Für viele Staatsanwälte war dies der Punkt, an dem sie nicht mehr mitgehen konnten. Eine detaillierte Bild-für-Bild-Analyse der Videos zeigt, dass Good weglenkte und nicht auf den Beamten zufuhr. Die offizielle Darstellung hielt dieser Überprüfung nicht stand.
Brennan: Erzählen Sie mir etwas über den Beamten, Jonathan Ross. – Noem: Sagen Sie seinen Namen nicht. Um Himmels willen, wir sollten nicht zulassen, dass Strafverfolgungsbeamte weiter gedoxt werden. – Brennan: Sein Name ist öffentlich bekannt.
Noem: Ich weiß, aber das heißt nicht, dass er weiterhin genannt werden sollte. (18. Januar 2026)
Hinzu kam, dass Bundesbehörden die Ermittler des Bundesstaates frühzeitig aus der Untersuchung ausschlossen. Damit wurde es lokalen Stellen erheblich erschwert, Beweise zu sichern. Mitarbeiter der US-Bundesstaatsanwaltschaft in Minnesota berichten, dass Kolleginnen und Kollegen beim Ansehen der Aufnahmen weinten, dass die emotionale Belastung enorm war – nicht nur wegen der Tat selbst, sondern wegen der politischen Reaktion darauf.
Parallel eskalierte die Lage in der Stadt. Seit Beginn der sogenannten Operation Metro Surge wurden in den Twin Cities mehr als 2.400 Menschen von Bundesbeamten festgenommen. Videos verbreiten sich, die brutale Szenen zeigen: eine behinderte Frau, aus ihrem Auto gezerrt; ein bewusstloser Mann in Handschellen; ein Fahrzeug mit sechs Kindern, gegen das ein Blendkörper eingesetzt wird, ein sechs Monate altes Baby musste ins Krankenhaus. Der öffentliche Druck wächst, die Rufe nach Verantwortung werden lauter.
Doch genau hier liegt das strukturelle Problem. Um Verfahren wegen Bürgerrechtsverletzungen gegen ICE-Beamte einzuleiten, braucht die US-Bundesstaatsanwaltschaft in Minnesota die Zustimmung aus Washington. Und diese gilt intern als unerreichbar. Wenn nicht einmal für eine Frau, die aus nächster Nähe erschossen wurde, eine unabhängige Untersuchung durchsetzbar ist, wie sollen dann andere Fälle verfolgt werden? Diese Frage stellen sich viele der Juristen, die nun gehen.
Die personellen Folgen sind gravierend. Die US-Bundesstaatsanwaltschaft in Minnesota hatte bereits vor den jüngsten Rücktritten weniger als dreißig Staatsanwälte. Das ist nicht einmal die Hälfte der vorgesehenen Besetzung. Um die Flut an Fällen überhaupt zu bewältigen, werden inzwischen Militärjuristen eingesetzt. Weitere sollen folgen. Für erfahrene Beobachter ist das ein Alarmsignal. Wissen, Erfahrung und institutionelles Gedächtnis gehen verloren. Ermittlungen zu Betrug, zu schweren Gewaltverbrechen und zu politisch sensiblen Fällen geraten ins Stocken.
Besonders bitter ist die Art, wie mit einigen der Zurückgetretenen umgegangen wurde. Mehrere hatten angeboten, mit angesammeltem Urlaub noch eine Übergangsphase zu begleiten. Stattdessen wurden sie nach ihren Rücktrittserklärungen entlassen, ihre Zugänge gesperrt und sie aus dem Gebäude geführt. Ein harter Schnitt, der das Klima weiter vergiftet.

Was sich in Minnesota abzeichnet, ist mehr als eine regionale Krise. Es ist ein Blick auf ein Justizsystem, das unter politischem Druck zu reißen beginnt. Wenn Karrierejuristen massenhaft gehen, nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Prinzip, dann ist das ein Warnsignal. Die Folgen werden über Jahre spürbar sein – nicht nur für laufende Verfahren, sondern für das Vertrauen in den Rechtsstaat selbst.
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Unglaublich, dass Minnesota als souveräner Bundesstaat, die Erlaubnis von US-Regierung braucht um gegen einen kriminellen ICE Typen zu ermitteln.
Damit ist doch jedes Rechtsgefüge der einzelnen Bundesstaaten nichts wert.
Bundesbeamte können sich entspannt zurück lehnen, weil sie wissen durch Trump haben sie letztlich komplette Immunität.
Sie können vergewaltigen, morden, Menschen verletzen und ihnen wird rein gar nichts passieren…
Was für ein Rechtssystem ist das?
Nord Korea? Russland? China?
Ich verstehe die Staatsanwälte auf der einen Seite.
Sie wollen sich an diesen Verbrechen nicht mit schuldig machen.
Andererseits fehlen dadurch Staatsanwälte, denen das Recht und nicht Trumps Agenda wichtig sind.