Unter der Wasserlinie der Wahrheit – Wie die „Ursa Major“ mit nuklearen VM-4SG-Reaktorhüllen verschwand

VonRainer Hofmann

Januar 1, 2026

Die Spur war nicht die Explosion, sondern eine Unstimmigkeit. Ein russisches Frachtschiff, unterwegs auf einer Route, die jeder maritimen Logik widersprach, meldete eine harmlose Ladung – leere Container, Hafenkräne, Ausrüstung. Doch die Ursa Major fuhr nicht den kurzen Weg von St. Petersburg nach Wladiwostok, sondern nahm Kurs durch das Mittelmeer. Als sie Ende Dezember 2024 rund 60 Seemeilen südlich von Cartagena in Seenot geriet, begann eine Kette von Ereignissen, die heute – nach Recherchen gemeinsam mit spanischen Kollegen und einem russischen Aktivistennetzwerk – in einer brisanten Schlussfolgerung mündet:An Bord befanden sich zwei VM-4SG-Reaktorhüllen, bestimmt für Nordkorea.

Die Bezeichnung „VM-4SG“ steht für eine spezielle Klasse russischer Schiffsreaktoren, die ursprünglich für den Einsatz in Atom-U-Booten entwickelt wurden. Es handelt sich nicht um komplette Reaktorsysteme, sondern um die äußeren Hüllen dieser Reaktoren – also um die tonnenschweren, hochspezialisierten Druckbehälter, die später mit nuklearem Brennstoff und Steuertechnik bestückt werden. Sie sind das industrielle Rückgrat eines Antriebs, der einem U-Boot monatelange Unterwasserfahrt ermöglichen kann. Entsprechend sensibel ist ihr Transfer: Wer solche Bauteile verschifft, exportiert strategische Militärtechnologie.

Diese Einschätzung stammt aus einer spanischen Untersuchung und Recherchen. Die Ermittler sowie die Recherchen stützten sich auf Luftaufnahmen, Kursdaten und Schadensanalysen. Am Heck des Schiffs waren schwere, blaue Container montiert, die im Frachtmanifest nicht auftauchten. Ihre Größe und Fixierung passten nicht zu leerem Ladegut. Nach Erkenntnissen der Ermittler und unabhängigen Recherchen handelte es sich um zwei VM-4SG-Reaktoren – ein Typ, der für den Einsatz in Atom-U-Booten entwickelt wurde. Zielhafen: Rason in Nordkorea, wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

Den zeitlichen Ablauf konnte man jetzt präzise dokumentieren. Am 22. Dezember 2024 verzeichneten die Behörden eine abrupte Kursänderung und den Ausfall der Maschinen. Einen Tag später setzte die Ursa Major einen Notruf ab. Als spanische Rettungskräfte eintrafen, lag das Schiff mit starker Schlagseite nach Steuerbord im Wasser. Fotos der Einsatzkräfte zeigen ein klares Bild: ein Loch in der Außenhaut, Metall nach innen gedrückt. Kein Anzeichen für eine Explosion aus dem Inneren, kein Brand, keine typischen Spuren eines Maschinenunfalls. Die Größe und Form der Beschädigung schlossen einen herkömmlichen Torpedo aus. Sie passten jedoch zu einem Treffer durch ein superkavitierendes, panzerbrechendes System mit geringer oder ganz ohne Sprengladung – eine Technik, über die mehrere Staaten verfügen. Seismografen registrierten in dem Moment, als das Schiff endgültig verschwand, eine Unterwassererschütterung, die einer Detonation von 20 bis 50 Kilogramm TNT entsprach. Kurz darauf sank die Ursa Major in rund 2.500 Metern Tiefe.

Was folgte, verschärfte die Lage. Das russische Landungsschiff Ivan Gren tauchte im Einsatzgebiet auf und forderte spanische Einheiten auf, sich zurückzuziehen. Es wurden Signalraketen gezündet, elektronische Störungen gemeldet. Die Rettungsarbeiten gerieten unter Druck. Obwohl die Ursa Major noch schwamm und der Maschinenraum verschlossen war, konnten zwei Besatzungsmitglieder nicht mehr gefunden werden. Vierzehn wurden gerettet.

Der Eigentümer des Schiffs, das staatliche Unternehmen Oboronlogistika mit direkter Anbindung an das russische Verteidigungsministerium, sprach von einem Terrorangriff. Doch in den spanischen Akten steht eine weitere Möglichkeit: dass Russland selbst den Untergang in Kauf nahm – oder herbeiführte –, um die nukleare Lieferung zu verbergen. Diese Annahme erhält Gewicht durch ein weitere Recherchen. Wenige Zeit nach dem Sinken erschien das russische Spezialschiff Yantar am Unglücksort, ausgerüstet für Tiefseeoperationen. Analysten halten es für möglich, dass dort gezielt Spuren beseitigt oder Ladungsreste unzugänglich gemacht wurden. Die Route, die Ladung, das Schadensbild und das Eingreifen russischer Einheiten ergeben zusammengenommen ein Bild, das weit über einen Schiffsunfall hinausgeht. Sollte sich bestätigen, dass Nordkorea Reaktorhüllen für militärische Zwecke erhalten sollte, wäre dies ein schwerer Verstoß gegen internationale Vereinbarungen – und ein Hinweis darauf, wie eng Moskau und Pjöngjang inzwischen kooperieren.

Die Ursa Major liegt nun auf dem Meeresgrund. Doch was mit ihr versank, ist nicht verschwunden. Es ist eine Geschichte aus Stahl, Geheimhaltung und Entscheidungen, die offenbar selbst den Tod von Seeleuten in Kauf nahmen. Die Recherchen haben sie ans Licht gezogen. Der Rest der Welt muss nun entscheiden, wie viel Wahrheit sie sehen will – und welche Konsequenzen sie daraus zieht, denn in der EU, wir hatten die gesamten Recherchen nach Brüssel gesendet, herrschte schweigende Ignoranz und Ablehnung auf wirkliche Arbeit. Denn wer einen Krieg wie eine Serie behandelt, als Spektakel, in Episoden, der verliert irgendwann die Fähigkeit zu benennen, was er ist: Ein Albtraum. Und einer davon liegt in 2.500 Meter Tiefe.

Liebe Leserinnen und Leser,
Wir berichten nicht aus der Distanz, sondern vor Ort. Dort, wo Entscheidungen Menschen treffen und Geschichte entsteht. Wir dokumentieren, was sonst verschwindet, und geben Betroffenen eine Stimme.
Unsere Arbeit endet nicht beim Schreiben. Wir helfen Menschen konkret und setzen uns für die Durchsetzung von Menschenrechten und Völkerrecht ein – gegen Machtmissbrauch und rechtspopulistische Politik.
Ihre Unterstützung macht diese Arbeit möglich.
Kaizen unterstützen

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x