Der Stromkrieg – warum das AKW Saporischschja zum Streitpunkt im Friedensplan wird

VonRainer Hofmann

Januar 2, 2026

Im Schatten aller Frontlinien liegt ein Ort, an dem sich die Zukunft der Ukraine entscheiden könnte – nicht durch Waffen, sondern durch Strom. Das Atomkraftwerk Saporischschja, Europas größtes, steht seit fast vier Jahren unter russischer Besatzung. Alle sechs Reaktoren sind abgeschaltet, das Gelände mehrfach beschädigt, die Gefahr eines nuklearen Zwischenfalls bleibt real. Doch was heute stillsteht, könnte morgen zur Schlüsselressource für den Wiederaufbau werden – oder zur Machtquelle russischer Kontrolle.

AKW Saporischschja

Präsident Selenskyj erklärte jüngst, man sei mit den USA „zu 90 Prozent“ einig in der Frage eines Kriegsendes. Doch in den übrigen zehn Prozent liegt der wohl heikelste Streitpunkt: Wer bekommt das Atomkraftwerk? Russland will es behalten, die Ukraine will es zurück, und Washington strebt eine gemeinsame Betriebsführung an – mit sich selbst in der Rolle des Hauptverwalters. Kiew lehnt das kategorisch ab. Denn die Anlage ist mehr als ein technischer Ort. Vor dem Krieg deckte sie ein Viertel des ukrainischen Strombedarfs. Heute wäre sie unverzichtbar für den Wiederaufbau – nicht nur für Wohnungen und Straßen, sondern auch für energieintensive Projekte wie Rechenzentren oder die Verarbeitung von Rohstoffen. Die USA hatten sich früh bevorzugte Rechte bei der Erschließung ukrainischer Mineralien gesichert. Doch ohne ausreichend Strom bleiben diese Abkommen wertlos. Saporischschja ist damit auch für amerikanische Wirtschaftsinteressen von zentraler Bedeutung.

Russland verfolgt unterdessen einen anderen Plan. Recherchen zeigen auf, dass Russland bereits Leitungen gebaut hat, um den Strom des Werks in das russische Netz einzuspeisen – nicht nur zur Eigenversorgung, sondern auch für die besetzten Gebiete im Süden der Ukraine. „Sie haben es besetzt, und sie glauben, dass wir sie nicht daran hindern können, es wieder in Betrieb zu nehmen“, sagte Selenskyj. Moskau stellt das Kraftwerk als humanitären Faktor dar – für Menschen in Regionen ohne Wasser und Strom. Der Unterton: Wer sich wehrt, verweigert der Zivilbevölkerung das Lebensnotwendige. Zwischenzeitlich kam es immer wieder zu Ausfällen. Kämpfe in der Nähe beschädigten Stromleitungen, auf die die Kühlung des Brennmaterials angewiesen ist. Dieselgeneratoren sprangen ein, doch die Lage blieb angespannt. Nach der Zerstörung eines Damms 2023 musste das Werk auf einen kleineren Kühlteich und Grundwasserbrunnen ausweichen. Die Angst vor einem Unfall blieb bestehen.

Ein früher Friedensentwurf sah eine Kontrolle durch die Internationale Atomenergiebehörde vor, mit gleichmäßiger Stromverteilung zwischen Russland und der Ukraine. In der jüngsten Version schlugen US-Unterhändler vor, das Werk gemeinsam zu betreiben – Russland, die Ukraine und die Vereinigten Staaten, letztere als „federführender Betreiber“, wie Selenskyj sagte. Für ihn eine absurde Vorstellung: „Wie soll es gemeinsame kommerzielle Aktivitäten mit Russland geben – nach allem, was geschehen ist?“ Stattdessen schlägt Kiew ein Modell vor, bei dem das Kraftwerk mit den USA als Partner geführt wird. Die Hälfte des Stroms soll in die Ukraine gehen, über die andere Hälfte dürfe Washington frei verfügen – auch, so die unausgesprochene Option, um Teile davon nach Russland weiterzuleiten. Doch dass Moskau freiwillig auf das Kraftwerk verzichtet, gilt als unwahrscheinlich.

Fünfzehn Stunden lang, so Selenskyj, habe man in den vergangenen Tagen über die Zukunft von Saporischschja beraten. Es ist nicht nur ein Streit um Technik, Strom oder Kontrolle. Es ist ein Kampf um Unabhängigkeit, um Wiederaufbau, um Souveränität. Und um die Frage, wem am Ende wirklich gehört, was mitten im Krieg zur Zielscheibe wurde.

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Lea
Lea
8 Stunden zuvor

Alle sind auf den Strom angewiesen, also wird das noch sehr spannend.

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